Tauber Maler lässt Farben und Formen sprechen

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Im Altenheim Stift St. Veit hat Heribert Segl sein eigenes kleines Atelier, in das er sich nach Belieben zurückziehen und seinem liebsten Hobby der Malerei nachgehen kann.

Neumarkt-St. Veit - An den Wänden hängen zahlreiche Bilder, die den Betrachter in ihren Bann ziehen und es riecht nach frischer Farbe. Wir haben die Welt eines Künstlers betreten.

Der Raum ist lichtdurchflutet, an den Wänden hängen zahlreiche Bilder, die den Betrachter in ihren Bann ziehen und es riecht nach frischer Farbe. Für den Besucher besteht kein Zweifel: Mit dem Schritt über die Türschwelle hat er die Welt eines Künstlers betreten.

An einem langen Arbeitstisch, der von Mal- und Arbeitsgerät gesäumt ist, sitzt Heribert Segl. Er ist in seine Arbeit vertieft, blättert in einem Magazin für moderne Kunst und bemerkt nicht, dass jemand den Raum betreten hat. Kann er auch nicht. Er ist taub. Als er seinen Besuch wahrnimmt, strahlt er, lacht über das ganze Gesicht.

Normalerweise stehen Maler vor ihren Leinwänden. Heribert Segl kann das nur selten, und wenn dann braucht er seine Krücken. Nach einer Beinamputation vor drei Jahren ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Nach mehreren schweren Autounfällen war dies der letzte von zahlreichen Schicksalsschlägen im Leben des 62-Jährigen.

Heribert Segl ist seit seiner Geburt taub. Er kann nur schwerlich sprechen und doch wird die Verständigung nach wenigen Minuten zum Kinderspiel. Zwar kann Segl so gut wie nichts hören - mit Ausnahme ganz tiefer brummiger Basstöne - doch er kann von den Lippen lesen.

Als Kind besuchte er eine Schule für Taubstumme in München. Schon damals wurde seine Leidenschaft für die Malerei geweckt und gefördert. Die Familie Segl fand nach dem Krieg im Landkreis Mühldorf ein neues Zuhause. Mehrfach hat er hier den Wohnort gewechselt. Nach Teising und Elsenbach wurde ein Haus in der Birkenstraße sein letztes Domizil, bis er 2009 in den Stift St. Veit kam.

Die Birkenstraße, das ist nicht fern ab vom Leben, sondern mittendrin im Zentrum. Heribert Segl hat sich aufgrund seines Handicaps nie separiert. Stets war er mittendrin und ist so zu einer "Neumarkter Institution" geworden. Auch wenn er jetzt im Stift am Sankt Veiter Berg wohnt, muss er die Nähe zum Ortskern nicht missen. Jeden Tag fährt er mit seinem Rollstuhl den Berg hinunter, bremst mit dem einen ihm verbliebenen Bein an der Kreuzung ab und trifft sich in einem Café mit Freunden, ehe er sich auf den beschwerlichen Weg nach oben macht. Allein mit Muskelkraft und Ausdauer schiebt er sich den Berg hinauf. Immer wieder muss er anhalten, verschnaufen - bis zu einer Stunde kann das dauern. Nur im Winter traut er sich bei Glatteis und Schneefall nicht hinunter, erzählt er.

Man merkt, dass er sich viel mit der Malerei auseinandergesetzt hat. Segl hat seine eigene Sicht auf Dinge und Motive entwickelt. Er kopiert nicht, sondern hat seinen ganz eigenen Stil. Mal sind seine Bilder abstrakt, dann wieder gegenständlich. Mal zeigen sie ein konkretes Motiv, mal ist das Werk eine Collage aus Elementen, die nur gemeinsam ihre Wirkung entfalten. Selbst dann, wenn Segl Vorlagen wie Fotos oder Postkarten verwendet, ist das Ergebnis nicht eine Reproduktion oder ein Abbild der Wirklichkeit. Er gibt jedem Motiv seine eigene Note, kombiniert Existierendes mit Fantasie.

Durch zahlreiche Ausstellungen ist Heribert Segl im Landkreis und im Umkreis bekannt. Und sogar noch weiter: Weil viele seiner Geschwister im europäischen Ausland leben, konnte Segl auch dort schon seine Werke präsentieren.

Bei den anderen Heimbewohnern ist er als Spaßvogel gern gesehen. Heribert Segl bringt Schwung in die Runde, nicht nur beim Ballspiel mit den anderen Senioren. Er scheint aber auch ganz glücklich zu sein, wenn er sich in sein eigenes kleines Reich zurückziehen kann. Neben seinem Wohn- und Schlafzimmer hat ihm die Heimleitung einen Raum als Atelier zur Verfügung gestellt. Hierhin zieht er sich meistens nach dem Frühstück zurück, wo er seiner Kreativität freien Lauf lässt.

Viele Künstler verarbeiten Schicksalsschläge in ihren Werken. Die Bilder sind dann in dunklen, trüben Farben gehalten, wirken melancholisch oder gar bedrohlich. Ganz anders bei Heribert Segl. Seine Bilder tragen keine Trauer, aus ihnen spricht pure Lebensfreude: helle, strahlende Farben. In den Werken des tauben Malers spiegeln sich nicht nur seine persönlichen Empfindungen und Erinnerungen wieder, sondern auch ein starker Wille. Allen Schicksalsschlägen zum Trotz sprechen Lebensmut und Frohsinn direkt aus ihnen, als möchten sie sagen: "Gib nicht auf!"

Und genau so erlebt man Heribert Segl. Sein Wille zum Leben ist ungebrochen. Weiter geht es immer, das ist sein Lebensmotto. Ein Mann, der sein Schicksal annimmt, das Beste daraus zu machen versucht und vor allem eines nie verlernt hat: Das Lachen.

alx/Mühldorfer Anzeiger

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