125 Jahre Automobil - Autos machen Leute

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Der spätere Mechanikermeister Josef Blank am Steuer eines Opel-Laubfrosch im Jahre 1930.

Neumarkt-St. Veit - Ein Cabriolet war in den 30er Jahren eine kleine Sensation: Andreas Ege und Josef Blank wurden mit dem Bischof verwechselt, als sie mit diesem auto unterwegs waren.

Der Soddla (Sattler) Ege Andreas und der Mechaniker Josef Blank kannten sicherlich die Novelle von Gottfried Keller, „Kleider machen Leute“, denn in der damaligen Zeit, als das Fernsehen noch fern und das Radio selten waren, da wurde noch gelesen. In der Schule und daheim in der Stube. Und was die beiden mit anderen Neumarktern schon in der Rottstadt alles aufgezogen und aufgeführt hatten, lässt schon den Schluss auf häufiges Lesen zu: Theaterstückerl, Singspiele, ja ganze Operetten gehörten zu ihrem Repertoire. Die nachfolgende Generation, Andreas Ege und Anton Blank, erinnern sich ganz besonders an folgende Geschichte. Man schrieb das Jahr 1936. Die Roßbacher hatten gerade in und an ihrer Kirche Renovierungsarbeiten erledigt. Der Altar galt als besonders gelungen und der Fleiß der Roßbecker Bauern und Handwerker war auch dem Herrn Bischof zu Ohren gekommen. Seine Anwesenheit bei der Einweihung sollte für die ganze Region ein besonderer Festtag werden.

Die Anwohner hatten die Häuser ausnehmend gut geschmückt. Das ganze Dorf wurde sauber gekehrt und die Straße nach St. Veit, auf der seine Eminenz sich dem Ort nähern würde, wurde an vielen Stellen ausgebessert. Die noch ungeteerten Verkehrswege sollten den hohen Herrn in seinem Auto nicht durchschütteln oder gar mit Staub bedecken. Die Frauen und Männer trugen ihr feinstes Sonntagsgewand und die Buben und Mädchen säumten artig den Weg zur Kirche. Natürlich hatte der Organist mit dem Kirchenchor eine besondere Messe einstudiert, und damit der Gesang auch voll erklingen würde, hatte man um Aushilfen in Neumarkt angefragt, erinnert sich Andreas Ege an Erzählungen seines Vaters. Für den Anderl und den Josef war es nicht nur eine Selbstverständlichkeit sondern eine Ehre, dass sie bei dem hohen Besuch im Kirchenchor der Roßbacher mitsingen.

Der sechssitzige schwarze Adler vom St. Veiter Brauereidirektor Sauer, ein für damalige Zeiten hervorstechendes Automobil, stand zu der Zeit gerade in Josef Blanks Werkstatt zu einer Inspektion, als in Roßbach der hohe Tag anbrach. Kurzerhand nahm der Mechaniker Josef seinen Spezi Anderl mit ins Auto, als er zum Chorsingen nach Roßbach fuhr. Und weil man ja nicht auffallen wollte, hatte man auch Festtagsgewand angelegt und große Hüte aufgesetzt. Josef saß vorne auf der Lenkerbank, Anderl ließ im Inneren des Wagens seinen vornehmen Hut auf dem Haupte. Und man hatte auch die Reisezeit – ohne jede Absicht, versteht sich – sehr spät gewählt. Schon bei Kager und Leonberg blickten die Leute respektvoll auf das neumodische Gefährt und bekreuzigten sich. Manche am Wegesrand knieten sogar hin dabei, denn die Silhouette im Wagen sah so fromm und vornehm aus.

In Ermangelung eines Telefons hatte ein Bauer bei Haunertsholzen ein Betttuch an einer Fahnenstange zu schwingen, was den Roßbeckern die nahende Ankunft seiner Eminenz signalisieren sollte. „Josef, die halten uns für den Bischof“, meinte laut Überlieferung der Anderl ganz scheinheilig. „Fahr bloß weg!“ „Wia soll i do wegfahrn, wenn links und rechts die Leute schon stehen und knien?“ soll der Fahrer geantwortet und tapfer am eingeschlagenen Weg festgehalten haben. Dem Anderl blieb nichts anderes übrig, als ein Kreuzzeichen nach dem andern zum Fenster hinaus zu machen. Dabei blickte er vorsichtshalber auf die andere Seite – denn unbekannt wäre er den Leuten nicht gewesen.

Schließlich sei der vornehme Wagen ins Dorf eingerollt und blieb vor dem Kirchenplatz stehen, erzählt Andreas Ege. „Böllerschüsse zur Begrüßung erklangen und eilfertig eilten Bürgermeister und Pfarrer zum Auto, um den hohen Gast zu begrüßen.“ Und als der aus dem Auto stieg, ertönte ein vielstimmiges: „Jessas, da Soddla!“ Es blieb gar keine Zeit zum Lamentieren, denn schon nahte ein gleiches Gefährt, diesmal mit dem richtigen Gast, lacht Ege. Der soll die Böllerschüsse zur Begrüßung nicht vermisst haben, und die Feier ging dann wie geplant und ohne Störung vonstatten. Gesprächsstoff liefert die Geschichte noch heute in der Region.

Lesen Sie dazu mehr in der Mittwochsausgabe des Mühldorfer Anzeigers.

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