Freiwillig in die Armut

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Sechs Monate Chile, sechs Monate Bolivien: Andrea Forster lernte im Laufe ihres sozialen Jahres in Südamerika sowohl die schönen, menschlichen und herzlichen Seiten, aber auch die bitterarmen, ungerechten Seiten des Kontinents kennen.

Egglkofen - Die Egglkofenerin Andrea Forster (21) hat ein Jahr lang als Freiwillige für die Organisation Cristo Vive in Chile und Bolivien gearbeitet. Die junge Frau tauchte dabei in eine für sie völlig neue Welt ein.

Bittere Armut, Ungerechtigkeit, aber auch unendlich viel Dankbarkeit bestimmten in dieser Zeit ihr Leben.

Sie wollte die Welt sehen und "etwas Sinnvolles" machen, erinnert sich Andrea Forster aus Tegernbach zurück an die Zeit, als sie kurz vor dem Abi stand und überlegte, was sie mit ihrer Zukunft anfangen sollte.

Engagiert und an gesellschaftlichen Dingen interessiert war die junge Frau schon immer, als Schülersprecherin am Vilsbiburger Gymnasium oder jetzt als Studentin der Politikwissenschaften und der Volkswirtschaftslehre.

Über den Bruder einer Freundin erfuhr Andrea Forster dann von der Arbeit des Vereins Cristo Vive, der unter der Leitung der deutschen Ordensschwester Karoline Mayer in Chile, Bolivien und Peru Hilfsprojekte durchführt. Sie bewarb sich, nach ihrem Abitur ein Jahr als Freiwillige den Ärmsten der Armen helfen zu dürfen - und wurde prompt genommen. Im August 2007 sollte es losgehen.

Die Eltern waren anfangs nicht begeistert von der Idee der Tochter. Und auch sie selbst, die den Sommer nach dem Abitur mit ihren Freunden verbrachte, sich verliebte und die Freiheit einer jungen Erwachsenen genoss, überkamen kurz vor der Abreise Zweifel. Gut, dass sie ihre Angst mit zwei Freundinnen teilen konnte: Die eine ging für ein freiwilliges soziales Jahr nach Indien, die andere nach Afrika: "Wir saßen alle im selben Boot", so Forster.

Die ersten Wochen in ihrem ersten Einsatzort in der chilenischen Hauptstadt Santiago seien wie Urlaub gewesen, erzählt Forster. Dann erst sei das Heimweh gekommen. "Aber dann hab ich mich eingelebt." Die Arbeit in einem Kindergarten eines Armenviertels am Rande der Millionenstadt machte ihr viel Spaß - auch wenn sie 35 Kinder zu betreuen hatte, die in ihrem bisherigen Leben wenig Zuneigung und noch weniger Erziehung genossen hatten.

Was an ihrem Aufenthalt in Chile für die engagierte Deutsche nur schwer zu ertragen war, war die Ungerechtigkeit: Im Zentrum stellte sich Santiago als schillernde Metropole für die Reichen und Schönen des Landes dar. Am Rand, in dem Viertel, in dem Andrea Forster dagegen arbeitete, herrschten Armut, Drogen- und Alkoholsucht sowie Chancenlosigkeit: "Wenn man es dort schafft, sich zur Putzfrau im Reichenviertel hochzuarbeiten, dann ist das eher die Ausnahme", berichtet Forster.

Wo die sozialen Gegensätze groß sind, gibt es natürlicherweise auch viel Kriminalität. Forster ging daher immer mit einer kleinen Summe Geld aus dem Haus. Die Logik: Im Fall eines Überfalls habe man etwas in der Hand, was man dem Räuber geben konnte, aber nicht zu viel, dass man einen echten Verlust erleidet. "Meistens hatten die Kleinkriminellen eh mehr Angst vor uns als wir vor ihnen", lacht Forster im Rückblick.

In Bolivien, wo sie in einem kleinen Dorf auf dem Land arbeitete, habe es kaum soziale Gegensätze gegeben: "Da waren alle arm. Die Lebensart ist ganz anders als in Chile." In dem auf 3000 Metern Höhe gelegenen Andendorf gab es für die junge Frau keine Gelegenheit mehr, in Cafés oder Restaurants in der Stadt zu gehen, ihre Unterbringung war weit unkomfortabler als in Chile. Dennoch gefiel es ihr: "Ich arbeitete dort an einem noch recht jungen Projekt. Da hat man viel mehr das Gefühl, noch etwas Neues anzupacken, die Situation der Menschen wirklich zu verbessern."

Cristo Vive hatte im Jahr 2005 in dem bolivianischen Dorf eine Suppenküche und Hausaufgabenbetreuung für Schulkinder eröffnet. Zu Forsters Tätigkeit gehörte es fortan, Mittagessen zu kochen, zu verteilen, den Kindern bei der Hausaufgabe zu helfen und sogar stundenweise den Dorflehrer zu vertreten. Allerdings, das gibt sie zu, war es schwer, die Schulkinder zu bändigen: "Bei denen besteht der Unterricht nur aus Schreien und Prügeln. Wenn man normal mit ihnen spricht, passen die gar nicht auf." Dennoch schaffte es die junge Bayerin, gemeinsam mit einer Französin und einer anderen Deutschen ein Vertrauensverhältnis zu den Kindern aufzubauen, die von den Ausländerinnen oft zum ersten Mal in ihrem Leben menschliche Nähe und Zuneigung erfuhren.

Am Ende fiel es Andrea Forster schwer, ihr Leben in Südamerika hinter sich zu lassen. Allerdings prägte sie die Arbeit so sehr, dass sie sich vorstellen kann, später für eine internationale Organisation zu arbeiten. Sie sei erwachsen geworden in diesem Jahr, habe gelernt, Probleme selber zu lösen. Aber, und auch diese Erfahrung gehörte dazu: "Man darf nicht zu viel erwarten. Wir sind keine Entwicklungshelfer." Würde sie es trotzdem wieder tun? "Klar, jederzeit!"

zip/Neumarkter Anzeiger

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