Franken fordern Freiheit für Fridolin

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Neumarkt-St. Veit – Gefängnisbedingungen im Ehrko-Wohnheim in Neumarkt-St. Veit? Dies wirft eine Gruppierung aus Franken, die unter dem Namen "Die Jugendselbsthilfe" firmiert, der Einrichtung für betreutes Wohnen auf Wurfzetteln vor.

Diese wurden in den vergangenen Tagen in einigen Orten im Landkreis verteilt. Neumarkt-St. Veit - Der 44-jährige Fridolin S. (Name von der Redaktion geändert), befindet sich nach Angaben dieser Gruppe schon seit 25 Jahren in "Gefangenschaft", kritisiert sie das Ehrko. Nach Einschätzung dieser Vereinigung fühle sich Fridolin S. "im Ehrko wie ein unmündiges kleines Kind, klagt über autoritär durchgeführte Ausgangssperren, angeblich unterbrochene und versagte Besuchskontakte, Briefmarkenmangel, Zigarettensperren". Die Gruppierung äußert ihre Sorge "um die Einhaltung der Menschenrechte an Fridolin S. und möglicherweise einer ganzen Anzahl anderer Heiminsassen". Fridolin S. leide "fürchterlich", er habe einen Betreuer "gegen seinen Willen", heißt es auf dem Zettel, mit dem die Organisation darum bittet, Fridolin S. "für einen zwei- bis vierwöchigen Besuch bei uns abholen" zu können.

Kurz in der Freiheit - und schon geflüchtet

Es wäre Ostsee-Luft, die Fridolin S. schnuppern würde. Dort nämlich unterhält die Gruppierung eine Wohngemeinschaft. Die genaue Niederlassung wollte der Gesprächsteilnehmer der Jugendselbsthilfe am anderen Ende der Leitung nicht mitteilen, ebenso nicht seinen vollständigen Namen, lediglich Klaus wollte er genannt werden. Er begleite das Schicksal von Fridolin S. schon seit sechs Jahren, spricht von Repressalien, die Fridolin S. tagtäglich im Ehrko zu spüren bekäme, sogar von einem Strafsystem: "Bei Fehlverhalten müssen die Klienten fünf Euro zahlen." Klaus beruft sich dabei auf Informationen, die sich in zahlreichen Gesprächen mit Fridolin S. ergeben hätten.

Im Projekt in Norddeutschland dagegen könnte Fridolin S. aufblühen, wenn er von, nicht entsprechend ausgebildeten, Betreuern versorgt werde. Staatliche Zuwendungen erhalte das Projekt nicht, dessen Umfeld Klaus als alternativ beschreibt. Auch gingen die Bezugspersonen, wie sie Klaus bezeichnet, keiner geregelten Arbeit nach, entsprechend viel Zeit stünde für ihre Klienten - die Rede ist von "fast einer Hand voll" - zur Verfügung. "Wir finanzieren uns über Bücherflohmärkte, die wir dreimal im Jahr durchführen. Und über unsere Fahrradwerkstatt", erzählt Klaus. Über das Notruftelefon habe sich Fridolin S. vor etwa zehn Jahren gemeldet. Immerhin durfte auf Veranlassung dieser Kinderrechte-Organisation der 44-jährige Ehrko-Klient bereits vor zwei Jahren für einen Kurzaufenthalt die Reise in den Norden antreten. Doch am Rande einer Demo für Menschenrechte in Berlin sei er damals entwischt und erst Tage später von der Polizei aufgegriffen worden. "Fridolin S. ist in einem völlig desolaten Zustand zurückgekommen", erklärt Klaus Sawitzki, Heimleiter im Ehrko- Wohnzentrum in Neumarkt.

Fridolin S. alleine nicht lebensfähig

Über das Wort Strafenkatalog kann Sawitzki bloß lachen. "Wer im Wintergarten eine Kippe wegschnippt wird mit fünf Euro bestraft, die jedoch nicht einkassiert werden." Die Androhung alleine habe aber den Nutzen, dass die Insassen inzwischen die Aschenbecher benützen. Was das Rauchen betreffe, gebe es ebenfalls eine klare Marschrichtung. Sein Klient müsse pro Monat mit 92 Euro Taschengeld auskommen, "ist dieses aufgebraucht, gibt es auch keine Zigaretten mehr". Für Sawitzki ein Grund der Unzufriedenheit, die schließlich Fridolin S. auch veranlasst habe, Kontakt mit der Jugendselbsthilfe aufzunehmen.

Den Aktionisten wirft Sawitzki eine völlig verdrehte Rechtsauffassung vor. Er sei als Heimleiter an Beschlüsse gehalten. Der Betreuer habe das alleine Entscheidungsrecht, wohin Fridolin S. gehen dürfe. In diesem Falle ist Betreuer Harald Binner aber nach dem vorher erwähnten gescheiterten Versuch vorsichtig geworden. Die Organisation, die sich hinter der Jugendselbsthilfe verbirgt, hält er für unseriös. Dass sein Betreuter im Ehrko gefangen gehalten werde, bezeichnet er als Unsinn. "Es gibt gerichtliche Beschlüsse und regelmäßige unabhängige Gutachten von Fachärzten, die die derzeitige Unterbringung rechtfertigten." Auch die Einrichtung werde regelmäßig überprüft. Für ihn stehe fest: Fridolin S. sei "alleine nicht lebensfähig".

je/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © dpa

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