„Schauen, wie wir über die Runden kommen“

Corona macht Schaustellern das Leben schwer: Neumarkter Familie Agtsch muss 50 Termine absagen

Anita Agtsch hat nicht nur ihr bayrisches „Hupferl“. Sie röstet Nüsse und backt Herzen für ihren Stand „Goldene Sünde“.
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Anita Agtsch hat nicht nur ihr bayrisches „Hupferl“. Sie röstet Nüsse und backt Herzen für ihren Stand „Goldene Sünde“.

Familie Agtsch aus Neumarkt-St. Veit beschickt Feste in der vierten Generation und muss im Corona-Lockdown flexibel sein. Immerhin: Die gebrannten Mandeln gibt es noch!

Neumarkt-St. Veit – „50 Termine für das Jahr 2021 sind schon abgesagt. Da müssen wir schauen, wie wir über die Runden kommen“, erklärt Anita Agtsch im Neumarkt-St. Veiter Edekamarkt. Sie steht dort neben einem kleinen Regal voll hübscher Tüten mit gebrannten Nüssen. „Alles selbst gebrannt und handverpackt“, strahlt sie. Dieser Nüssestand in Edekamärkten ist die einzige Einnahmequelle der Schausteller in zeiten von Corona.


Jetzt, im Winter wohnen die Familie Agtsch in ihrem Anwesen in der Rottstadt. Doch während des Jahres ziehen die Eltern Johann und Margrete Agtsch mit ihrem Fahrgeschäft „Freestyle“ durch Deutschland und die Nachbarländer, wobei sie die Menschen mit ihren Angeboten unterhalten. Tochter Anita mit Lebensgefährten André Roder reist ebenfalls durch Europa, sogar in Dubai war sie schon mit ihrem „bayerischen Hupferl“, wobei sie auch ihre gebrannten Nusskreationen anbietet.

Das Freestyle war 2020 in Schwegenheim aufgebaut, bevor der Lockdown kam und die Volksfeste erst einmal abgesagt worden sind.

Kein Ausschank auch in der „Weinstube“

Und Sohn Alex beschickt andere Orte mit dem Abenteuerparcours „Dschungelcamp“ und mit seiner Gastronomie „Münchner Weinstube“. Doch dieses Jahr sind die Veranstaltungen abgesagt, darunter auch das Münchner Oktoberfest. „Es sind keine Einnahmen zu verzeichnen, aber wir müssen unsere Fahrgeschäfte warten und pflegen“, erklärt Vater Johann. „Letztes Jahr hatte ich gerade Mal unser ,Freestyle‘ beim Fest in Schwegenheim am Markt aufgebaut. Am 9. März wurde alles abgesagt. Das war‘s dann. Wegen Corona. Alle anderen Termine fielen danach aus.“ Die Kinder kamen erst gar nicht dazu, ihre Geschäfte irgendwo aufzubauen.

Volksfeste in reduzierter Variante – eingezäunt und mit Sicherheitsdienst

Natürlich haben die Schausteller einen Dachverband, der sich um seine Leute kümmert. Und so gab es dann doch in einigen Großstädten Volksfeste, Kirmessen oder Märkte. Man will diese bedeutsamen Traditionen ja auch erhalten. „Aber das war nie das Original“, erklärt Anita Agtsch. „Der Festplatz war immer eingezäunt, und am Eingang achteten Wärter, dass die sowieso niedrige Höchstzahl an Besuchern nicht überschritten wurde.“

So erging es anderen Schaustellern:

Keine Volksfeste, keine Einnahmen – Schausteller-Familie spricht von Totalschaden

Es ist also jetzt eine schwere Zeit für Schausteller. Johann und Margarete Agtsch sind seit 1975 selbstständig und bereisen als Schausteller in der dritten Generation die Festplätze in Deutschland und Nachbarländern. Johann Agtsch stammt aus einer Schausteller- und Zirkus-Familie.

Das Hupferl von Anita Agtsch ist derzeit eingelagert.

Margarete Agtsch, eine geborene Stey, kommt aus einer Zirkus-Familie, die bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges mit großen Zirkussen durch ganz Europa gereist ist. Mittlerweile wird diese Schaustellertradition in der vierten Generation fortgeführt. Die Familie ist stolz und will diese Tradition bewahren.

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Sie alle sind voll Zuversicht und flexibel. Anitas gebrannte Nusskreationen, die sie jetzt über Edeka-Geschäfte betreibt, ist ein Beispiel dafür. Und alle drei Familien hoffen, dass sie auch diese Krise, wie schon so manche davor, irgendwie meistern werden.

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