Im Augenblick des Vergessens

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Damit er den Anschluss an den Unterricht nicht verliert, hat Thomas mit Hildegard Baumgarnter eine Schulbegleiterin zur Seite. Seit ihm ein Gehirntumor entfernt worden ist, funktioniert sein Kurzzeitgedächnis nicht mehr.

Neumarkt-St. Veit - Dass Thomas Giftthaler (13) sich die Schritte zum Basteln eines Millimeter großen Schiffes merken kann, ist ein Wunder: Mit der Entfernung eines Tumors verschwand auch sein Kurzeitgedächtnis.

Lesen Sie hier den Originalartikel aus dem Mühldorfer Anzeiger:

Im Augenblick des Vergessens

Basteln zählt zu den Lieblingsbeschäftigungen von Thomas Giftthaler (13). Ganz besonders stolz ist er auf die nur wenigen Millimeter großen Papierschiffe, die er mit Zahnstocher formt. Dass er sich die einzelnen Schritte merken kann, ist wie ein kleines Wunder. Denn seit ihm aus seinem Gehirn ein Tumor entfernt wurde, funktioniert sein Kurzzeitgedächtnis nicht mehr.

Personen, die er noch kurz zuvor gesehen hat, erkennt er nicht mehr. Er kann sich keine Geschichten merken oder Dinge, was ihm seine Mutter aufgetragen ist. Und dennoch schafft er es, mit kleinen Tricks seinen Alltag zu meistern. "Seit Sommer habe ich ein Handy, das mich an meine Termine erinnert", erklärt Thomas Giftthaler. Stolz zieht er sein Telefon aus seiner Gürteltasche und erklärt die einzelnen Schritte.

Vor sechs Jahren die Diagnose: Gehirntumor. In München wird er zweimal operiert, bekommt Bestrahlung und Chemotherapie. Mehr als ein Jahr dauert die Behandlung. Danach machen Thomas Erblindungen zu schaffen. Eine Zyste drückte auf den Sehnerv, eine dritte Operation ist nötig.

Auf seinen Wunsch hin wird Thomas in den Sommerferien operiert. "Die Schule wollte ich nicht versäumen." Es lässt sich erahnen, wie wichtig ihm die Schule ist. Noch heute ist er seiner damaligen Lehrerin dankbar, dass sie ihn in ihrer Freizeit unterrichtet hat und er den Anschluss nicht verpasst hat. Wenn er erzählt, drückt er sich gewählt aus, wirkt fast zu abgeklärt für sein Alter.

Nicht selbstverständlich ist es, dass Thomas die Herzog-Heinrich-Mittelschule besucht. "Dass er die Leistungen bringt, davon waren wir überzeugt. Aber er braucht mehr Unterstützung als die anderen Kindern", erzählt seine Mutter Maria. Eine Förderschule sei für ihn der falsche Platz. Was er braucht, sind Zeit und regelmäßige Wiederholungen, damit sich Inhalte in seinem Langzeitgedächtnis festsetzen.

Die Eltern kämpfen dafür, dass Thomas bei seinen Schulkameraden bleiben kann. Mit der Schulleitung schließen sie kleine Abkommen, um Thomas nicht zu überfordern. Manche Fächer braucht er nicht besuchen, in anderen wird er nicht benotet. In der dritten und vierten Klasse stellt sich für Thomas die Situation nicht einfach dar. Der Druck hinsichtlich des Schulübertritts ist zu spüren. Auch nach dem Wechsel auf die Hauptschule werden die Probleme zunächst nicht geringer.

Die Zwischenstunden reichen ihm nicht aus, um sich auf die nächste Schulstunde vorzubreiten, schnell ist er erschöpft und kann dem Unterricht nicht länger folgen. Er ärgert sich, wenn er was vergessen oder seine Hausaufgaben falsch gemacht hat. Seine Mutter muss ihn häufig von der Schule abbholen. Ein Zustand, der weder für ihn noch für seine Mitschüler befriedigend ist. Auf Dauer wäre es so wohl nicht weitergegangen.

Eine Neuropsychologin bringt eine Schulbegleiterin ins Spiel. Seitdem ihm Hildegard Baumgartner und Helene Unterreiter während des Unterrichts zur Seite stehen, hat sich die Situation deutlich gebessert. Sie helfen ihm, dem Unterricht zu folgen, erklären ihm die Inhalte nochmals oder gehen zum Entspannen mit ihm vor die Tür. Thomas ist deutlich ausgeglichener.

Gerade die regelmäßigen Pausen braucht er. Fordern, ohne zu überfordern - dieses Gleichgewicht gilt es bei Thomas einzuhalten. "Es ist wichtig, die Grenzen im Auge zu behalten", erklärt seine Mutter Maria. Und ihn dabei nicht zu erschöpfen. "Ist erst mal sein Akku leer, dauert es ziemlich lange, bis er wieder aufgeladen ist.

Nicht jeder Tag verläuft bei Thomas gleich gut. Unerwartet kann seine Stimmung kippen. Die Aufgabe der beiden Schulbegleiterinnen liegt darin, mögliche Vorzeichen zu erkennen und beruhigend auf ihn einzuwirken. "Das funktioniert zum Beispiel, indem er von 50 rückwärts zählen soll", erzählt Hilde Baumgartner. Nach mehr als einem Jahr kann sie ihn gut einschätzen.

Die Schulbegleiterinnen vermitteln Thomas ein Gefühl von Sicherheit. Er kann sich auf den Unterricht konzentrieren, gegebenenfalls nochmals nachfragen - ohne seine Mitschüler zu stören.

Die Schulbegleiterinnen und die Tatsache, dass sich die Schulleiterin Sabine Wichmann auf diesen Versuch eingelassen hat, erlauben es Thomas, fast alle Schulstunden zu besuchen. Am liebsten mag er Mathematik und den Hauswirtschaftsunterricht. Ob Thomas seinen Abschluss machen oder später eine Lehrer beginnen kann, weiß niemand. Es gibt ganz einfach zu viele Ungewissheiten. Maria Giftthaler: "Wir planen höchstens ein halbes Jahr. Bei Thomas steht immer die Gesundheit im Vordergrund."

hi/Mühldorfer Anzeiger

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