IMPFPLICHT FÜR PFLEGEKRÄFTE?

Von Bürgerpflicht bis Protest: Im Kreis Mühldorf gehen Meinungen zur Corona-Impfung auseinander

Sie haben sich am Mittwoch beim Termin im Adalbert Stifter Seniorenwohnen impfen lassen: Andrea Galli, Petra Turba, Heimleiter Hubert Forster, Gerhard Birkeneder, Claudia Dittrich und Monika Michel (von links) und hoffen, dass sich noch mehr Pflegekräfte dazu entschließen.
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Sie haben sich am Mittwoch beim Termin im Adalbert Stifter Seniorenwohnen impfen lassen: Andrea Galli, Petra Turba, Heimleiter Hubert Forster, Gerhard Birkeneder, Claudia Dittrich und Monika Michel (von links) und hoffen, dass sich noch mehr Pflegekräfte dazu entschließen.

Die Alten schützen! Das ist die oberste Maxime bei den Impfungen gegen Covid-19. Prioritär stehen zunächst die Seniorenheime im Fokus der Impfteams. Doch wie sieht es bei den Pflegekräften aus? Eine Umfrage im Landkreis zeigt, wie weit die Meinungen auseinander gehen.

Mühldorf/Waldkraiburg/Neumarkt-St. Veit – Impfen oder nicht impfen? Lange Zeit war Dorothea Getz hin- und hergerissen. „Ich bin keine Impfgegnerin“, sagt die 58-jährige Bereichsleiterin im Betreuten Wohnen des Adalbert-Stifter Seniorenwohnens in Waldkraiburg. Doch vor der neuen Impfung, über deren Nebenwirkungen man noch so wenig wisse, schreckte sie zurück.


„Ich bin es den Bewohnern schuldig“

Dann kam der Mittwoch. Impftermin in der Senioreneinrichtung, in der es nach eigenen Angaben bislang noch keinen einzigen Corona-Krankheitsfall gegeben hatte. „Im Hochhaus im betreuten Wohnen haben sich 70 von 73 Bewohnern impfen lassen. Sie konnten es kaum erwarten“, sagt Getz. Die Hoffnung sei groß im Haus, dass mit der Impfung das Coronavirus endlich eingedämmt werden kann. Da sei ihr klar geworden: „Ich lass mich impfen. Ich bin das meinen Bewohnern schuldig.“


Im Stifterheim: Mehr als 95 Prozent der Bewohner machen mit

Ein Standpunkt für den Heimleiter Hubert Forster, der in der Impfung „den einzigen Ausweg aus der Krise“ sieht, geworben hat, bislang allerdings weniger erfolgreich als erhofft. Während sich mehr als 95 Prozent der Bewohner impfen lassen, liegt der Anteil bei den Pflegekräften nach seinen Worten grade mal bei einem Drittel.

Waldkraiburger Heimleiter bedauern geringe Impfbereitschaft unter MItarbeitern

Bei der Arbeiterwohlfahrt in Waldkraiburg sieht es ähnlich aus. Etwa 30 Prozent der Pflegekräfte lassen sich impfen. Davon geht Leiterin Steffi Dubnitzky aus, spricht von einer „nicht sehr erfreulichen Zahl“.

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Dass gerade in einer Einrichtung mit besonders gefährdeten Personen, bei der bekannt hohen Todesrate unter Senioren, die Impfvorbehalte so groß sind, sei mit rationalen Maßstäben nicht zu begreifen. Dubnitzky glaubt allerdings wie ihr Kollege Forster, dass eine Reihe von Mitarbeiterinnen sich in den nächsten zwei, drei Monaten noch dafür entscheiden.

Verständnis für Impfpflicht

Wenn nicht? Doch eine Impfpflicht für Pflegekräfte? „Ich möchte auch Impfgegner respektieren“, so die AWO-Heimleiterin, die bei der Impfpflicht wegen des Eingriffs in Persönlichkeitsrechte hin- und hergerissen ist. Doch es steht viel auf dem Spiel: „Je mehr sich impfen lassen, umso größer ist die Chance, Covid-19 einzudämmen“, glaubt Dubnitzky. Hubert Forster äußert Verständnis für eine Impfpflicht für Pflegekräfte, so wie es sie etwa auch für Masern in Kitas gibt.

„Es ist Bürgerpflicht“, betont Klaus Sawitzki, Einrichtungsleiter des Ehrko Wohnzentrums in Neumarkt-St. Veit, wenn er über die Corona-Impfung spricht. „Wir haben schließlich auch eine Verantwortung gegenüber unseren Klienten“, sagt Sawitzki.

Hohe Impfquote im Ehrko Wohnzentrum in Neumarkt-St. Veit

Er selbst wollte mit gutem Beispiel vorangehen und ließ sich impfen, als das mobile Impfteam am 2. Januar ins Wohnzentrum kam, wo der Pflegebereich erste Priorität hatte. 85 Prozent der 47 Klienten aus diesem Bereich haben sich laut Sawitzki bereitwillig impfen lassen.

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Auch die Mitarbeiter hätten mitgezogen. „75 Prozent haben sich impfen lassen!“ Weder bei den Beschäftigten noch bei den Klienten seien irgendwelche Komplikationen aufgetaucht, erklärt Sawitzki.

Zwar gebe es noch keinen konkreten Termin für die Bewohner, die dem Fachbereich der „Klienten mit seelischer Behinderung“ angehören. Doch Erhebungen hätten auch dort eine Impfbereitschaft von 70 bis 75 Prozent ergeben – sowohl bei den Bewohnern wie bei den Angestellten. Die hohe Bereitschaft begründet Sawitzki damit, „dass wir so schnell wie nur möglich wieder am öffentlichen Leben teilnehmen möchten“.

Im Stift kämpft man noch heute mit Folgen von Corona-Erkrankungen

Während das Ehrko-Wohnzentrum bisher von Infektionen verschont geblieben ist, verzeichnete das Seniorenheim vom Stift St. Veit in Neumarkt vor wenigen Wochen ein Ausbruchsgeschehen. „Wir hatten viele verstorbene Bewohner und auch einigen Mitarbeitern ging es nicht gut. Einzelne haben heute noch zu kämpfen mit mittelfristigen Folgen, obwohl keine chronischen Vorerkrankungen oder besonderen Risikofaktoren vorlagen. Dies zeigt, dass niemand Corona auf die leichte Schulter nehmen darf“, berichtet die Geschäftsführerin Karin Wimmer. „Ich bin überzeugt, dass die schrecklichen Erfahrungen des Ausbruchs im Haus dazu geführt hat, dass die Impfbereitschaft gestiegen ist.“

Zweite Impfung im Seniorenheim bereits Ende Januar

Am 9. Januar war der erste Impftermin, der zweite Termin sei für den 30. Januar angesetzt. Je 20 Mitarbeiter und Bewohner hätten die Impfung bereits erhalten und erhalten sie noch, damit hätten rund die Hälfte des Personals den vermeintlichen Schutz nach Impfung beziehungsweise überstandener Infektion sowie knapp 90 Prozent der bestehenden Bewohnerschaft. Wimmer ergänzt, dass noch weitere Mitarbeiter und Bewohner folgen würden, die anfangs skeptisch gewesen seien.

Zwang ist nie gut und führt immer zu Skepsis. 

Karin Wimmer, Geschäftsführerin im Stift Sankt Veit

Zur bereits diskutierten Impfpflicht hat Wimmer eine klare Meinung: „Zwang ist nie gut und führt immer zu Skepsis. Es geht darum, mit sachlichen Argumenten zu überzeugen und die ersten Erfahrungen für sich sprechen zu lassen.“ Sie selbst halte nichts von einer Impfpflicht. „Eine Impfung ist eine sehr persönliche Entscheidung, die ein jeder für sich treffen muss. Ich bin aber der Meinung, dass einiges für eine Impfung spricht, daher habe auch ich persönlich mich impfen lassen!“

Unterschiedliche Ansichten bei den Pflegendiensten

Irmgard Geiszer von der Pflegedienstleitung im Caritas-Zentrum Mühldorf ist sich der schwierigen Lage bewusst, mit der auch die Pflegedienste konfrontiert sind. Um die Sicherheit für die Patienten zu gewährleisten, seien die Hygienevorkehrungen bei der Caritas erhöht worden: Die Mitarbeiterinnen tragen ständig eine FFP2-Maske, Desinfektionsmaßnahmen werden noch häufiger als sonst durchgeführt. „Mittlerweile sind fast all unsere Mitarbeiter gegen das Virus geimpft oder haben einen Impftermin.“ Außerdem würden die Mitarbeiterinnen zweimal wöchentlich einem Schnelltest unterzogen und seien teilweise geschult, bei Verdachtsfällen die Patienten oder deren Angehörige zu testen.“

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Die Gesundheit ihrer Patienten liegen auch der Neumarkterin Sylvia Wegner, Leiterin eines Pflegedienstes in Neumarkt-St. Veit, auf dem Herzen. Die Bereitschaft ihrer Angestellten, sich impfen zu lassen, sei allerdings überschaubar. Drei von zwölf hätten sich bislang dazu bereit erklärt. Sie begründet dies mit der Skepsis gegenüber dem neuen Wirkstoff. Zum anderen sieht sie in der Ablehnung einen Protest der Pflegekräfte gegenüber dem Vorschlag der Staatsregierung, Pflegekräfte verpflichtend zu impfen. Die Mitarbeiter befänden sich an der Grenze der Belastbarkeit, man müsse quarantäne-bedingte Ausfälle kompensieren und das bei zunehmendem Patientenaufkommen, weil viele Heime wegen Corona keine neuen Senioren aufnähmen. In dieser Situation dann von Impfpflicht zu sprechen, „dafür haben viele kein Verständnis! Mit Wertschätzung unserer Arbeit hat eine solche Ankündigung nichts zu tun!“ je

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