"Wir waren Wesen im Halbschlaf"

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Weil er Jude ist, wurde János Gosztonyi im Oktober 1944 deportiert. "Es gab Gerüchte über Vernichtungslager", sagt er heute. "Aber daran geglaubt haben wir nicht. Wir waren doch so jung, so dumm, so naiv."

Mühldorf - János Gosztonyi hat lange nicht über seine Erlebnisse im KZ-Außenlager im Mühldorfer Hart gesprochen. "Es hat mich einfach niemand gefragt", sagt der 84-Jährige.

Jetzt war der Ungar zum ersten Mal seit 1945 wieder hier, Schüler des Ruperti-Gymnasiums und der Hauptschule Mühldorf haben ihn interviewt.

Ein Zufall hat János Gosztonyi und die Schüler an diesem Vormittag zusammen gebracht, in Raum 054 im Ruperti-Gymnasium Mühldorf. "Zeitzeugen gesucht" hieß der Aufruf in einem Radiobeitrag des Bayerischen Rundfunks, in dem es um die Audio-Guides ging, die Gymnasiasten und Hauptschüler zusammen erstellen (wir berichteten). Gehört hatte die Meldung ein ungarischer Verleger, ein Freund Gosztonyis, der schließlich den Kontakt zu den Lehrkräften Alfred Rieder, Elke Schott und Josef Wagner herstellte.

Ein paar Wochen später sitzt der 84-Jährige nun tatsächlich hier und wühlt - vor einer Reihe von Mikrofonen- in seinen Erinnerungen. Zum ersten Mal ist er wieder in der Nähe des Mühldorfer Hart, den er vor bald 65 Jahren als gebrochener Mann verlassen hatte.

Frei heraus erzählt er, was ihm in den Sinn kommt, zurückhaltend und ohne erhobenen Zeigefinger. Der ungarische Akzent bremst ihn ein wenig, immer wieder sucht er nach den passenden Ausdrücken und entschuldigt sich höflich für "mein schwaches Deutsch".

Im Oktober 1944 deportiert

János Gosztonyi fehlt die Erzähl-Routine eines Max Mannheimer, der sich längst daran gewöhnt hat, dass ihm die Menschen an den Lippen hängen. Doch genau das macht diesen Vormittag so besonders, auch wenn den Erinnerungen manchmal die Struktur fehlt, auch wenn nicht immer gleich die Antwort auf die Frage kommt, auch wenn sich der 84-Jährige ab und zu wiederholt.

Doch es lohnt sich hinzuhören, was János Gosztonyi berichtet. Denn seine Geschichte ist ein weiterer Mosaikstein, bringt manches Detail ans Licht, stellt anderes in Frage. Den Ablauf am Tag des Abzugs aus dem Waldlager zum Beispiel: János Gosztonyi erzählt, dass er die Wahl hatte, zu bleiben oder in den Zug zu steigen. "Ich hatte Angst, dass sie das Lager niederbrennen. Also habe ich mich für den Zug entschieden."

Zwei Tage später wurde er in Tutzing von den Amerikanern befreit, das Ende der schrecklichen Irrfahrt hat sich bis heute in sein Gedächtnis eingebrannt. "Ich stand in dem offenen Wagon, inmitten von toten Häftlingen. Hinter mir haben die Amerikaner deutsche Soldaten erschossen, vor mir ging es eine Böschung hinab. Doch ich war einfach zu schwach, um aus dem Zug zu steigen." 35 Kilogramm wog der Ungar noch. Die erste Suppe, das erste Bad: János Gosztonyi schmunzelt, als er sich daran erinnert. Dann zittert seine Stimme, als er über die Heimkehr spricht, über die erste Begegnung mit seiner Mutter am 12. August 1945.

Im August 1945 zurückgekehrt

Die Schüler fragen nach, wollen wissen, wer denn im Lager die Leichen eingesammelt hat, hören von dem "Todesengel", der mit dem Ochsenkarren zuletzt am Krankenzelt Halt machte: "Diese Leichen hatten am wenigsten Gewicht. Die konnte er am leichtesten auf die anderen werfen." Wie es denn mit Freundschaften unter den Häftlingen stand? "Die gab es nicht", sagt János Gosztonyi. "Jeder kämpfte für sich ums Überleben. Wir waren total entfremdet, waren keine Tiere, keine Maschinen, sondern Wesen im Halbschlaf."

Welches Verhältnis er zum Tod bekommen habe? "Man gewöhnte sich daran. Und nach ein paar Wochen waren wir Sachverständige in der Frage, wie lange jemand noch überleben wird." Immer wieder gehen die Finger der Schüler nach oben: Ob er ständig an Flucht gedacht habe? Wie der Tagesablauf aussah? Was es zu Essen gab? Und was aus ihm geworden sei?

Karriere als Autor und Schauspieler

János Gosztonyi ging nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an die königliche Theaterakademie in Budapest und wurde erfolgreicher Schauspieler, Regisseur und Autor. Viele seiner Hörspiele wurden auch ins Deutsche übersetzt, der letzter Roman "Sackpapiere" trägt stark autobiographische Züge und beschreibt die Zeit im Außenlager Mühldorf. "Gleich nach dem Krieg habe ich zum ersten Mal meine Erlebnisse aufgeschrieben. Immer wieder habe ich das seitdem getan. Und nun sind sie veröffentlicht." Erste Gespräche mit Übersetzern und deutschen Buchverlagen laufen bereits.

Drei Tage bleibt János Gosztonyi in der Region, das Bunkergelände oder ehemalige Waldlager wird er nicht besuchen. "Ich muss das nicht mehr sehen", sagt er. "Mir reichen meine Erinnerungen."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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