Wenn Eltern überfordert sind

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Nicht immer kommen Frauen und Männer mit dem Leben als Mutter und Vater klar. Die Betreuung der Kleinen, die Organisation des Haushalts und der Beruf überfordern manche. Die Caritas bietet jetzt ein Schulungsprogramm an, das Eltern helfen soll, ihren Alltag zu bewältigen.

Mühldorf - Im Rahmen der Familienpflege bietet die Caritas im Landkreis Mühldorf erstmals ein sogenanntes Haushalts-Organisations-Training (HOT) an.

Dabei kommt Schwester Raphaela Wieseler zu Familien nach Hause, die ihren Alltag nicht bewältigen können.

Wäscheberge in den Kinderzimmern, Essensreste unter der Couch, stapelweise schmutziges Geschirr in der Küche. Zwischendrin drei Kinder, die seit Wochen nicht mehr in der Badewanne waren und nur sporadisch ihre Hausaufgaben erledigen. "Wenn wir in die Familien kommen, ist es eigentlich schon zu spät", sagt Schwester Raphaela Wieseler von der Familienpflege der Caritas. "Dann ist schon viel zu viel passiert."

Die Eltern sind mit der Situation zu Hause völlig überfordert, bekommen den Alltag längst nicht mehr geregelt. Ein soziales Netz aus Freunden, Verwandten oder Großeltern existiert meistens nicht. Im Gegenteil: Je schwieriger die Situation, je schlimmer die Zustände, desto mehr ziehen sich die Familien zurück und geraten in die soziale Isolation. "Manchmal werden im Erdgeschoss die Fensterläden gar nicht mehr geöffnet, damit die Nachbarn nicht mitbekommen, wie es in der Wohnung aussieht."

Die Ursachen für die drohende Verwahrlosung sind von Fall zu Fall verschieden, sie reichen von der Trennung der Eltern bis zu schweren Erkrankungen. "Arbeitslosigkeit und drohende Armut spielen aber meistens eine Rolle", weiß Sozialpädagogin Gisela Scheitler, die die Familienpflege koordiniert.

Dabei gehe es zunächst darum, die Grundversorgung für die Kinder zu gewährleisten, sagt Scheitler. Der juristische Begriff der "Kindeswohlgefährdung" mit allen Konsequenzen steht dabei immer im Raum.

Nicht selten informieren nämlich die Schulen das Jugendamt über auffällige Kinder, das wiederum die Caritas kontaktiert. "Wir haben aber auch Eltern, die von sich aus auf uns zu kommen. Weil sie einsehen, dass sie dringend Hilfe brauchen", sagt Schwester Raphaela. Damit ist ein entscheidender Schritt schon getan: "Gegen den Willen der Beteiligten können wir nichts ausrichten."

Eineinhalb Jahre lang hat sich Schwester Raphaela in Paderborn zur Haushalts-Organisations-Trainerin ausbilden lassen, seit September bietet die Caritas im Landkreis HOT als Projekt im Rahmen der Familienpflege an - finanziell gefördert vom Jugendamt. "Derzeit betreuen wir drei Familien. Doch der Bedarf wäre mit Sicherheit deutlich größer", sagt Gisela Scheidler. Deshalb sei die Ausweitung des Projekts durchaus denkbar.

HOT ist langfristig angelegt, soll mehr sein als eine schnelle Haushaltshilfe in der Not. Das Programm unterteilt sich deshalb in mehrere Phasen. Nach einem Gespräch zwischen den betroffenen Eltern und Vertretern des Jugendamts und der Caritas stellen alle Beteiligten einen Fahrplan zur Bewältigung der Krise auf.

Die Betreuung in der Anfangsphase ist intensiv. "Zusammen mit den Eltern müssen wir wieder Strukturen in den Alltag bringen", erklärt Schwester Raphaela. "Wir räumen auf, organisieren Arztbesuche, waschen, kochen, füllen notwendige Anträge aus." Zugleich wird ein Haushaltsplan aufgestellt, sämtliche Ausgaben kommen auf den Prüfstand.

Greifen die Maßnahmen, werden die Besuche seltener. "Ziel ist es am Ende nur noch einmal im Monat vorbeizuschauen", beschreibt es Schwester Raphaela. Doch bis dahin ist es für alle Familien ein langer Weg - den sie aber nicht alleine gehen müssen.

Weitere Informationen zu HOT gibt es bei der Caritas unter Telefon 08631/37630 oder im Internet unter www.haushaltsorganisationstraining.de.

ha/Mühldorfer-Anzeiger

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