Wenn der Atem stockt

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Sepp Schwarz war Leistungssportler, lange Zeit Träger einer Atemmaske und ist jetzt Leiter der neuen Selbsthilfegruppe für Patienten einer Sauerstofftherapie. 

Mühldorf/Waldkraiburg - Wenn die Sauerstoffflasche zum ständigen Begleiter wird, fallen Patienten in ein tiefes Loch. Sepp Schwarz gründete deshalb eine Selbsthilfegruppe.

Wenn der Arzt die Diagnose "Sauerstoff-Therapie" stellt, wenn die Sauerstoffflasche plötzlich zum ständigen Begleiter wird und wenn 24 Stunden am Tag die Frage im Raum steht, "wie lange reicht der Sauerstoff noch?", dann fallen die meisten Patienten in ein tiefes Loch. Das hat der Waldkraiburger Sepp Schwarz am eigenen Leib erfahren. Mit einer Selbsthilfegruppe will er anderen helfen.

Bis vor zwei Jahren hat er noch selbst ein Sauerstoffgerät immer bei sich getragen. Heute ist er darauf nicht mehr angewiesen. Mit eiserner Disziplin und viel Ausdauertraining hat er sich so viel Lungenvolumen antrainiert, dass er ohne Sauerstoffzufuhr von außen leben kann. Dass klappt aber nicht bei jedem, gibt er zu. Sepp Schwarz selbst war früher Leistungssportler, war bei den Olympischen Spielen 1972 als Weitspringer dabei und hielt in der Disziplin mit 8,35 Metern einige Jahre den Europarekord.

Seine größte Angst nach der Diagnose: "Ohne ausreichend Sauerstoff wird das Gehirn nicht richtig durchblutet", schildert er, "und damit beginnt die Vergesslichkeit." Der Anfang der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung COPD ist meist Atemnot, so Schwarz. "Man kann plötzlich die Treppe nicht mehr steigen", sagt er. Häufigste Ursache ist Rauchen, aber auch Schädigungen durch Atemgifte häufigste Folge die Sauerstoff-Langzeittherapie zwischen 16 und 24 Stunden am Tag. Und trotzdem ist COPD die vierthäufigste Todesursache.

"Bei jeder Form der Lungenerkrankung kann es zu einem Sauerstoffmangel kommen", erklärt Dr. Christian Wiesner, Chefarzt des Lungenzentrums der Kreisklinik Mühldorf, der maßgeblich an der Gründung der Gruppe beteiligt war. Entweder seien die Atemwege zu eng, um ausreichend Sauerstoff aufzunehmen, oder Transport von der Atemluft ins Blut oder vom Blut ins Gewebe sei gestört. Die Beschwerden werden dann durch die Zufuhr von Sauerstoff gelindert, erklärt er. Neben der Versorgung mit einem stationären Gerät, die den Patienten an sein Zuhause bindet, gibt es die Möglichkeit flüssigen Sauerstoff bei minus 180 Grad zu Hause in einem Tank zu lagern und für Erledigungen in einen Transportbehälter abzufüllen, so Dr. Wiesner.

Dafür muss der Sauerstoff aber mindestens 16 Stunden am Tag genutzt werden, nur dann wirke er lebensverlängernd, sagt der Mediziner. Ansonsten steigt durch den Sauerstoffmangel der Blutdruck und das belaste Herz und Atemmuskulatur. Mit dem Sauerstoffgerät auf die Straße zu gehen aber belaste viele Patienten, weiß er. "Hier Kontakt zu Betroffenen vermitteln zu können und die Hemmschwelle abzubauen, erleichtert unsere Arbeit in der Klinik sehr", sagt er.

"Über das Lungenzentrum haben wir gewusst, dass Interesse an einer Selbsthilfegruppe da ist", sagt Schwarz. Dass aber 60 Betroffene und 40 Betreuer zur Auftaktveranstaltung kamen, habe selbst die Organisatoren überrascht. Neben der konkreten Hilfestellung für den Alltag und dem Voneinander-Lernen, soll auch die Information über medizinische Möglichkeiten und technische Neuerungen Thema der Selbsthilfegruppe sein, so Schwarz. Durch mehr Wissen werde auch die Position des Patienten gegenüber dem Arzt gestärkt, damit ein Gespräch auf gleicher Ebene möglich werde, sagt er. "Und wir wollen den Menschen eine Brücke bauen", sagt Schwarz, "sie ermuntern wieder anzupacken und auch einfach, trotz Sauerstoffflasche wieder auf die Straße zu gehen."

Deshalb hat er die Gründung der Selbsthilfegruppe für Sauerstoff-Langzeit-Therapie in Mühldorf angeregt. Bei der Gründungsveranstaltung Anfang Oktober im Haus der Begegnung waren es über 60 Interessierte.

nl/Mühldorfer Anzeiger

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