Im Visier der Taliban

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"Was nützt mir all der Reichtum, wenn ich ständig in Angst leben muss?" Moschtaq Ahmed Shaghely lebt als Asylbewerber in der Gemeinschaftsunterkunft in Mühldorf.

Mühldorf - Moschtaq Ahmed Shaghely war einer der ersten Asylbewerber, der in Mühldorf ankam. Es war das Ende einer Flucht, bei der nicht weniger als das Leben seiner Familie auf dem Spiel stand.

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Im Paradies brennt Neonlicht. Kalt strahlt es von der Decke auf die abgewetzten Sofas, auf die Kleiderspinde, auf die riesige Matratze am Boden. "Das hört sich jetzt komisch an", entschuldigt sich Moschtaq Ahmed Shaghely. "Aber wir fühlen uns wie im Paradies." Gerade einmal 15 Quadratmeter ist das Paradies im ersten Stock der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber groß. Dort lebt der 37-Jährige zusammen mit Frau und drei Kindern. Für die zweijährige Tochter gibt es immerhin ein Kinderbett. Wie ein Fremdkörper steht es da, die bunte Bettwäsche ist der einzige Farbtupfer in einem Raum, der sich gerade noch funktional nennen darf.

Aber darum geht es Moschtaq nicht: "Was nützt mir all der Reichtum, wenn ich ständig in Angst leben muss? Und wenn ich keine Ruhe habe?" Früher, in einem scheinbar anderen Leben, war Moshtaqs Paradies eine Welt voller Luxus und Reichtum. "Wir hatten Geld, viele Angestellten und ein großes Haus."

Immer wieder muss ihn die Dolmetscherin Homa Samawaki ein wenig bremsen, damit sie seine Geschichte auch richtig wiedergibt: Sie beginnt bei Moschtaqs Vater, einem Großgrundbesitzer in der Provinz Kunar im Nordosten Afghanistans. Sie handelt von einer Familie, die noch zu Zeiten der kommunistischen Regierung viel Ansehen genoss. Und sie erzählt von den Mudschahedin, die das Land ins Verderben gestürzt haben. "Wir wurden vertrieben, mussten unsere Heimat verlassen. Erst als Staatspräsident Hamid Karsai an die Macht kam, kehrten wir zurück."

Es galt das Land wieder aufzubauen. Auch Moschtaq Ahmed Shaghely wollte seinen Beitrag leisten und versorgte den Geheimdienst mit Informationen. "Als Gutsverwalter hatte ich alles im Blick, was sich in unserer Region abspielte." Waffen, Drogen, Munition: Was Mudschahedin, Taliban oder andere Clans über die Grenze schafften, Moschtaq wusste Bescheid. "Viele sitzen wegen mir im Gefängnis."

Doch das Risiko wurde immer größer. Und die Angst entdeckt zu werden auch. Als einer seiner Informanten bei einem Bombenanschlag ums Leben kommt, zieht sich die Schlinge mehr und mehr zu. "Irgendwann wussten alle, dass ich der Verräter bin." Mehrfach wird nachts sein Haus beschossen, dazu kommen die Drohungen gegen die Familie. "Sie wollten mich zwingen mit den Taliban zusammenzuarbeiten."

Hals über Kopf bricht Moshtaq auf, fährt mit Frau und Kindern nach Kabul. Das Ministerium, für das er gearbeitet hat, weist ihn ab: Niemand könne für seine Sicherheit garantieren, heißt es - verbunden mit einem guten Rat: "Hau ab, raus aus Afghanistan."

Daraufhin bittet Moshtaq Verwandte um Hilfe, sammelt Geld. "70.000 Euro habe ich an einen Schleuser bezahlt. Dafür, dass er uns nach Deutschland bringt." Ohne ein Gepäckstück steigt er mit seiner Familie in ein Flugzeug nach Istanbul, dort sperren die Schleuser die Familie in einen Container. Dreieinhalb Tage dauert die Fahrt auf dem Lastwagen, alle acht Stunden macht der Fahrer in einem Waldstück Pause. "An die Schüsse und an den Bombenlärm waren wir gewöhnt. Aber die Angst in diesem Container war anders. Wir hatten ja keine Ahnung, wo das endet."

Es endet um sechs Uhr morgens auf einer Autobahnraststätte bei München. Moshtaq ruft seine Schwester an, die in München lebt. Sie holt die Familie ab und nimmt Kontakt zu einem Anwalt auf. Ein paar Stunden später geht es zur Polizei. Jetzt sitzt Moschtaq Ahmed Shaghely in der Gemeinschaftsunterkunft am Bahnhof. In Sicherheit. "Zum ersten Mal seit Monaten fürchten wir nicht um unser Leben. Wir denken, wir träumen."

Wie es nun weitergeht? "Der Asylantrag läuft", sagt Moschtaq voller Zuversicht. "Wer meine Geschichte nicht glaubt, soll mich begleiten." Nach Hause, an den Hindukusch. "Soll mich aussetzen in meinem Dorf. Wenn ich dann tot bin, werden sie sehen, dass ich die Wahrheit gesagt habe."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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