Unterwegs mit dem Gerichtsvollzieher

+
Kommt heute nur noch selten zum Einsatz, weil die wenigsten Schuldner wertvolle Dinge besitzen: Das Pfandsiegel, gemeinhin Kuckuck genannt.

Mühldorf - Statistiken zeigen, dass in Deutschland viele Menschen überschuldet sind. Auch im Landkreis. Sie müssen mit dem Besuch des Gerichtsvollziehers rechnen.

Dem Mühldorfer Gerichtsvollzieher Peter Bauer (Name geändert) steht ein arbeitsreicher Tag im Außendienst bevor. Das zeigt auch sein Mobiltelefon, das während der Autofahrt zum ersten Schuldners fast pausenlos klingelt. Manch ein Gläubiger versucht mit dem Anruf beim Gerichtsvollzieher die Zahlungen hinauszuzögern. So auch eine ältere Schuldnerin, die eine offene Rechnung seit Monaten gewissenhaft abstottert. Sie bittet Peter Bauer, ihre Ratenzahlung von 50 Euro einmalig um 20 Euro kürzen zu dürfen. Der Grund: Sie musste sich eine neue Brille kaufen und jetzt reiche das Geld für die Schuldentilgung nicht mehr aus.

Peter Bauer ist im westlichen Landkreis unterwegs. Er parkt sein Auto vor einem schicken Einfamilienhaus und holt aus dem dicken Ordner voller Vollstreckungsbescheide eine offene Rechnung über rund 500 Euro heraus. Die Frau, die ihm die Tür öffnet, wirkt nur wenig beeindruckt vom Besuch des Gerichtsvollziehers. Mit fast stoischer Ruhe blickt sie auf die ausstehende Forderung und macht keinerlei Anstrengung, die Erwartungen des Gerichtsvollziehers zu erfüllen.

Peter Bauer lässt sich davon schon lange nicht mehr aus der Ruhe bringen. Nach Jahrzehnten gehört es zu seiner Strategie, auf übertriebenen Druck zu verzichten, weil es seiner Ansicht nach nichts bringt. Es gibt Tage, an denen er nicht mehr als dreimal 50 Euro an Ratenzahlungen eintreiben kann. "Für die meisten gibt es viele Löcher zu stopfen", erklärt er. "Da kann eben nur ein Loch nach dem anderen gestopft werden."

Mit einem neuen Gesetz, das voraussichtlich 2013 in Kraft tritt, sollen für die Zwangsvollstreckung grundlegende Änderungen eintreten. Ab dann werden Gerichtsvollzieher Vermögensauskünfte vom Schuldner verlangen oder Informationen über Beschäftigungsverhältnisse erfragen können. Damit hätte man ein wirksameres Mittel gegen Schuldner, die falsche oder gar keine Angaben zum Vermögen machen. "80 Prozent meiner Schuldner sind Stammkunden", sagt Peter Bauer. In vielen Fällen hat er es mit der zweiten Generation eines Schuldners zu tun. Nach seiner Erfahrung machen "Kinder, die ihren Eltern jahrelang dabei zugesehen haben, wie sie ihre Zahlungsverpflichtungen bis zum Sankt Nimmerleinstag hinauszögern, später genau das Gleiche wie ihre Eltern."

Einen Schuldner trifft Bauer nicht an, so erhöht sich die Forderung ein weiteres Mal um ein paar Euro. Vor sechs Jahren belief sich seine offene Rechnungssumme auf weniger als 20 Euro, die sich aber im Laufe der Jahre aufgrund der Verfahrenskosten auf 260 Euro summierte. Da gerichtlich festgestellte Forderungen nie verjähren, wird der Schuldner auch in den nächsten Jahrzehnten nicht vom Gerichtsvollzieher verschont bleiben. "Wenn ein Verbraucher trotz hoher Verschuldung weiter kontinuierlich Konsumgüter erwirbt und nicht bezahlt, muss er grundsätzlich auch mit einer Haftstrafe rechnen", erklärt Bauer. In einer großen Wohnanlage in Schwindegg hat er Briefe für drei verschiedene Parteien dabei.

Eine Familie hat den Besuch des Gerichtsvollziehers ungeduldig erwartet, es sind die Vermieter eines Gebäudes, das zwangsgeräumt werden soll. Der Mieter ist aber kurzerhand in einer Nacht- und Nebelaktion abgehauen. Die Vermieter schildern, dass sie wegen jahrelanger eigenmächtiger Mietkürzungen des Mieters, einem nicht enden wollenden Kleinkrieg und schließlich dem gänzlichen Ausbleiben der Mietzahlungen unter enormer Belastung gestanden hätten.

Zwangsräumungen von Häusern oder Wohnungen verlaufen nicht immer friedlich. Häufig reagieren die Bewohner aggressiv. Für diese und andere Konfliktsituationen werden alle Gerichtsvollzieher in Selbstverteidigung ausgebildet.

Die Pfändung von Sachwerten findet laut Peter Bauer nur selten statt. In den Haushalten seien kaum Güter vorhanden, die gewinnbringend versteigert werden könnten. Weder mit Fernsehern oder Computern könnten nennenswerte Erträge erzielt werden. Allerdings bekämen wertvolle Antiquitäten sofort ein Pfandsiegel.

Der Stapel der Vollstreckungsbescheide und Vorladungen ist kleiner geworden. In diesen Tagen werden die unbeglichenen Forderungen der Gebühreneinzugszentrale (GEZ) vollstreckt. Die Schulden der "Schwarzseher" bescheren dem Gerichtsvollzieher doppeltes Arbeitsaufkommen.

nov/Mühldorfer Anzeiger

Zurück zur Übersicht: Region Mühldorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser