„Uns bleibt nicht mehr viel Zeit“

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„Wir sind ein gewachsenes Team, das zeichnet uns aus“, sagt Josef Hell (links) über die Zusammenarbeit von hauptamtlichen Palliativkräften und ehrenamtlichen Hospizhelfern.

Mühldorf - Der Anna-Hospizverein feiert heuer seinen 15. Geburtstag. Im Interview sprechen die beiden Vorsitzenden Dr. Hans Dworzak und Josef Hell über die Anfänge des Vereins, richtige Entscheidungen und die ernsten Sorgen, was die künftige Finanzierung angeht.

Welche Erinnerungen haben Sie an den 18. Mai 1995?

Dworzak: Das war der Tag der Gründungsversammlung, eine sehr fruchtbare Sitzung. Rund 40 Personen waren damals zusammengekommen, darunter viele Kirchenvertreter, Sozialarbeiter, Pflegende. Wir haben uns eine Satzung gegeben und schon kurz darauf mit der Ausbildung der ersten Hospizhelferinnen begonnen.

Hatten Sie damals auch nur eine Vorstellung davon, was an diesem Abend angestoßen wurde?

Dworzak: Die ersten Impulse gingen ja von den Pflegekräf- ten aus, die täglich erlebten, dass den Sterbenden vor allem Zuwendung und eine intensive medizinische Betreuung fehlt. Wir wussten also, dass es sich um ein wirklich dringendes Thema handelt. Wir wussten aber auch, dass uns Landratsamt und Krankenhaus eher argwöhnisch beobachteten.

Warum?

Dworzak: In erster Linie ging es natürlich um Berührungsängste. Sterben war ein Tabuthema, vor allem im Zusammenhang mit Krankenhaus. Hier wird man gesund, hier wird nicht gestorben, hieß es. Zeitweise haftete uns sogar der Ruf an, wir seien ein unchristlicher und esoterischer Haufen. Mittlerweile arbeiten Hospizverein und Krankenhaus aber eng und vertrauensvoll zusammen.

Hell: Man muss das natürlich auch im Kontext der Zeit se- hen. Die Hospizbewegung nahm in Deutschland erst Mitte der 80er-Jahre ihren Anfang, 15 Jahre später als in England.

Doch der Verein hat sich durchgesetzt.

Dworzak: Wir haben Erfahrungen gesammelt, Schritt für Schritt. Anfangs haben wir 15 Sterbende pro Jahr betreut. Das war kein Problem, so lange vor Ort immer eine stabile familiäre Struktur vorhanden ist. War das nicht der Fall, wurde der Aufwand größer. Da war es mit einem Schmerztherapeuten und ei- ner Hospizhelferin nicht getan. Mittlerweile betreuen wir ambulant mehr als 300 Patienten sowohl medizinisch als auch durch die ehrenamtlichen Begleiterinnen und Begleiter unseres Hospizteams. Insgesamt haben wir 2009 etwa 600 Patienten begleitet. Dazu bieten wir Trauerbegleitung an, informieren über die Patientenverfügung und vieles mehr.

Gerade was die Hos- pizbewegung im ländlichen Raum betrifft, war vieles Pionierarbeit. Aus heutiger Sicht: Haben Sie gravierende Fehler gemacht?

Hell: Ich denke nicht. 2001 standen wir vor der Frage, ob wir ein stationäres Hospiz einrichten sollen. Wir entschieden uns dagegen, die Unterhalts- und Personalkosten hätten den Verein aufgefressen – und lagen richtig. 2004 mussten wir uns wieder entscheiden: Palliativstation – ja oder nein. Aus den Erfahrungen heraus legten wir uns fest: ambulant vor stationär. Wir wollten die Menschen nicht an die Klinik binden, sondern sie – wenn möglich – bis zum Tode in ihrem zu Hause betreuen. Das war und ist unser Weg.

Ein Weg, der einen hohen Aufwand verlangt: personell und finanziell.

Hell: Das ist es auch, was mir Sorgen macht. Wir gehen seit Jahren an die Belastungsgrenze. Deshalb müssen wir nun noch mehr Druck auf Politik und Kassen machen, damit die Ausstattung und Finanzierung endlich auf sichere Beine gestellt wird. Dworzak: Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Die Lage ist ernst. Im Augenblick finanzieren wir 80 Prozent unserer Aufwendungen Rücklagen, hauptsächlich für die Personalkosten, das sind heuer 280 000 Euro. Doch in einem Jahr ist Schluss, dann sind unsere Rücklagen aufgebraucht.

Nun existiert aber seit dem ersten April 2007 das Gesetz zur spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, das die durch die Kassen regeln soll. Warum profitiert der Anna-Hospizverein nicht davon?

Hell: Das Gesetz ist nicht zu Ende gedacht und berücksichtigt nicht die Verhältnisse im ländlichen Raum. Die Vorgaben, um an eine Regelfinanzierung durch die Kassen zu kommen, sind hoch: Acht Vollzeitkräfte sollen einen Bereich mit 250 000 Einwohnern abdecken, heißt es. Da ist es kein Wunder, dass entsprechende Verträge gerade einmal mit vier Palliativteams in Bayern abgeschlossen wurden und zwar im großstädtischen Bereich: in München, in Regensburg und in Fürth.

Dworzak: Unsere Hoffnung stützt sich nun auf ein Gespräch mit Gesundheitsminister Markus Söder am 15. Juni, an dem neben den Kassenvertretern auch wir teilnehmen werden. Darüber hinaus müssen wir uns aber auch an der eigenen Nase packen und den Druck auf die Kassen erhöhen.

Inwiefern?

Dworzak: Indem wir für den Personal- und Sachaufwand Rechnungen an die Kassen stellen.

Hell: Was das betrifft, befinden wir uns in einem echten Dilemma: Zum einen, weil die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung immer sehr hoch und damit vieles ohne wietere Unterstützung möglich war. Zum anderen, weil wir als Hospiz- und Palliativteam aus unserem Verständnis heraus keinen Hilferuf ablehnen würden, selbst wenn die Krankenkasse eine Voranfrage auf Kostenübernahme negativ beantwortet. Und der einzige, der sein Recht auf Kostenübernahme einklagen könnte, ist der Patient selbst. Doch wer klagt denn schon, wenn er den Tod vor Augen hat.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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