19-Jährigen zum Tyrannen erzogen

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Mühldorf - Über Jahre hat ein 19-Jähriger seine Familie erpresst, misshandelt und beraubt. Dafür schickt ihn das Jugendschöffengericht nun ins Gefängnis.

Eine gehörige Mitschuld gab Richter Heinrich Ott jedoch der Familie des jungen Mannes. „Er ist ja nahezu dazu abgerichtet worden, auf der faulen Haut zu liegen und seine Familie um Geld zu bitten! Er hat nie eine Grenze gelernt, daher war es am Ende auch schwierig, ihm Grenzen aufzuzeigen. Das muss man ehrlicherweise und objektiverweise sehen.“

Deutliche Worte des Jugendrichters Ott, der normalerweise kein Blatt vor den Mund nimmt, die jungen Delinquenten in ihre Schranken zu weisen. Das Urteil, den jungen Mann ein Jahr und acht Monate ins Gefängnis zu schicken, habe daher vor allem erzieherische Ziele. "Er muss merken, bis hierher und nicht weiter." Wenn er auf freiem Fuß bliebe, verfiele der junge Mann sofort wieder in seinen Trott. Denn: "Das Böse lauert immer und überall."

Das Böse war in den vergangenen Jahren aber vor allem der Angeklagte selbst. Laut dem Bericht der Jugendgerichtshilfe war er von Kindesbeinen an durch Leistungsverweigerung, Lügen, Stören und Weglaufen aufgefallen. Seinen Vater kannte er nicht, seine Mutter war mit der Erziehung überfordert. Der Sohn wuchs bei den Großeltern auf - von denen er alles bekam, notfalls setzte er die alten Leute entsprechend unter Druck.

Wenn er nicht bei den Großeltern war, verbrachte der junge Mann seine Zeit in begleitenden Einrichtungen, absolvierte Kurse, Praktika oder sogenannte Aktivierungshilfen. Sogar ein VHS-Zirkusprojekt durchlief er auf Staatskosten. Richter Ott konnte es kaum glauben: "Es ist schon erstaunlich, was mit unseren Steuergeldern alles finanziert wird. Was hätten Sie denn da lernen sollen, etwa Zirkusdirektor?"

Auch die Staatsanwältin mochte "nicht wissen, wie viel Zeit, Geld und Mühe in diesen Angeklagten gesteckt wurde. Aber alle Maßnahmen sind gescheitert." Einen ernsthaften Beruf wollte der Angeklagte, dem eine normale Intelligenz attestiert wird, nämlich nie lernen: "Dazu hatte ich einfach keine Lust."

Dass es überhaupt zu einer Strafanzeige seitens der Angehörigen kam, lag laut Staatsanwaltschaft schlicht daran, dass diese irgendwann um ihr Leben fürchteten. Denn die Aggressionen des bereits mehrfach Vorbestraften schienen immer unkontrollierter zu werden, die verhandelte Körperverletzung nur ein Beispiel für viele.

Seinem "parasitären Verhaltensmuster" (Staatsanwältin) entsprechend, nahm er eine Einladung seiner Großmutter zum Familienmittagessen an. Weil er jedoch das Gefühl hatte, dass seine um ein Jahr jüngere Schwester mehr Nudeln auf dem Teller hatte als er, warf er seiner Mutter zunächst ein Porzellanhaferl hinterher. Das Haferl verfehlte die Frau, weshalb er ihr eine 15 Zentimeter lange Kerze hinterherdonnerte - an den Hinterkopf, die Platzwunde musste genäht werden. Die Schwester warf er zu Boden und traktierte sie mit Fußtritten.

Auch die vor Gericht verhandelten Raube dürften sich bereits zigmal in dieser oder ähnlicher Form abgespielt haben. Die gebrechliche 80-jährige Großtante des 19-Jährigen gab bei der polizeilichen Verhandlung selbst zu, dem Enkel ihrer Schwester immer Geld gegeben zu haben, sofern es ihre finanzielle Situation zuließ. Als er jedoch im November wieder unangemeldet bei ihr klingelte, schnurstracks an ihre Geldbörse ging und diese leerte, wollte die Rentnerin einschreiten. Ergebnis: eine Ohrfeige. Ebenso wenig Skrupel hatte er nur zwei Wochen später, als er die alte Dame packte, schubste und ihr Geld aus dem Mantel nahm. "übel" und eine "massive Unverschämtheit" nannte Ott das Vorgehen gegen die Frau, "die ihm aus Zuneigung immer geholfen hat".

Zum Glück legte der Angeklagte vor Gericht ein Geständnis ab und ersparte seiner Familie damit eine Aussage. Ob diese Aussagen nämlich zur Aufklärung des Falles beigetragen hätten, mochte Ott bezweifeln. Was er aus den liebevollen Briefen der Familie an den in Untersuchungshaft Sitzenden habe herauslesen können, seien Aussagen gegen den geliebten Sohn und Enkel eher unwahrscheinlich gewesen.

zip/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © pa

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