Der Tag, an dem die Kelle flog

Mühldorf - Weil er bei einer Dienstaufsichtsbeschwerde einen Polizeibeamten zu Unrecht beschuldigt hat, wurde ein 43-jähriger Motorradfahrer jetzt zu einer Geldstrafe von 3000 Euro verurteilt.

Der Motorradfahrer hatte behauptet, dass ihn der Beamte mit einer Anhaltekelle getroffen habe.

Mit mehreren Freunden war der 43-Jährige aus dem Landkreis Mühldorf am 27. September 2009 unterwegs, kurz vor Truchtlaching gerieten die Motorradfahrer in eine Radarkontrolle. 121 Stundenkilometer zeigte das Messgerät für den Spitzenreiter an, erlaubt sind an dieser Stelle 70.

Am Ortseingang wartete deshalb ein 32-jähriger Polizeibeamter auf den Anführer der Kolonne. Der 43-Jährige bremste zunächst ab, überlegte es sich im letzten Moment aber dann doch anders: "Ich habe Gas gegeben und bin links an ihm vorbei." Von einer Kurzschlussreaktion sprach der Angeklagte nun vor Gericht, einer "Riesendummheit". Das Ordnungswidrigkeitsverfahren anlässlich der Geschwindigkeitsübertretung ist längst abgeschlossen, am Ende stand ein vierwöchiges Fahrverbot und eine saftige Geldstrafe.

Dass es nun erneut zu einer Gerichtsverhandlung in dieser Sache kam, hat mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Polizeibeamten zu tun, die der Motorradfahrer im Innenministerium eingereicht hat. Darin behauptete der 43-Jährige, dass der Polizist die Anhaltekelle hinter ihm hergeworfen und ihn damit auch getroffen habe. "Nicht schwer, aber er hat mich erwischt."

Die Beschwerde verlief im Sand, im Gegenzug zeigte der Beamte den 43-Jährigen wegen falscher Verdächtigung an. Schließlich sei ihm - so der Polizist in seiner Zeugenaussage - die Kelle nur aus der Hand geglitten und zu Boden gefallen. Von einem Treffer könne keine Rede sein.

Was folgte waren - über zwei Verhandlungstage verteilt - die Zeugenaussagen der beteiligten Polizeibeamten und des Motorradkollegen, der hinter dem 43-Jährigen fuhr. Dieser hatte einst in seiner Vernehmung durch die Polizei ausgesagt, dass die Kelle zwar mit Wucht "aus der Rückhand heraus" geworfen worden sei, den Freund aber nicht getroffen habe. Vor Gericht hieß es nun: "Ich habe nicht gesehen, ob er ihn getroffen hat."

Und so ging es weiter mit jeder Menge Wort- und Detailklauberei: Ab wann ist ein Wurf ein Wurf? Wo fiel die Kelle zu Boden? Ist sie gefallen oder geflogen? Am Ende sah es Richter Florian Greifenstein als erwiesen an, dass die Wahrheit dazwischen liegt.

In seiner Urteilsbegründung ging er zwar von einem mehr oder weniger gezielten "Rückhand-Wurf" aus, glaubte aber nicht an einen Treffer. "In diesem Punkt hat der Angeklagte in seiner Beschwerde übertrieben. Und diese Übertreibung wird zur strafbaren falschen Verdächtigung." 50 Tagessätze á 60 Euro kostet den Angeklagten diese Übertreibung. Dass der Beamte vor Gericht und in seiner internen schriftlichen Stellungnahme "bewusst untertrieben" habe, stehe auf einem anderen Blatt, sagte Greifenstein.

Die Staatsanwältin hatte 100 Tagessätze á 100 Euro gefordert, der Verteidiger einen Freispruch. Ob sein Mandant gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen wird, steht noch nicht fest.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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