Spannende Berichte zur Schulgeschichte

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"Wir haben uns gerne drillen lassen", sagt Helmut Rasch und spricht über die Euphorie und Hoffnungen, die im Sudetenland mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verbunden waren.

Mühldorf/Schönberg - Die Schulgeschichte steht im Mittelpunkt der Geschichtstage, die zwischen 7. und 16. Oktober stattfinden. Berichtet wird auch über eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt.

Helmut Rasch wird dabei über seine Zeit an einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) erzählen.

Dass Helmut Rasch ausgerechnet in Schönberg gelandet ist. In der Gemeinde, die den gleichen Namen trägt wie sein Geburtsort im Sudetenland. Schicksal? Der 84-Jährige lächelt bescheiden: "Ein schöner Zufall. Es hat sich eben so ergeben." So wie sich vieles im Leben des Helmut Rasch eben so ergeben hat, ganz besonders in der Zeit zwischen dem einen und dem anderen Schönberg, zwischen dem Besuch der Volksschule dort und der Anstellung als Lehrer hier.

Die Napola in Ploschkowitz war fünf Jahre lang die Heimat von Helmut Rasch. Im Rahmen der Mühldorfer Geschichtstage wird er über seine Zeit in dem Internat berichten.

Ausgangspunkt war eine einmalige Gelegenheit, die sich dem jungen Helmut 1939 bot. "Meine Eltern hätten es sich niemals leisten können mich aufs Gymnasium zu schicken", erzählt er. "Die Napola war meine Chance." Nach dem Anschluss des Sudetenlands an Deutschland im Jahr 1938 entstand auch in Nordböhmen eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt. Dafür wurde der schlossähnliche Sommersitz des Staatspräsidenten in Ploschkowitz zum Internat umgebaut.

Die Aufnahmeprüfung war alles andere als ein Kinderspiel. "Über 30 Schüler aus dem Landkreis hatten sich beworben. Ich war der einzige, den sie genommen haben", erinnert sich Helmut Rasch. Zu verdanken hatte er das vor allem seiner sportlichen Begabung. "Über die Hälfte der Prüfung drehte sich um Leibeserziehung. Weil mich mein Vater aber schon als Vierjähriger in den Turnverein geschleift hatte, waren die Übungen am Reck, Barren, Pferd und Boden ein Heimspiel."

Mit der Zusage kam auch der Trennungsschmerz. Als Zwölfjähriger fuhr Helmut Rasch alleine los, war mit Ausnahme von Weihnachten und den großen Ferien hunderte Kilometer von zu Hause weg. "Die ersten Monate waren furchtbar hart und voller Tränen", sagt der pensionierte Lehrer. "Aber ich wollte meine Eltern auf keinen Fall enttäuschen."

35 Mark bezahlte der Vater pro Monat für den Besuch seines Sohnes an der Napola. "Das war ja nichts im Anbetracht dessen, was uns Schülern geboten wurde." Auf dem Stundenplan standen zum Beispiel Segelfliegen, Segeln, Reiten und Rudern - aber auch vier Stunden militärische Disziplin am Morgen zwischen 6 und 10 Uhr. Und natürlich politische Bildung im Sinn der Nationalsozialisten: "Hitlers 'Mein Kampf' war unsere Bibel. Seite für Seite, Kapitel für Kapitel haben wir das durchgearbeitet."

Zweifel kamen Helmut Rasch damals nie: "Wir haben uns gerne drillen lassen, was auch an der Euphorie im Sudetenland lag, die nach dem Anschluss herrschte." Von der Existenz der Konzentrationslager für "politisch Andersdenkende" habe man zwar gewusst, "von Vernichtungslagern habe ich aber erst viel später erfahren".

Dass er sich mit 17 im Jahr 1944 freiwillig an die Front gemeldet hat, sei als Napola-Schüler "eine Selbstverständlichkeit" gewesen. Als der Einberufungsbefehl in Ploschkowitz eintraf, machte Helmut Rasch noch schnell sein Kriegsabitur: "Alle Fächer in zwei Tagen. Mein Zeugnis habe ich dann mit der Post nach Hause geschickt."

Als ein Jahr später der Zweite Weltkrieg zu Ende war, stand der Wehrmachtssoldat vor einem Trümmerhaufen. "Alles war verloren: Der Krieg, die Heimat, alles, woran man jahrelang geglaubt hat." 18 seiner 60 Klassenkameraden waren gefallen.

Helmut Rasch machte sich auf den Weg nach Garmisch zu seinem Bruder - und blieb in Niedertaufkirchen hängen. Bei einem Veteran aus dem Ersten Weltkrieg kam er unter, arbeitete in der Landwirtschaft und lernte seine Frau kennen.

1948 beendete Rasch schließlich sein kurzes Lehramts-Studium in Freising. Im September trat er die Stelle als Lehrer an der Volksschule in Schönberg an - und blieb 42 Jahre. Nebenbei schreibt er bis heute für den Mühldorfer Anzeiger.

"Was von der Napola übrig geblieben ist, ist die Kameradschaft", erzählt Helmut Rasch. In den 50er-Jahren trafen sich die ehemaligen Schüler zum ersten Klassentreffen - und sahen sich fortan alle fünf Jahre. "2005 kamen noch 14, letztes Jahr waren wir nur noch zu zweit."

Zum Vormerken: Über seine Erfahrungen an der Napola spricht Helmut Rasch am Dienstag, 11. Oktober, zwischen 11.30 und 13 Uhr am Ruperti-Gymnasium Mühldorf.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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