Sitzenbleiben abschaffen? Stimmen Sie ab!

+
Werden die Schüler in Bayern bald nicht mehr sitzenbleiben?
  • schließen

Landkreise - Pädagogischer Unsinn oder notwendiges Übel? Sollte das Sitzenbleiben auch in Bayern abgeschafft werden? Sagen Sie uns Ihre Meinung und stimmen Sie ab!

"Sitzenbleiben ist eine Tragödie für das Kind"

"Ich würde das Sitzenbleiben nicht generell abschaffen", sagt Schulrätin Helga Wichmann, stellvertretende fachliche Leiterin des Schulamts Rosenheim. Manchmal mache es für den Schüler durchaus Sinn, die Klasse zu wiederholen. Wenn ein Schüler freiwillig wiederhole, um seine Noten zu verbessern, sei das allerdings selten erfolgreich. Außerdem verstärke das Sitzenbleiben häufig die Probleme, die ein Kind hat. "Das Sitzenbleiben ist eine Strafe dazu. Das ist natürlich eine Tragödie für so ein Kind", erklärt die Schulrätin. Deshalb sollte das Sitzenbleiben nach Möglichkeit vermieden und das Kind rechtzeitig gefördert werden.

Lesen Sie auch:

"Sitzenbleiben hat negative Wirkung"

Klaus Wenzel, Präsident des BLLV, hält das Sitzenbleiben hingegen grundsätzlich für kontraproduktiv. "Das Sitzenbleiben bringt nicht nur nichts, sondern hat eine negative Wirkung." Es gebe Studien, die dies belegen. Besonders gefährlich werde es, wenn ein Schüler im Unterricht gedanklich abschalte, sobald er wisse, dass er die Klasse wiederholen muss. Vielmehr müsse man vorbeugend aktiv werden. "Ich bin sehr dafür, dass man junge Menschen fördert, sobald Schwierigkeiten auftreten, damit das Sitzenbleiben vermieden wird", sagt Wenzel.

BLLV fordert zweiten Lehrer in der Klasse

Dabei gehe es um ganz banale Rahmenbedingungen. "Die Forderung müsste heißen: Kleinere Klassen und mehr Personal. Dann hätte sich das Sitzenbleiben erübrigt." Konkret fordert Wenzel Klassen mit 15 bis 20 Schülern, sowie Unterstützung für die Lehrer. "Wir brauchen eine zweite pädagogische Kraft im Klassenzimmer", sagt der BLLV-Präsident. Diese könne sich dann immer um jene Schüler kümmern, die gerade Schwierigkeiten mit dem Unterrichtsstoff haben.

"Durchfallen sollte keine Zwangsveranstaltung sein"

"Es geht immer um Individuen", sagt der Altöttinger Schulamtsdirektor Harald Kronthaler. In einigen Fällen sei das Wiederholen eines Schuljahrs durchaus sinnvoll, etwa wenn ein Schüler wegen einer längeren Krankheit in allen Fächern einen Rückstand hat. Dass schlechte Noten in wenigen Fächern ein Sitzenbleiben nötig machen, bezweifelt der Schulamtsdirektor jedoch. "Muss ein Schüler, der in Mathe und Deutsch schlecht ist, Englisch nochmal machen?", fragt Kronthaler. Eltern, Schüler und Lehrer müssten hinterfragen, warum das Kind schlechte Noten nach Hause bringt, damit es gezielt gefördert werden kann. "Durchfallen sollte keine Zwangsveranstaltung sein."

Sitzenbleiben ist keine Stigmatisierung, sondern eine Hilfestellung

"Es ist eine sehr vielschichtige Diskussion", sagt der Mühldorfer Schulamtsdirektor Paul Schönstetter, der das Wiederholen grundsätzlich für sinnvoll hält. Das Sitzenbleiben solle schließlich eine Hilfestellung und keine Stigmatisierung sein. "Es gibt gute Gründe, weshalb eine Wiederholung notwendig ist." Allerdings helfe das Sitzenbleiben nur, wenn der Schüler an das neue Schuljahr mit "Ernsthaftigkeit rangeht".

Schulämter in Bayern testen "flexible Grundschule"

Eine individuelle Förderung, wie vom BLLV gefordert, ist durchaus das Ziel des bayerischen Kultusministeriums - allerdings soll dies mit Hilfe der "flexiblen Grundschule" erreicht werden, die ausdrücklich auch Wiederholen beinhaltet. An der Grundschule in Berchtesgaden startet das Projekt im kommenden Schuljahr. Dabei werden Erst- und Zweitklässler gemeinsam eine "jahrgangskombinierte Klasse" besuchen, wie Schulamtsdirektor Frank Thieser erklärt. Je nach Lernfortschritt könnten die Erstklässler auch Stoff aus der zweiten Klasse lernen.

Die Schüler haben dabei die Möglichkeit, die ersten beiden Jahrgangsstufen in einem Jahr oder aber in zwei oder drei Jahren zu absolvieren, wobei das dritte Jahr nicht als Sitzenbleiben gewertet wird. An der Grundschule in Polling im Landkreis Mühldorf läuft das Projekt schon seit mehreren Jahren. Wie der Mühldorfer Schulamtsdirektor Paul Schönstetter erklärt, ist das Ziel der "flexiblen Grundschule", ein "individuelles Unterstützungssystem" zu etablieren, um "wesentlich stärker auf die unterschiedlichen Voraussetzungen einzugehen". Auch an der Grundschule in Heufeld im Landkreis Rosenheim gibt die "flexible Grundschule" seit Jahren. Das Schulamt Traunstein war leider noch nicht zu einer Stellungnahme zu den Themen Sitzenbleiben und flexible Grundschule bereit.

Alexander Belyamna

Zurück zur Übersicht: Region Mühldorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser