Im schwarzen Breitband-Loch

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„Die Website kann nicht angezeigt werden –Diagnose von Verbindungsproblemen“ steht auf dem Bildschirm des Laptops zu lesen. Die Diagnose haben die Bewohner im Außenbereich von Neumarkt gleich gestellt: Es fehlt an der Breitbandverbindung. Daumen also nach unten, was schnelles Internet betrifft.

Neumarkt-St. Veit - Frauenhaselbach, Wiesbach, Klein-Grötzing – all diese Ortschaften befinden sich im Breitband-Niemandsland. Besonders die Gewerbetreibenden ärgert das.

Während Bürger im benachbarten Stadtzentrum schnelles Internet mit Bitübertragungsraten im fünfstelligen Bereich genießen, funktioniert die Internetanbindung im Außenbereich nur spärlich.

Ernst Eggelaar ist so ein Gewerbetreibender, der als Internet- und Homepage-Spezialist beruflich auf schnelles Internet angewiesen ist. Immerhin verfügt er in Klein Grötzing über SDSL, eine 250-kBit-Leitung, für die er jedoch 160 Euro im Monat zahlt. "Wenn ich eine drei Gigabyte große Datei hochlade, dann dauert das aber immer noch einen Tag und sieben Stunden." Bei seinem Bruder in Neumarkt, der über eine 6000er-Leitung verfügt, wäre die gleiche Datei in 50 Minuten durch.

Ein großes Gefälle also, das sich bei der Breitbandversorgung zwischen Stadt und Land in Neumarkt auftut. Eggelaar hat schon sämtliche Alternativen ausgelotet, auch eine Satellitenlösung getestet, "die ganz gut funktionierte, aber 2500 Euro dafür im Monat ist mir zuviel Geld." Für ihn steht fest: Verbessert sich die Versorgung nicht, wird er mit seiner Firma und den vier Angestellten seinen Standort verlagern. Paradox: In unmittelbarer Nähe führt laut Eggelaar ein Glasfaserkabel der Bahn an seinem Haus vorbei, "doch das ist nur bahnintern nutzbar". Und: Der Nachbar jenseits des Gleises könne schnelles Internet nutzen, weil er sich im Vorwahlbereich 08639 befindet. Eggelaar aber hat 08722 und muss sich mit kleineren Bitraten zufrieden geben.

Fachinformatiker Patrick Fuchs aus Frauenhaselbach würde sich ebenso sehr schnelles Internet wünschen wie sein Berufskollege aus Wiesbach, Anton Zürner: "Dann wäre auch eine Fernwartung bei Kunden möglich", so Zürner. Denn oft handle es sich dabei nur um ein kleines PC-Problem, das auf diese Weise binnen weniger Minuten behoben werden könne, so Zürner.

Doch die meisten Frauenhaselbacher müssen sich mit einem analogen Anschluss rumärgern. So wie Daniela Moser, Mutter dreier schulpflichtiger Kinder, die über ein putziges 56 Kilobyte-Modem verfügt. Gewerblich nutzt sie den Anschluss nicht. "Doch die Kinder wachsen mit dem Internet auf." Das World-Wide-Web sei Bestandteil von Hausaufgaben und Referat, "wer so einen langsamen Anschluss hat wie wir, bleibt hinten." Familien in der Stadt seien klar im Vorteil.

Not macht inzwischen auch erfinderisch

Auch dem Zimmerer Martin Braun aus Piering käme eine schnellere Anbindung entgegen. Denn Pläne von Architekten würden heutzutage immer häufiger via E-Mail verschickt. In Ermangelung eines Breitbandanschlusses zieht sich Braun diese Dateien auf sein Handy, wofür er allerdings auch 120 Euro an Flatrate-Gebühren pro Monat zahlt, und spielt die Dateien dann auf seinen Rechner. Eine Alternative also? "Frauenhaselbach liegt in einem Kessel. Wir haben so gut wie überhaupt keinen Handy-Empfang", entgegnet schulterzuckend CSU-Stadtrat Reinhard Fuchs. Er fordert schon lange Unterstützung seitens der Stadt, denn schnelles Internet sei heute nicht mehr wegzudenken.

"Landwirte stellen ihre Anträge via Internet. Viele lassen Bilder online entwickeln. Und wer mit Betriebssystem Windows arbeitet, muss seine Software regelmäßig aktualisieren. Bei mehr als 100 Megabyte an Datenmengen dauert das", erklärt Reinhard Fuchs, der schnelles Internet ebenfalls beruflich benötigt: Seine Firma erwägt die Schließung des Standortes in Mühldorf, wird zukünftig in München operieren. Programmierer Fuchs müsste dann also täglich drei Stunden pendeln. "Ich könnte ein bis zwei Tage von zu Hause aus arbeiten - doch bei unserer Breitbandversorgung ist das nicht machbar."

Die Satelliten-Alternative scheide aus: "Aufgrund der fehlenden Sicherheit bei der Datenübertragung." Außerdem sei die Schnelligkeit des Datentransfers via Satellit von der gegenwärtigen Anzahl der Nutzer abhängig. "Je mehr diese Technologie nutzen, umso langsamer ist sie." Fuchs steht der Ärger ins Gesicht geschrieben: "Ich hatte der Stadt vorgeschlagen, im Zuge der Erschließung des Außenbereichs mit Wasser und Kanal Leerrohre gleich mitzuverlegen." Diese, so Fuchs, hätten immer noch mit Glasfaserkabeln ausgestattet werden können. "Doch das ist versäumt worden."

Bliebe derzeit nur noch die Lösung über die Firma Mvox, die vorhandene Kupferleitungen der Telekom nutzt und die bestehende Internetverbindung durch Verstärker "frisiert". Für Frauenhaselbach aber nur eine mäßig gute Alternative: Der Ort liegt zu weit im telekommunikativen Niemandsland, um diese Möglichkeiten voll auszuschöpfen.

Glasfaser optimal, aber auch teuer

Die Versorgung über Glasfaser wäre zwar die optimale, aber auch die teuerste Lösung. Die Deutsche Telekom veranschlagt die Kosten dafür auf 50000 Euro pro Kilometer. Alleine im Falle Frauenhaselbachs wären das also Kosten von mehr als einer halben Million Euro. Umso verwunderter blicken die Frauenhaselbacher deswegen auf die Gemeinde Oberbergkirchen, die in diesem Jahr eben diese Glasfaserverbindung herstellen und somit die Breitbanderschließung umsetzen wird. Lediglich 18000 Euro koste es die Gemeinde Oberbergkirchen, um die rund 200 Haushalte zu versorgen, erklärt Oberbergkirchens Bürgermeister Michael Hausperger. Denn 50 Prozent der 36.000 Euro werden bezuschusst, außerdem profitiere die Gemeinde davon, dass die Leerrohre zum Verteilerpunkt zum größten Teil bereits vorhanden seien. "Die Telekom muss nur noch die Glasfaserleitung über eine Länge von knapp vier Kilometern legen", begründet Hausperger die vergleichsweise niedrigen Kosten.

Selbst Irl könne mit einer 1000er-Bitrate versorgt werden. Im Falle des weiter entfernten Aspertshams würde es aber schon schwieriger, "weil die Abnehmer fehlen", erklärt Hausperger. "Dann rechnet es sich auch für die Telefondienstleister nicht mehr und der Anschluss bleibt weg."

Offensichtlich sind es auch in Frauenhaselbach zu wenig Nutzer, als dass sich ein Anschluss für ein Telekommunikationsunternehmen rentieren würde. Und so wird das Örtchen Frauenhaselbach wohl zunächst mangels Alternativen das bleiben, was es auf dem Breitbandportal des Bundeswirtschaftsministeriums ohnehin schon ist: ein weißer Fleck auf der DSL-Landkarte. je

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