Mühldorf ist, wo die Schotten rocken

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Der Schützen- und Trachtenzug ist eine einzige Zettelwirtschaft. So steht zum Beispiel der weiße Zettel, auf den Schützenzug-Organisator Berger zeigt, für Folklore. Konkret für zwei russische Gruppen, die für die mehrere tausend Kilometer lange Reise eine dreitägige Busfahrt auf sich nehmen. Insgesamt sind es 116 kleine Blätter, deren Farben zeigen, ob es sich um Kutschen, Musik-, Trachten- oder Schützengruppen handelt.

Mühldorf - Zum 20. Mal findet heuer der internationale Schützen- und Trachtenzug statt. Er bringt 116 Gruppen und viele Geschichten in die Stadt - das erfordert viel Oragnisation:

Eine gute deutsche Behörde verliert nichts, auch nicht die Planung des ersten Schützenzugs. Gegen das generalstabsmäßige Unternehmen 2011 nehmen sich die zwei Din-A-4-Seiten von 1992 kurios aus. 34 Musik-, Schützen- und Trachtengruppen sind darauf vermerkt, sie stammen allesamt aus dem Landkreis. Die handschriftlichen Notizen stammen vom damaligen Zugorganisator Günther Knoblauch, der in seinem dritten Amtsjahr als Bürgermeister erstmals zum Schützen- und Trachtenzug nach Mühldorf rief.

"Das zweite Volksfestwochenende war etwas leer, es lief so dahin", sagte Knoblauch heute im Rückblick. Doch dann kam die Idee, die das Mühldorfer Volksfest verändern sollte: ein Schützenzug, sicherlich ähnlich wie in München. "Wir hatten gute Beziehungen zu den Schützen im Landkreis. So haben wir nicht nur das zweite Wochenende belebt, sondern auch Menschen aus dem ganzen Landkreis nach Mühldorf gebracht." Das Ergebnis der Überlegungen. Die erste Liste mit 34 Gruppen.

Zum Mini-Jubiläum 20 Jahre später reicht die nicht mehr, Organisator Peter Berger braucht schon Google-Earth, um am Computer zum Beispiel Togliatti zu finden, die Heimat zweier russischer Gruppen. Kurz vor dem Ural, 1000 Kilometer südöstlich von Moskau, nehmen sie drei Tage Fahrt in Kauf, um auf dem Stadtplatz zu tanzen und zu spielen. Oder der Borgo San Panfilio, italienische Trommler- und Fahnenschwinger, die mittelalterliches Flair mit nach Mühldorf bringen.

Dass es Geld kostet, streitet Knoblauch nicht ab. Fahrtkostenzuschuss oder finanzielle Unterstützung von Pferdefuhrwerken, die Musikkapellen bekommen auch etwas. Auf gut 18000 Euro summieren sich die Ausgaben, durch Werbung oder Zeichenverkauf sollen 14000 Euro wieder in die Kasse kommen. So traditionell der Zug, so modern das Ergebnis, wenn man Knoblauch glauben darf: Er spricht von einer "Win-win-Situation" und nennt als Beispiel die Gruppe aus Waidbruck. Die kleinste Gemeinde Südtirols nutzt ihre Trachten- und Musikgruppe vor allem für die Jugendarbeit. Besonderes Schmankerl für die, die mitmachen: das Volksfest. Und die Mühldorfer erleben einen bunten Zug mit originellen Gruppen.

116 sind es heuer, sie kommen aus neun Länder. 3500 Kinder, Frauen und Männer ziehen über den Stadtplatz, 14 Musikgruppen und drei Trommlerzüge, 50 Pferde: "Mittlerweile ist es eine Riesengeschichte geworden", sagt Organisator Berger.

Es sind aber nicht nur die Zahlen, es sind vor allem die vielen Geschichten rund um den Zug, die ihn beschreiben. Da sind die Schotten der "Williamwood Bag Pipe", die mit ihren Dudelsäcken am Vorabend der Züge in den Zelten für Stimmung sorgen. Unvergessen der Ruf, der vor einigen Jahren über das Volksfest schallte: "Die Schotten fahren Hupferl". Und geschwind sammelte sich eine Menschenmenge vor dem Karussell, das im Handumdrehen offenbarte, was der Schotte unterm Rock trägt.

Nicht nur für Bürgermeister Knoblauch ist der sonntägliche Empfang vor dem Rathaus einer der schönsten Momente des Wochenendes. Entspannt und in aller Ruhe treten dabei ausländische Gruppen auf und lassen ihre Folklore zwischen den Innstadthäusern Mühldorfs lebendig werden. Da kann es sogar vorkommen, dass Türken und Griechen miteinander tanzen.

Die Schotten laden heuer erstmals zu einem Konzert im Stadtsaal ein, "Pipes & Drums & Rock & Roll - A Taste of Scotland" ist der Abend am 6. September überschrieben. Die Russen treten im Kursana in Ampfing auf und unterhalten für eine Brotzeit die Senioren und andere Gäste. Ansonsten ist das öffentliche Interesse an den Gruppen außerhalb des Zuges allerdings eher gering, es gibt auch nur wenige Sponsoren.

Große Unterstützung und Zustimmung kommt von den Schützenverbänden. Die würdigen den Mühldorfer Zug als wichtigsten hinter dem großen Vorbild München und loben in ihren Veröffentlichungen das unbeschwerte Zusammensein. Die Regierung von Oberbayern hat für 2012 einen Zuschuss aus der Kulturförderung der EU in Aussicht gestellt.

Die Schützen haben Berger unlängst eine Anerkennung überreicht, eine silberne Gams, die auf einem Schrank in seinem Büro thront. Hoch über den bunten Zetteln, auf denen die Zugaufstellung inzwischen ihre endgültige Gestalt angenommen hat.

hon/Oberbayerisches Volksblatt

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