Endlich Zeit für die Oper

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„Es gibt keine psychische Erkrankung, auf die so mit dem Finger gezeigt wird, wie auf die Alkoholabhängigkeit. Daran hat sich in 25 Jahren nichts geändert“, sagt Dr. Michael Heidegger. Am Donnerstag wird er nach 25 Jahren als Leiter der Fachklinik Annabrunn feierlich verabschiedet.

Mühldorf - Nach 25 Jahren geht der Leiter der Fachklinik Annabrunn, Dr. Michael Heidegger, in den Ruhestand. Am Donnerstag wird er feierlich verabschiedet.

Noch einmal lässt Dr. Michael Heidegger den Blick über das Gelände der Fachklinik Annabrunn schweifen, schaut aus dem Fenster seines Büros hinüber zum Sportplatz, vorbei an der kleinen Kapelle und weiter nach hinten zu den Wohnhäusern am Waldrand. "Die Arbeit hat Spaß gemacht", sagt er dann. "Und sie hat mich immer erfüllt. Wenn man das von sich sagen kann, hat man doch eigentlich alles richtig gemacht, oder?" Heidegger lächelt.

6348 Patienten haben die Klinik unter seiner Regie in den vergangenen 25 Jahren besucht, haben sich hier ihrer Alkohol- oder Medikamentensucht gestellt. Oder beidem. Als die Sekretärin die Zahl nach gründlicher Aktenrecherche am Telefon verkündet, stutzt der Facharzt für Psychiatrie und Familientherapeut erst einmal: "So viele? Hätt' ich nicht gedacht." Die nackten Ziffern sind das eine, die persönlichen Schicksale dahinter das andere.

Denn natürlich liegt jeder Fall anders, verbirgt sich hinter jeder Sucht eine andere Ursache. Doch diese Erkenntnis musste sich auch in Annabrunn erst etablieren. "Als ich hier angefangen habe, war Suchttherapie vor allem Arbeits- und Beschäftigungstherapie", erinnert sich Heidegger. Wenig wissenschaftlich begründet sei das Vorgehen damals gewesen.

Heute erwartet die Patienten ein komplexer, lückenloser Therapieplan: mit Einzelgesprächen, Kunst- und Familientherapie, Ernährungsberatung, Entspannungstraining, Kursen zum Thema Internet und Spielsucht und vielem mehr. Dazu haben sich die Behandlungszeiten verkürzt, nur die Zahl der Betten blieb in etwa gleich: 52 Patienten kann die Fachklinik im Augenblick aufnehmen, Träger der Einrichtung ist der Katholische Männerfürsorgeverein München.

Nicht nur die Arbeit mit den Patienten habe sich verändert, sagt Heidegger. "Die Männer kommen dank der vielen ambulanten Beratungsstellen heute wesentlich informierter zu uns als früher. Und sie begreifen schneller, dass sie abhängig sind." Auch wenn es dafür manchmal einen Rückfall braucht. "Oft ist das der erste Schritt zur erfolgreichen Therapie."

Neben der inhaltlichen Professionalisierung hat sich in dem Vierteljahrhundert unter seiner Leitung auch das Gesicht der Einrichtung verändert. Über vier Millionen Euro wurden in Gebäude und Ausstattung investiert: helle, freundliche Räume sind entstanden, der "grausame grüne Filzboden" im Verwaltungstrakt gehört längst der Vergangenheit an. "Kein einziges Möbelstück aus meiner Anfangszeit ist noch hier".

Auch unbequeme Maßnahmen galt es durchzusetzen, wie das Rauchverbot. 13 Patienten musste Heidegger deshalb an einem einzigen Tag entlassen. "Weil sie konsequent dagegen verstoßen hatten. Die dachten, ich ziehe das nicht durch."

Die Nachfolgerin

Eine Nachfolgerin für Dr. Michael Heidegger steht bereits fest: Dr. Gabriele Kurz wird im Rahmen des Festakts zur Verabschiedung am Donnerstag in der Fachklinik vorgestellt.

Dazu muss man wissen, dass die Rentenversicherung als Träger der Therapiekosten der Fachklinik im Grunde keinen finanziellen Spielraum für derartige Maßnahmen lässt. "Nur wenn wir zu 98 Prozent ausgelastet sind, arbeiten wir kostendeckend", erklärt Heidegger. "Fehlen mir also nur zwei Patienten an einem Tag, zahle ich drauf." Dieses enge Korsett war "im Rückblick die wohl größte Hürde". Und daran werde sich auch für die Nachfolgerin "kaum etwas ändern".

An seinen kuriosesten Fall kann sich Dr. Michael Heidegger auch nach vielen Jahren noch gut erinnern: "Der Patient kam uns schon die ganze Zeit etwas seltsam vor. Am letzten Tag seiner Therapie hat er uns dann gestanden, dass er nur hier war, um eine Wette zu gewinnen. In all den Sitzungen, in all den Gesprächen hatte er uns an der Nase herumgeführt. Auf Kosten der Rentenversicherung." Für 92 Euro pro Tag.

Wehmut? "Nein", sagt Heidegger, "verspüre ich nicht. Schließlich leiste ich mir den Luxus und höre mit 64 auf." Patientenkontakt wird er dennoch weiterhin haben: Als Psychiater für die Beratungsstelle Altötting. Und als Gutachter. "Mir geht die Arbeit schon nicht aus."

Und wenn dann noch Zeit bleibt, wartet auf den zweifachen Vater noch ein Hobby: "Endlich kann ich mir die Opern dieser Welt dort anhören, wo sie gerade spielen."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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