Panzer im Garten

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Mergim Ameti kickt in der A-Jugend des FC Mühldorf. Sein Fußballerherz hat er allerdings an Spanien verloren: "Die spielen den schönsten Fußball. Und außerdem liebe ich den FC Barcelona."

Mühldorf - Wenn am heutigen Freitag in Südafrika Deutschland auf Serbien trifft, wird Mergim Ameti Miroslav Klose & Co. die Daumen drücken. Denn der Serbe fühlt sich im Herzen längst als Deutscher.

Viel Zeit hat Mergim Ameti im Augenblick nicht. Der 16-Jährige steckt mitten in seiner Prüfung für den qualifizierenden Hauptschulabschluss. Er wartet in der Turnhalle, im roten Deutschlandtrikot. Die Klassenkameraden versuchen sich gerade an 1,20 Meter im Hochsprung. "Eine knappe halbe Stunde kann ich Euch schon geben", sagt sein Sportlehrer.

Im Grunde viel zu wenig, denn der Jugendliche hat eine ganze Menge zu erzählen: Von einer Kindheit, die keine war. Vom Krieg in seiner Heimat. Von seinen Gefühlen, die beispielhaft sind für die Zerrissenheit dieses Landes, das für ihn nicht mehr ist als ein Name auf der Landkarte. "Ich bin kein Serbe", stellt Mergim Ameti gleich zu Beginn klar. "Ich bin Albaner. Das sind die Wurzeln meiner Familie."

Einer Familie, die ursprünglich aus Ternoc stammt, einer Kleinstadt in Serbien. Zur Welt gekommen ist Mergim allerdings in Schweden. Dorthin waren seine Eltern zusammen mit den beiden Geschwistern Anfang der 90er-Jahre ausgewandert, als der Zerfall des ehemailgen Jugoslawiens nicht mehr aufzuhalten war und die ersten gesellschaftlichen Spannungen auftraten.

1994 wurde die Familie dann wieder abgeschoben, die Ametis kehrten nach Ternoc zurück. Vier Jahre später herrschte auch dort Krieg. "Mein Vater flüchtete nach Deutschland, illegal auf einem Lastwagen", erzählt Mergim, der die nächsten Jahre bei seinem Onkel aufwächst. Hier versteckt er sich in Kellern, wenn Gefahr droht. Lernt auf einem Hinterhof das Fußballspielen, während in der Nähe Schüsse fallen. Trifft sich mit den anderen Kindern des Viertels zum Spielen in einem Haus, wenn es draußen wieder einmal zu unruhig ist. "Es war eben Krieg", sagt Mergim, der weiß, dass es viel schlimmer hätte kommen können. "In Tarnoc leisteten die Menschen kaum Widerstand, die Lage war relativ friedlich." Und doch gibt es Momente, in denen er unendlich Angst hat, er ist ja gerade einmal acht Jahre alt: Immer wenn die Erwachsenen zu Appellen abgeholt werden zum Beispiel. Oder als plötzlich ein Panzer im Garten steht.

2001 holt der Vater Mergim und seine Geschwister nach Deutschland, erst nach Wuppertal, dann nach Mühldorf. "Verwandte lebten hier. Und wir waren 500 Kilometer näher an zu Hause, denn meine Mutter lebte ja noch bis vor ein paar Jahren in Tarnoc." Einmal im Jahr geht es im Auto zurück in die Heimat: Über 15 Stunden dauert die Fahrt zu Freunden und Verwandten.

Inzwischen ist Mergim heimisch geworden in Mühldorf, im September beginnt er eine Ausbildung als Industriemechaniker bei der Südostbayernbahn. "Vorausgesetzt ich schaffe meinen Quali", grinst er. Wirklich Sorgen muss er sich nicht machen. "Besser als 2,5 sollte es schon sein", hat er sich zum Ziel gesetzt.

Und noch eines hat der 16-Jährige klar vor Augen: Er will die Deutsche Staatsangehörigkeit beantragen, sobald er seine Ausbildung abgeschlossen hat. "Ich bin hier groß geworden, hier ist mein zu Hause. Ich bin viel mehr Deutscher als ich Serbe bin."

Und für einen kurzen Moment wird Mergim Ameti ganz still, weil er nicht erklären kann, was ihn so umtreibt. Da sind einerseits die Erinnerungen an das, was die Serben seinen albanischen Landsleuten im Kosovo angetan haben. Da ist andererseits aber auch der Wunsch nach Ruhe und Frieden, nach dem Ende aller Diskussionen um Herkunft und Schuld.

Und da glaubt Mergim ganz fest an die verbindende Kraft des Fußballs, die Magie dieses Spiels über Grenzen hinweg. Auch wenn er weiß, dass ein Sieg gegen Deutschland bei weitem nicht reichen wird, um dieses Land zu einen. Zumal die Serben in seinen Augen keine Chance haben: "Die Deutschen sind stark ins Turnier gestartet und gehören sicher zu den vier besten Teams der Welt. Für die Serben wird in der Vorrunde dagegen Schluss sein." Noch dazu, weil Trainer Radomir Anti den besten Stürmer zu Hause gelassen hat. Den Grund glaubt Mergim Ameti auch zu kennen: "Weil er Albaner ist."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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