Der Onkel als Vergewaltiger

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Erinnerungen in 13 Kapiteln: Als ihn die Vergangenheit wieder einmal einholte, hat Gottlieb Hochwart sein Leben aufgeschrieben. Im Alter von neun Jahren hat ihn sein Onkel zum ersten Mal vergewaltigt.

Mühldorf - Wie nah sexuelle Gewalt liegt, zeigt das Schicksal Gottlieb Hochwarts. Der 61-Jährige lebt im Landkreis und leidet bis heute unter den Taten des ehemaligen Leiters der Regensburger Domsingknaben. Der Vergewaltiger war sein Onkel.

Die Menschen haben ihn kopfschüttelnd angeschaut, weil er bei einer Hochzeit oder Beerdigung nie die Kirche betrat, sondern gleich ins Wirtshaus ging. Aber Gottlieb Hochwart konnte nichts erklären, er konnte nicht sagen, dass ihm übel wird, wenn ein Pfarrer seinen Weg kreuzt. 50 Jahre lang hat er geschwiegen. "Vor Scham", sagt er, und weil er keine Worte fand. "Aber jetzt muss alles raus. Denn jetzt müssen mir die Menschen doch glauben." Glauben, dass ihn ein Priester vergewaltigt hat.

Dass Gottlieb Hochwart nach so vielen Jahren sein Schweigen bricht, hängt mit den Erklärungen des Bistums Regensburg angesichts der Missbrauchsfälle bei den Domspatzen zusammen. Denn darin fällt der Name Georg Z. Der Oberpfälzer war 1959 Internatsleiter des weltberühmten Chors. Aber Gottlieb Hochwart ist ihm nicht in Regensburg begegnet. Er kennt Georg Z. aus einer anderen Welt: Er war sein Onkel, der Stiefbruder seines Vaters.

Hochwart hat sein Gesäusel noch im Ohr. "Gottlieberl, Gottlieberl", nennt ihn der Mann im schwarzen Anzug immer, wenn er zu Besuch kommt. Gottlieb ekelt sich vor dem Kerl mit dem Holzbein, kommt aber nicht aus. Als Onkel Georg wieder einmal in Heumaden bei Eslarn (Kreis Neustadt/Waldnaab) zu Gast ist, kann der hochwürdige Herr nicht mehr nach Hause fahren. "Weil er mit dem Vater zusammen gesoffen hat." Aber viel Platz gibt es nicht: Vater, Mutter, fünf Kinder. Da meinen die Eltern, der Onkel könne doch bei Gottlieb, dem Ältesten, schlafen.

Für den neunjährigen Buben ist es eine Horrornacht. Georg Z. ist korpulent, der schmächtige Bub wird von ihm fast zerquetscht. Als er ihn vergewaltigt will Gottlieb schreien. Doch Georg Z. hält ihm den Mund zu. Am anderen Morgen steckt ihm der Onkel 20 Mark zu: "Brauchst niemand etwas zu erzählen, es glaubt dir ja doch keiner."

Am Waschtag stellt die Mutter den Buben zur Rede, weil seine Unterhose voller Blut ist. Weinend erzählt Gottlieb, doch statt Trost bekommt er Schläge und den Rat: "Sag's nicht dem Vater, sonst gibt's noch mehr."

Gottlieb versteht die Welt nicht mehr: Der Mann, der ihm so furchtbar weh tut, wird von seinen Eltern behandelt wie ein Heiliger. Gottlieb versucht ihm zu entkommen. Immer wenn der Onkel heranfährt, versteckt er sich. Doch fliehen kann er vor Georg Z. selbst dann nicht, als er den heimischen Hof verlässt.

Denn die Eltern schicken Gottlieb zu Verwandten. "Die hatten keine Kinder. Geh' dahin, hieß es, dann erbst einmal das Haus." Aber dort wird alles nur noch schlimmer, Onkel Georg ist gern zu Besuch. Hinzu kommen die Prügel. "Es gab dort kein Lob, keine Anerkennung, keine Liebe. Ich hatte keine Kindheit." Mit zwölf denkt er zum ersten Mal an Selbstmord. Nur die Tiere spenden Trost, weinend drückt er sich im Stall an die Kühe, wenn's ihm schlecht geht.

Angst, Prügel, Arbeit - so sieht das Leben des Buben aus, dann taucht jemand auf, dem er vertrauen kann: sein Firmpate. Er ist der Erste, der sieht, dass dem Bub übel mitgespielt wird. "Er ging mit mir sogar zur Polizei. Doch die meinten, dass sie das alles nichts angehe." Immerhin redet der Pate den Eltern so ins Gewissen, dass sie ihn wieder nach Hause holen.

Längst lebt Gottlieb in seiner eigenen Welt. Allein und ohne Freunde konzentriert er sich ganz auf die Schule. Alles geht ihm leicht von der Hand, er bringt nur Einser und Zweier nach Hause. Als Klugscheißer verhöhnt ihn der Vater, die Lehrstelle bei der Raiffeisenbank darf er nicht antreten, er muss Metzger werden. "Bei meiner ersten Schlachtung bin ich umgefallen." Und doch sagt er heute: "Diese Lehrstelle war mein großes Glück. Die Metzgersfamilie hat mich aufgenommen wie einen richtigen Sohn."

Gottlieb bekommt endlich ein eigenes Zimmer, genug Essen, den ersten Lohn - und ein Messer. Im zweiten Lehrjahr packt er es ein und macht sich auf den Weg zu seinem Onkel. "Ich wollte ihn abstechen, habe sogar geklingelt. Doch er war nicht zu Hause. Und da habe ich es mir anders überlegt."

Vielleicht war das der Wendepunkt. Ein Moment, in dem Gottlieb Hochwart gelernt hat, mit all der Wut und all dem Hass umzugehen. Der Jugendliche besucht einen Karatekurs, lernt Kickboxen: "Ich wollte nie wieder Prügel beziehen." Doch Gottlieb Hochwart teilt auch aus, steht mehr als einmal wegen Körperverletzung vor Gericht. "Immer wenn es eng wurde, immer wenn mir einer blöd kam, brach es aus mir heraus."

Das Leben des Gottlieb Hochwart ist geprägt von Arbeit. Der Metzgermeister arbeitet für die Südfleisch, erst in Weiden, dann in Waldkraiburg. Fassungslos hat er in all den Jahren die kirchliche Karriere seines Peinigers verfolgt. Nach einem Musikstudium wird Georg Z. Diözesanmusikdirektor. Und trotz einer Verurteilung im Sommer 1968 wegen sexuellen Missbrauchs zu 20 Monaten Haft, kommt er schnell zurück: als Musikpräfekt im Studienseminar Weiden. 1973 geht er mit 57 schließlich in den Ruhestand und stirbt 1984.

In Eslarn hat man ihn nicht vergessen: Eine Straße ist nach ihm benannt, es gibt zwei mit 150000 Euro dotierte Stiftungen, die seinen und den Namen seiner Schwester tragen. Jährlich werden 6000 Euro ausgeschüttet, um Not leidenden Kindern und Waisen zu helfen, wie es die Stifter wünschten.

Gottlieb Hochwart hat niemand geholfen: "Ich war immer ein Einzelgänger, habe mich selten jemandem anvertraut." Die wenigen Beziehungen gingen schon nach kurzer Zeit wieder auseinander. "Innerlich hat mich Georg Z. zum Krüppel gemacht."

Halt gibt ihm zunächst die Arbeit, in die er sich stürzt, dann der Alkohol, mit dem er seine Erinnerung bekämpft. Schließlich schreibt er sich den Schmerz von der Seele: In 13 Kapiteln und unter Tränen. Heute sind seine beiden Katzen sein Ein und Alles: "Für mich sind sie die besseren Menschen."

Vom Glauben hat sich der Mann, den seine Eltern ausgerechnet Gottlieb getauft haben, längst verabschiedet: "Wenn es einen Gott gäbe, hätte er mir geholfen." Der 61-Jährige erwartet heute keine Entschuldigung mehr. "Aber vielleicht", sagt er, "gibt es doch noch etwas Gerechtigkeit. Und die Menschen, die es nie wahr haben wollten, erkennen, was Georg Z. für ein perverser Sadist war." Manchmal träumt er noch von ihm. "Aber vielleicht wird es jetzt weniger, wenn ich meine Geschichte erzählt habe."

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