Zwischen Stress und Partylaune

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Der Geheimtipp von Sängerin Ramona Buchner: Tauchsieder und Fanta-Schorle - das ölt die Stimme.

Mühldorf/München - Nur noch dieses Wochenende feiert München das größte Volksfest der Welt. Dass in den Festzelten die Musik nicht zu kurz kommt, dafür sorgen auch Musiker aus dem Landkreis.

Seit Jahren schon ist die Kapelle um Bert Hansmeier aus Heldenstein fester Bestandteil des Löwenbräu-Festzeltes auf der Wiesn. Zwei Wochen lang spielen die Musiker von mittags bis halb elf Uhr abends – das zehrt. An der Kondition der Musiker und teilweise auch an der Gesundheit, wie Martin Stadler aus Oberbergkirchen zu erzählen weiß. Der 18-Jährige dürfte der jüngste Musiker aus dem Landkreis sein, der auf dem Oktoberfest in einer Kapelle spielt.

Zum ersten Mal hat er heuer bei Bert Hansmeier mitgespielt, aber nur während der ersten Woche. „Für mich hat das gereicht“, sagt er mit verschnupfter Stimme. Denn Mitte der Woche habe er sich eine Grippe eingefangen. „weil ich an einem Abend verschwitzt das Zelt verlassen und mich nicht g‘scheit angezogen habe“, ärgert er sich. Der Ansatz – damit bezeichnet man die Art, wie der Musiker sein Instrument an den Mund setzt und die Lippen beim Blasen bildet – sei ihm nicht flöten gegangen, sagt das Ausnahmetalent, das nicht nur Tenorhorn, sondern auch Posaune und Trompete spielt. Aber die schlechte Luft im Zelt – ein Mix aus Bierdunst, Schweiß und Rauch – gehe nicht spurlos an einem Blasmusiker vorüber: Da wird die Lunge zu einem Filter.

Aber das nimmt man gerne in Kauf, sagt Stadler: „Du spielst den ersten Ton und das Zelt steht und plärrt und feiert – wie bei einem Fußballspiel!“ Doch viel Zeit zum Schauen bliebe einem Musiker nicht. Vor allem, wenn man neu ist: „Der Ablauf ist reibungslos, ein Stück folgt dem anderen. Darauf gilt es die volle Konzentration zu richten“, sagt Stadler, der in der zweiten Woche von seinem Oberbergkirchener Kollegen Markus Mayer abgelöst worden ist.

Dass sich der 25-Jährige für die Woche Oktoberfest extra Urlaub nehmen musste, stört Mayer nicht: „Die Gaudi ist es das wert.“ Ab 12 Uhr steht er mit den Heldensteinern auf der Bühne, Pause gibt es nur zwischen 14 und 15 Uhr, dann geht es durch bis um 22.30 Uhr. „Du spielst den Bayerischen Defiliermarsch und 7000 Leute stehen auf den Bänken. Das ist der Wahnsinn!“ So etwas erlebe man eben nur auf dem Oktoberfest, „wo Menschen aller Kulturen friedlich miteinander feiern“, ist sich Mayer sicher.

Dass sich unter den Menschenmassen einige verrückte Szenen abspielen, blieb auch Mayer nicht verborgen. Etwa "ein Australier, der seinen Cowboystiefel ausgezogen, mit Bier gefüllt und dann ausgetrunken hat. Komplett narrisch", schüttelt der Posaunist, Tenorhornist und Tubist in Personalunion lachend den Kopf. Dass sich darüber hinaus Personen regelmäßig entblößen, sei schon fast nichts besonderes mehr.

Die Frage nach dem Wiesnhit 2009 beantwortet Mayer eindeutig. Nicht "Pokerface" oder "Jungle-Drum" hätten das Rennen unter den Millionen Besuchern gemacht, sondern "Zehn Meter geh", "weil da die Leute mitgrölen können, ähnlich wie bei ,Hey Baby" von DJ Ötzi".

Schmachtende Blicke von Mädchen vor der Bühne, gerichtet auf Musiker - gibt es das? Hans Stadler, der Bruder von Martin, sagt: "Ja, das sind schon eindeutige Signale, die da teilweise zu uns "rauf gesendet werden. Besonders am Italiener-Wochenende". Doch zum Leidwesen vieler Frauen ist der 20-jährige Trompeter fest liiert.

Anders als Bruder Martin spielt Hans Stadler bei den Plattlinger Isarspatzen im Zelt des Münchener Hofbräuhauses. Fast ein Heimspiel, da er sich die Bühne mit Werner Bondl aus Lohkirchen, Andi Demm aus Tittmoning, Josef Demberger aus Erharting sowie den beiden Neumarktern Stefan Reindl oder Sepp Eibelsgruber teilt. Auch für Hans Stadler ist es das erste Mal, dass er in einer Oktoberfestkapelle mitspielt.

Tauchsieder und Fantaschorle

Anstrengend sei sein erster Tag gewesen, "weil man teilweise alles vom Blatt spielt und sich voll konzentrieren muss." Doch schon am zweiten Tag beherrsche man das Programm, die Gaudi rückt immer mehr in den Vordergrund.

Dass jeder Tag Oktoberfest seine Spuren hinterlässt - rein musikalisch versteht sich - merkt auch Hans Stadler. Seinen Ansatz habe er noch, doch Lockerungsübungen für die Lippen seien an jedem Morgen Pflicht. Die elektrische Zahnbürste wird dann zur Massagebürste für die Lippen, so Stadlers Geheimtipp.

Zurück ins Löwenbräuzelt: Geheimtipps hat auch Ramona Buchner parat, damit ihre Stimme nicht der dauernden Beanspruchung Tribut zollt. Stets stünde ein Tauchsieder auf der Bühne, damit sie ihre "Giftmischung", eine halbe Mass Spezi oder Fanta aufgefüllt mit Wasser, auf Teetemperatur bringt. "Schmeckt nicht, aber hilft." Kalte Getränke wären das Aus für ihre Stimme, sagt die 25-Jährige, die mit "I will Survive" oder "Simply the Best" mit den Heldensteinern das Zelt zum Kochen bringt - und das bis zu sechs Stunden täglich. Kein Lied wird aber öfter gespielt als das "Fliegerlied". Das kennt jeder, sagt sie, drei bis fünf Mal pro Tag sei keine Seltenheit, dass dieser Hit erklingt.

Im dritten Jahr ist sie heuer dabei. Heiratsanträge habe sie zwar bisher noch keine erhalten, "aber die ein oder andere Telefonnummer wird einem schon zugesteckt", verrät die Kraiburgerin, die gleich hinzufügt: "Man muss ja nicht zurückrufen." Ist der Auftritt gelaufen - um 22.30 Uhr ist im Zelt Schicht im Schacht - geht es mit dem Zug nach Hause. Mit dickem Schal um den Hals und Kamille-Salbei-Husten-Tee aus der Thermoskanne, damit die Stimme sich wieder für den nächsten Einsatz erholen kann.

Einladung von Fürst Albert von Monaco

Einsätze am Münchener Oktoberfest hat Hans Drechsler-Röhrl schon unzählige hinter sich. Er hat dort schon gespielt, da war Martin Stadler noch gar nicht auf der Welt. Seit 20 Jahren spielt er mit. Saxofon und Klarinette lässt er bei den Plattlinger Isarspatzen erklingen. Zusätzlich singt er, "aber nur die bayerischen Sachen". Auch den 41-Jährigen zieht das Oktoberfest jedes Jahr aufs Neue in seinen Bann: "Das ist eine Woche Partystimmung, wie eine Woche in einer ganz anderen Welt".

Es sei ein Trugschluss zu glauben, dass eine Kapelle in der selben Besetzung 14 Tage durchspielt. "Die Plattlinger Isarspatzen rekrutieren sich aus insgesamt vier Kapellen", erzählt Drechsler-Röhrl aus Erharting. Und auch das mache seinen Reiz aus: "Du triffst die Musikerkollegen einmal im Jahr oder lernst neue kennen."

Doch auch jenseits der Bühne entstehen Kontakte, bisweilen auch mit der Prominenz: "Mit Thomas Gottschalk haben wir schon ein Bier getrunken", verrät Hans Drechsler. Auch den Volksschauspieler Toni Berger durfte er kennenlernen, Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber, ja sogar Fürst Albert von Monaco. Diesem Treffen auf dem Oktoberfest haben es Drechsler und Co. zu verdanken, dass sie nun einmal im Jahr ein kleines Oktoberfest im Jachthafen von Monaco musikalisch begleiten. Während Musikerkollegen Tag für Tag die Hinfahrt am späten Vormittag und die Rückfahrt mit dem letzten regulären Zug, dem "Lumpensammler" nach Mühldorf in Kauf nehmen, bevorzugt Drechsler die angenehmere Variante: "Ich habe eine Wohnung in München. Die Ruhe nach dem Spielen und vor dem nächsten Tag, die muss man sich gönnen, sonst hält man es nicht durch."

Insgesamt sei die Wiesn friedlich. Von den Terrorwarnungen, die derzeit kursierten, bekäme man kaum etwas mit. "Neulich hat es im Augustiner-Festzelt gebrannt, das haben wir gar nicht registriert, sondern am nächsten Tag in der Zeitung gelesen." Markus Mayer stellte immerhin fest, dass "am Mittwoch das Zelt gegen Mittag noch gespenstisch leer war, was eher ungewöhnlich ist." Doch spätestens ab 15 Uhr war auch im Löwenbräuzelt wieder Stimmung pur angesagt.

Und dann hieß es für die Mühldorfer Musiker wieder: Einheizen und Stoff geben bis um halb elf Uhr die Lichter ausgehen - wie jeden Tag auf dem Oktoberfest. Und morgen ist ein neuer Tag.

je/Neumarkter Anzeiger

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