Netzwerk für alte Menschen

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Sich Alltagssorgen von der Seele reden, Probleme diskutieren oder einfach nur ratschen, das machen Dr. Angelika Neudecker (rechts) und Johanna Oehl, die im Caritas-Altenheim in Mühldorf lebt, regelmäßig. Bei einem Kurs des Kreisbildungswerks hat sich Angelika Neudecker das professionelle Rüstzeug für diesen Besuchsdienst geholt.

Mühldorf - Mit einem Besuchsdienst will das Kreisbildungswerk der Vereinsamung von alten Menschen entgegenwirken. Dr. Angelika Neudecker ist eine der Frauen, die regelmäßig ins Altenheim geht.

"Ich gehe nie bedrückt aus dem Haus, die Lebensgeschichten der alten Leute bereichern mich", sagt Dr. Angelika Neudecker. Im Caritas-Altenheim in Mühldorf besucht sie regelmäßig vier Damen, dafür hat sie jetzt den Kurs des Katholischen Kreisbildungwerks besucht. "Eine Aufgabe, die sich lohnt! - ehrenamtlicher Besuchsdienst im Seniorenheim", den Pastoralreferent Michael Tress ins Leben gerufen hat.

Heute sitzt sie mit Johanna Oehl und Maria Hahn an einem kleinen runden Tisch zusammen, vor den drei Frauen brennen drei Windlichter. Das Gespräch dreht sich um Weihnachten, um Alltäglichkeiten und immer wieder um den Umzug, der den Bewohnern des Altenheims wegen des Umbaus bevorsteht. "Es wäre schön, wenn öfter jemand kommen würde", sagt Maria Hahn.

Einfach mit jemanden sprechen, das fehle vielen alten Menschen im Seniorenheim, das Pflegepersonal habe für ausgedehnte Gespräche einfach keine Zeit, sagt Neudecker. "Ich muss mir nie Gesprächsthemen zurecht legen", sagt sie, "das ergibt sich ganz von selbst." Über ihren eigenen Vater kam sie vor Jahren ins Caritas-Altenheim, wurde als Heimfürsprecherin gewählt. "Aber das macht ja nur Sinn, wenn ich auch Kontakt zu den Bewohnern habe." Und so kommt sie jetzt regelmäßig meist einmal pro Woche zu ihren Damen. Freundinnen seien sie über die Jahre geworden, sagt sie. Einen Mann zu besuchen, das habe sie nur einmal versucht. "Da hat die Chemie nicht gestimmt und dass man sich sympathisch ist, ist Voraussetzung." Es wäre gut, wenn sich mehr Männer im Besuchsdienst engagieren würden, sagt auch Michael Tress.

Als Altenseelsorger ist er viel in Heimen. "Dort gibt es unglaublich viel Einsamkeit", hat er beobachtet. Oft wohnen die Verwandte weit weg, sind berufstätig, oder es gibt einfach nur einen Betreuer, der zweimal im Jahr vorbeischaut. Die alt werdende Gesellschaft verstärke dieses Problem. "Und gleichzeitig gibt es immer weniger junge Menschen, die sich kümmern können und auch die dörflichen Strukturen mit funktionierenden Nachbarschaften brechen weg." Deshalb sei es wichtig, ehrenamtliches Engagement zu fördern, um neue Netzwerke auszubauen.

Speziell im Umgang mit alten Menschen sei es wichtig, Vorurteile abzubauen, meint Tress. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen aufblühen, sobald man sie anspricht", berichtet Angelika Neudecker. Und das sei auch der Sinn des Seminars gewesen den Menschen die Schwellenangst zu nehmen, und den Blick zu weiten für die Vielfalt des Alters. "Ein 70-Jähriger ist heute nicht mehr so alt, wie ein 70-Jähriger vor 20 Jahren", betont er. Der Besuchsdienst sei auch für die Besucher eine Chance: "Eine Chance auf eine Beziehung zwischen Menschen ohne Erwartung und ohne Zeitdruck."

Schon innerhalb der eigenen Familie seien derart offene Gespräche oft nicht möglich, sagt Angelika Neudecker. "Ich habe diese Erfahrung mit meinem Vater gemacht. Mir hat er nicht viel erzählt, aber wenn eine Pflegerin ins Zimmer kam, ist er aufgeblüht." Und dieses Erlebnis hat sie jetzt mit ihren "Stammgästen", wie sie die vier Damen nennt. "Manchmal erzählen sie und ich sage kaum etwas."

Auch heute wechselt das Gespräch schnell von Thema zu Thema: Maria Hahns Bruder ist im Krankenhaus, Johanna Oehl hat immer noch niemanden für die Romy-Runde gefunden. Und auch Stadtpolitik kommt in der Runde zur Sprache: Das leidige Kopfsteinpflaster in der Kirchgasse. "Ich mag gar nicht mehr rausgehen", sagt Maria Hahn, die auf den Rollstuhl angewiesen ist, "das rüttelt so." "Und auch mit dem Rollator ist der Weg wirklich beschwerlich", pflichtet Johanna Oehl ihr bei und schüttelt entrüstet den Kopf. Sie habe das Thema bei der Stadt schon zur Sprache gebracht, aber der Denkmalschutz sei gegen ein breiteres Asphaltband gewesen.

Da zucken die beiden Damen nur resigniert die Schultern. "Das nächste Mal bringe ich mein neues Fotobuch mit Urlaubsbildern mit", wechselt Angelika Neudecker schnell das Thema. "Oh, das freut mich sehr", sagt Johanna Oehl und ihre Augen leuchten.

Auch Angelika Neudecker hat den Kurs des Bildungswerkes besucht. "Da habe ich viel Rüstzeug mitbekommen", sagt sie. Im Lauf der Jahre sind auch einige der Menschen, die sie im Heim besucht hat gestorben. "Das war für mich sehr schlimm", erzählt sie "aber auch den Umgang mit diesem Todeserlebnis haben wir besprochen, das hat mir sehr geholfen." Am meisten gebe ihr die Dankbarkeit der Menschen, die sie besucht. "Für mich ist jede Lebensgeschichte eine Bereicherung."

nl/Mühldorfer Anzeiger

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