Todesfahrer mit neun Halben

+
Ein Kreuz, ein Schutzengel, frische Blumen: Im Wald zwischen Bach und Oberhofen starb im vergangenen Herbst eine junge Mühldorferin. Der betrunkene Unfallverursacher muss für eineinhalb Jahre ins Gefängnis.

Mühldorf - Ohne Bewährung muss ein 36-jähriger Autofahrer für eineinhalb Jahre ins Gefängnis, weil er mit mehr als 1,7 Promille eine junge Frau tot gefahren hat.

Es war ein ganz normaler Herbstnachmittag am 29. Oktober 2011, als die 19-jährige Petra T. (alle Namen von der Redaktion geändert) zusammen mit ihrem Freund in einem Daihatsu von Niederbergkirchen Richtung Mühldorf fuhr. Die Straße war trocken, die Sicht gut, die junge Mühldorferin fuhr mit kaum 60 Stundenkilometern auf eine Kuppe vor der Abzweigung Haidberg zu. Was dann geschah, weiß Petras Freund Heiner F. nicht mehr genau. „Ich kann mich nur noch erinnern, dass plötzlich die BMW-Schnauze auf unserer Seite auf uns zugerast kam“, erzählt der 24-Jährige Beifahrer.

Der BMW erfasst den Daihatsu frontal, schleudert ihn herum, demoliert das Fahrzeug total. Während Heiner F. mit schweren Verletzungen aus dem Auto klettern kann, stirbt Petra T. noch im Fahrzeugwrack.

Der Unfallverursacher, ein 36-Jähriger aus dem nördlichen Landkreis hatte bis in die Nachmittagsstunden des Tages neun halbe Bier getrunken, alle auf nüchternen Magen. Noch vor der Beweisaufnahme bat er um Verzeihung: „Das ist das schlimmste was passieren konnte“, sagte er, „es tut mir furchtbar leid und ich kämpfe jeden Tag damit, was durch mein Verschulden passiert ist.“ Hans K. kämpft mit den Tränen, die meiste Zeit sitzt er vornübergebeugt. Die Hände auf der Tischplatte verschränkt. Manchmal schaut er unsicher zu seinem Verteidiger.

Tödlicher Unfall bei Niederbergkirchen

Lesen Sie auch:

Die Polizeimeldung

Der versucht, die Lage seines Mandaten zu erläutern. Seit dem Unfall habe er keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken und befinde sich in psychiatrischer Behandlung. In seinem Heimatort sei er mehrfach bösartig beschimpft worden. Die vielen Zuhörer, darunter junge Leute, murren oder lachen leise während der Schilderung des Verteidigers. Der betont mehrfach, dass es an der moralischen Verantwortung seines Mandanten keinen Zweifel gebe. Strafrechtlich allerdings müsse der Fall genau geklärt werden. Denn eine Mitschuld der Getöteten sei nicht auszuschließen.

Für die Staatsanwältin ist nicht nur die moralische, sondern auch die juristische Schuldfrage klar: Hans K. ist Auto gefahren, obwohl er dazu nicht in der Lage war. Obwohl die Strecke zwischen Oberhofen und Bach bei der Einmündung Haidberg unübersichtlich sei, sei er mit seinem BMW mit Anhänger mit einer Geschwindigkeit zwischen 76 und 92 Stundenkilometer viel zu schnell gewesen. Das Tempo der 19-Jährigen ordnete ein Gutachter bei rund 60 Stundenkilometern ein.

Nach Angaben seines Verteidigers war Hans K. seit 7 Uhr morgens unterwegs, ohne etwas zu essen. Dabei fuhr er von Neumarkt nach Gars, Aschau und Kraiburg und trank sieben bis neun Halbe Bier. Gegen 16.40 Uhr machte er sich auf den Heimweg. Warum er nach links von seiner Fahrbahn abgekommen sei, daran habe sein Mandant keine Erinnerung. Das sei auf den schweren Schock zurückzuführen. Davon aber wollte die Polizistin, die als eine der ersten am Unfallort war, nichts bemerkt haben. Er habe nicht typisch geschockt gewirkt, sagte sie aus, dagegen sei der Alkoholgeruch deutlich wahrnehmbar gewesen, der Angeklagte habe verwaschen gesprochen und sei wacklig auf den Beinen gewesen.

Der Verteidiger des Angeklagten hatte kurz vor der Verhandlung den Antrag gestellt, die Mitschuld des Unfallopfers zu prüfen. Ein Warnschild weise an der Unfallstelle in ihrer Fahrtrichtung auf die gefährliche Stelle hin. Sie hätte noch langsamer fahren müssen und so Gelegenheit gehabt, dem BMW auszuweichen. Dem widersprachen die als Zeugin anwesende Polizistin und Petra Ts. Freund, die aussagten, das Schild sei erst nachträglich aufgestellt worden. Und selbst wenn, beendete Richter Florian Greifenstein die Diskussion: "Es warnt sicher nicht vor Fahrzeugen auf der verkehrten Fahrspur."

Auch der Gutachter kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Die 19-Jährige war chancenlos. Selbst wenn sie eine Vollbremsung eingeleitet hätte, wäre sie nicht rechtzeitig zum Stillstand gekommen. Zudem befand sich ihr Auto bei der Kollision bereits am äußersten rechten Fahrbahnrand, ein weiteres Ausweichen hätte zur Folge gehabt, dass sie im Bankett des Waldgebiets die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren hätte. Sie sei vorsichtig und auf Sicht gefahren.

Der Verteidiger nahm daraufhin seinen Beweisantrag zurück, der eine Mitschuld der Getöteten belegen sollte. Im Plädoyer allerdings attestierte er seinem Mandanten eine günstige Sozialprognose und sprach sich für eine Bewährungsstrafe aus. Er sei bisher völlig straffrei, bei einer jährlichen Fahrleistung von über 100000 Kilometern hätte er nur einen Punkt in Flensburg, er stehe zu seiner Schuld und habe selbst erhebliche gesundheitliche, finanzielle und berufliche Folgen zu tragen. Diese Aussagen riefen im Publikumsraum unter Freunden und Verwandten des Opfers Fassungslosigkeit hervor.

Die Staatsanwältin forderte ein Jahr und zehn Monate Gefängnis sowie eine dreijährige Führerscheinsperre - das Gesetz sieht bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe für fahrlässige Tötung vor. Eine Bewährung sei auf Grund des Verhaltens des Angeklagten nicht möglich. Er sei den ganzen Tag über gefahren und habe gleichzeitig mehrmals getrunken, das sei "Wahnsinn".

"Ich habe einen großen Fehler begangen", sagte der Angeklagte in seinem letzten Wort und bat das Gericht um Bewährung wegen seiner beruflichen Aussichten. Dem gaben Richter Florian Greifenstein und die beiden Schöffen nicht statt. Sie sprachen den 36-Jährigen schuldig und verurteilten ihn zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung, zudem verhängten sie eine einjährige Führerscheinsperre. Die Fahrt unter "einem gehörigen Rausch", mit 1,78 Promille weit jenseits der absoluten Fahruntüchtigkeit bei 1,1 Promille, bei der ein junger Mensch getötet und ein zweiter traumatisiert wurde, schließe eine Bewährung aus.

Die Eltern von Petra T. hörten die Entschuldigung des Angeklagten nicht. Sie nahmen an der Gerichtsverhandlung nicht teil, sagte Nebenklägervertreter Karl-Heinz Merkl. Und ein Freund der Familie betonte: "Sie hätten das nicht verkraftet."

hon/nl/Mühldorfer Anzeiger

Zurück zur Übersicht: Region Mühldorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser