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Mühldorfer Landrat im Exklusiv-Interview

Sollte man den Druck auf Ungeimpfte erhöhen? Jetzt spricht Heimerl Klartext

Max Heimerl
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Landrat Max Heimerl stellte sich den Fragen von innsalzach24.de.

Im Landkreis Mühldorf läuft das Corona-Management besser als in manch anderen Landkreisen in der Region. Aber woran liegt das? Und sollte man den Druck auf Ungeimpfte weiter erhöhen? Im großen innsalzach24.de-Interview stellt sich Mühldorfs Landrat Heimerl den Fragen der Redaktion.

Herr Heimerl, Mit einer Impfquote von fast 62 Prozent hat der Landkreis Mühldorf seinen Nachbarn aus Rosenheim, Traunstein und dem Berchtesgadener Land was voraus. Woher kommt die hohe Impfbereitschaft in Mühldorf? Oder dürfte es noch mehr sein?

Landrat Heimerl: Neben dem Impfzentrum und den mobilen Impfteams in den Pflegeeinrichtungen haben wir relativ früh auf dezentrale Angebote in Form von offenen Impftagen gesetzt. Insbesondere an Orten, wo das Infektionsgeschehen besonders hoch war. Im Ergebnis lagen wir bei der Impfquote lange über dem Schnitt in Bayern, trotz unterdurchschnittlicher Impfzahlen bei den Hausärzten. Das ist jetzt nicht mehr so.

Wie andere Landkreise auch verfügen wir über genügend Impfstoff, aber es fehlt an impfwilligen Personen.  Deshalb versuchen wir - wie die anderen Landkreise auch - durch wohnortnahe und niederschwellige Angebote die Impfquote zu erhöhen. Das Impfmobil der DLRG fährt deshalb stark frequentierte Plätze mit dem Ziel an, Unentschlossene doch noch für das Impfen zu motivieren. Zusätzlich bietet das Impfmobil Schnelltests an, der Schritt vom negativen Test zum „Pieks“ ist dann quasi nicht mehr weit.

Darüber hinaus haben wir bereits offene Impftage für 12- bis 17-Jährige zusammen mit Kinder- und Jugendärzten angeboten. Derzeit läuft eine Impfaktion an den weiterführenden Schulen im Landkreis. Im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche #HierwirdGeimpft gab es am Impfzentrum einen offenen Impftag in acht verschiedenen Sprachen. Diese Aktion wollen wir am kommenden Samstag nochmals in den weiteren Sprachen arabisch, türkisch Farsi, Paschto und Dari wiederholen. 

Die Inzidenz spielt für Corona-Einschränkungen keine Rolle mehr, aber auch hier ist der Landkreis Mühldorf im Vergleich zu den anderen Nachbarlandkreisen derzeit am niedrigsten. War es also die richtige Entscheidung, die Krankenhaus-Ampel als entscheidenden Indikator einzusetzen?

Wir können die derzeitige Situation mit den vergangenen Hochphasen der Pandemie nicht mehr vergleichen. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt absolut richtig, einschränkende Maßnahmen nicht an den Inzidenzwert zu knüpfen. Wir haben eine hohe Impfquote bei den Risikogruppen. Somit bedeutet ein hoher Inzidenzwert nicht mehr automatisch eine drohende Überlastung der Krankenhäuser bzw. Intensivstationen.

Die grüne Krankenhaus-Ampel sollte jedoch nicht suggerieren, dass die Pandemie vorbei ist. Die Delta-Variante ist hoch ansteckend. Unser Gesundheitsamt hat alle Hände voll zu tun, die Infektionsketten nachzuvollziehen und zu durchbrechen. 

Sollte man aus aktueller Sicht, Druck auf Ungeimpfte machen? Oder ist Druck per se verkehrt?

Wir wissen, dass es Impfgegner gibt, die wir nicht mit Argumenten oder einem Appell an die Solidarität erreichen können. Großes Potenzial liegt meines Erachtens bei den Unentschlossenen, die sich impfen lassen könnten. Hier setzen wir weder auf Belohnung noch auf Druck, sondern auf Aufklärung und niederschwellige Angebote.

Meine Bitte an dieser Stelle: Wer Fragen oder Zweifel hat, möge sich bitte an den Hausarzt seines Vertrauens wenden und sich nicht auf ungefilterte, nicht verifizierbare Informationen im Netz verlassen. 

Wofür mir das Verständnis fehlt, ist die Anspruchshaltung bei einigen Ungeimpften seit der Einführung der 3G-Regel. Die DLRG betreibt im Landkreis Mühldorf Schnellteststationen. Aber Hilfsorganisationen haben nun mal nicht die Kapazitäten für flächendeckende Testangebote 7 Tage die Woche. Am Testzentrum dürfen wir ab 11. Oktober nur noch die Tests durchführen, die kostenlos sind. Wir stimmen uns deshalb gerade mit Apotheken und Hausärzten ab, wer künftig die kostenpflichtigen Tests übernehmen kann. 

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jemand für die persönliche Entscheidung gegen die Impfung auch die Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen muss. Das betrifft das Risiko einer schwerwiegenden Erkrankung ebenso, wie eine Fahrzeit zur nächsten Teststation in Kauf zu nehmen oder den Test künftig aus eigener Tasche zu bezahlen.

Laut DIVI-Intensivregister des RKI sind die Intensivbetten stehen im Landkreis Mühldorf begrenzt Intensivbetten zur Verfügung: Hat man Möglichkeiten, die Zahl auszuweiten? Und sollte man diese nutzen? 

Das Ziel kann nicht sein, eine größtmögliche Zahl an Intensivbetten für schwerstkranke Covid-Patienten vorzuhalten. Zumal mit den ausreichend vorhandenen Impfstoffen die Möglichkeit besteht, das Risiko eines schweren Verlaufs zu minimieren. Grundsätzlich ist die Zahl an Intensivbetten in Deutschland auch weniger technisch als durch die Zahl der verfügbaren intensivmedizinischen Fachkräfte begrenzt.

Zum anderen sind Intensivstationen nicht für die Behandlung eines einzigen Krankheitsbildes wie Covid vorgesehen. In der Hochphase der Pandemie, bevor ausreichend Impfstoff zur Verfügung stand, haben sich die medizinischen Fachkräfte auf die Versorgung von Covid-Kranken konzentriert. Auch bei uns im InnKlinikum mussten geplante Operationen daher verschoben werden. Das Ziel kann also nur sein, dass möglichst wenige Menschen durch eine Covid-Infektion schwerst erkranken. Deshalb gilt: Impfen, Impfen, Impfen.

Im Wochenbericht vom 17. September war die Rede davon, dass 65 Prozent der Neuinfektionen im privaten Bereich stattfinden, aber auch Reiserückkehrer eine Rolle spielen. Warum gelingt es in Mühldorf dennoch, die Inzidenz weitestgehend im Griff zu haben?

Zunächst einmal bedanke ich mich bei den Kolleginnen und Kollegen unseres Gesundheitsamts, die bei der Ermittlung der Infektionsketten eine wirklich sehr gute Arbeit machen. Die Delta-Variante bereitet aber unserem Gesundheitsamt Sorgen. Sie verbreitet sich sehr viel schneller als alle Varianten bisher.

Als die Inzidenzzahlen bei uns im Landkreis wieder nach oben gingen, hatten sich zu einem großen Teil Reiserückkehrer im Ausland angesteckt. Das ist derzeit nicht mehr so. Das relativ warme Spätsommerwetter hat uns vermutlich auch in die Karten gespielt, da sich die Menschen doch noch vermehrt draußen aufhielten. 

Wäre ein neuerlicher Lockdown bei weiter steigenden Zahlen über den Winter denkbar?

Diese Entscheidung liegt bei der Staatsregierung, die weitere Maßnahmen von der Situation in den Krankenhäusern abhängig macht. Um dies jedoch auf alle Fälle zu verhindern, wäre es wichtig, dass wir vor der kalten Jahreszeit die Impfquote nochmals erhöhen. 

Einen neuerlichen Lockdown befürchten ja vor allem auch Eltern von Schulkindern, wie können Sie diese beruhigen? Auch in Hinblick auf eventuelle Quarantänemaßnahmen.

Die Quarantäne bei Schulkindern wurde auf enge Kontaktpersonen beschränkt  und auf 5 Tage verkürzt. Durch die regelmäßigen Tests sollen Fälle möglichst schnell und frühzeitig aufgedeckt werden. Eltern könnten jedoch einen ganz wichtigen Beitrag dazu leisten, einen erneuten Lockdown und lange Quarantänemaßnahmen für ihre Kinder zu vermeiden: Indem sie sich und das erwachsene Umfeld der Kinder impfen lassen. Aktuell erleben wir allerdings noch, dass sich ungeimpfte Erwachsene und Kinder und Jugendliche gegenseitig anstecken und dadurch jeweils ein größerer Familienausbruch entsteht.

Sind die Schulen wirklich die Infektionstreiber oder sind die Pooltests, die jetzt durchgeführt werden sollen, die Lösung für offene Schulen?

Die Fälle in Kindergärten und Schulen steigen, wie auch in anderen Bundesländern nach Ferienende geschehen, auch bei uns deutlich an. Durch die intensive Testung werden gerade im Schulbereich viele Fälle gefunden und über die betroffenen Geschwisterkinder, die noch im Kindergartenalter sind, in diesem Bereich weitere Fälle aufgedeckt. Auch gegenseitige Ansteckungen im KITA- und Schulbereich treten mittlerweile auf. Mehr als einen Infektionsfall in einer Gruppe oder Klasse verzeichnen wir derzeit an drei Schulen und vier KITAs.

Die überwiegende Mehrheit der Fälle sind bislang jedoch Einzelfälle.

Ich bin überzeugt: Wohnortnahe und niederschwellige Angebote beim Testen und Impfen - auch an unseren Schulen - sind weiterhin der Standard,  um einerseits die Impfmotivation zu erhöhen und gleichzeitig Infektionsketten frühzeitig aufzudecken und zu unterbrechen. Gleichzeitig appelliere ich vor allem an alle noch nicht geimpften Erwachsenen im Umfeld von Kindern. Es ist sozusagen ein kleiner Schritt für den Einzelnen, aber ein großer Schritt für den Schutz der Kinder und der Schulfamilien im Landkreis.   

Herr Heimerl, vielen Dank für das Gespräch!

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cz

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