Prozess am Amtsgericht Mühldorf

Softair-Pistole an der Schläfe abgedrückt?

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Was als Unterredung geplant war, endete dramatisch. Der Fall beschäftigte nun das Jugendschöffengericht in Mühldorf.
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Mühldorf - Vier Männer wollten einen Jugendlichen im Wald zur Rede stellen, doch die Situation eskalierte dramatisch. Einem der Männer blüht nun eine Gefängnisstrafe.

Am Mittwoch beschäftigte sich das Jugendschöffengericht am Mühldorfer Amtsgericht mit einem verworrenen Fall von gefährlicher Körperverletzung. Im Mittelpunkt standen ein Messer, eine Softair-Pistole und ein sichtlich konfuses junges Opfer.

Statt zur Party geht's in den Wald

Vier junge Männer aus den Landkreisen Mühldorf und Altötting sollen im Mai dieses Jahres mit einem Jugendlichen aus dem Landkreis Altötting in einen Wald gefahren sein und ihn dort geschlagen, bedroht und bestohlen haben. Wie durch die Aussagen der Angeklagten vor Gericht deutlich wurde, hatten sie sich mit dem damals 16-Jährigen verabredet, um gemeinsam auf eine Party zu fahren. Die jungen Männer hatten jedoch nie vor, die Veranstaltung zusammen mit dem Jugendlichen zu besuchen. Stattdessen hatten sie auf einer Abkürzung durch den Wald mit ihrem Auto Halt für eine Pinkelpause gemacht und den heute 17-Jährigen dabei in die Mangel genommen.

Einer der Angeklagten, ein heute 21-Jähriger, soll den Jugendlichen geschlagen, getreten und mit Messer und Softair-Pistole bedroht haben. Laut Anklage soll er die Pistole sogar an die Schläfe des Opfers gehalten und abgedrückt haben. Schmerzen und ein deutlich sichtbarer roter Fleck waren die Folgen. Zudem hatte der 21-Jährige - wie durch alle Aussagen bestätigt - Handy und Bargeld des Opfers (50 Euro) an sich genommen. Anschließend waren die vier Angeklagten auf die Party gefahren. Den Jugendlichen hatten sie bei dem Waldweg zurückgelassen.

Wollten die Angeklagten eigentlich nur reden?

Ein 30-jähriger und zwei 20-jährige Angeklagte gaben nun vor Gericht ihrem 21-Jährigen Mitangeklagten die Hauptschuld. Oft wussten die drei vor Gericht wenig Konkretes zu berichten. Mal wollten sie zu weit von dem 21-Jährigen entfernt gestanden haben, mal machten die Angeklagten Erinnerungslücken geltend. Einig waren sie sich aber in einem Punkt: Mit den Jugendlichen waren sie nur deshalb in den Wald gefahren, weil sie ihn zur Rede stellen wollten.

Der 17-Jährige hatte vorübergehend bei einem der 20-Jährigen gewohnt und dabei nicht nur dessen PC entwendet, sondern auch noch die Wohnung verwüstet. Der 20-Jährige Ex-Mitbewohner bekräftigte vor Gericht aber, dass man mit dem 17-Jährige im Wald nur habe reden wollen. "Dass es so eskaliert, habe ich nicht geplant." Überhaupt stellten alle vier Angeklagten die meisten ihrer Handlungen als ungeplant dar. So will der zweite 20-jährige Angeklagte erst während der Fahrt zur Party das Plätzchen im Wald als Ort für die Unterredung auserkoren haben.

Sollte das Messer alles nur "filmreif" machen?

Die beiden Waffen hatte der 21-Jährige Haupttäter mitgenommen, wie er selbst bestätigte - allerdings hätten seine Mitangeklagten davon gewusst, weil er die Waffen sichtbar am Körper getragen habe. Mit Messer und Pistole habe man die Situation für den 17-jährigen "filmreif" machen wollen, um Eindruck zu schinden, sagte der 21-Jährige vor Gericht. Trotz allem habe der 17-Jährige auch im Wald noch seine Späße gemacht und sogar die Mutter des 21-Jährigen vulgär beleidigt. "Da werde ich relativ schnell grantig", gab der Angeklagte zu Protokoll. Nach einem Schlag in den Magen des 17-Jährigen habe er diesen beruhigen wollen, sei aber angegriffen worden. Mit Tritten gegen den Körper will sich der 21-Jährige deshalb lediglich verteidigt haben. "Ich sagte ihm, er soll sich jetzt endlich mal beruhigen."

In der weiteren Eskalation griff der 21-Jährige offenbar zu Messer und Pistole. Allerdings habe er nur die Faust, die das Messer umklammert hatte, an den Hals des 17-Jährigen gehalten, nicht aber das Messer selbst. Den Schuss mit der Pistole räumte der Angeklagte vor Gericht ein, sagte aber, er habe nicht absichtlich geschossen und dem Jugendlichen sogar angeboten - quasi als Ausgleich - selbst zu schießen.

Dass er dem 17-Jährigen - zu Beginn der Konfrontation - Geld und Handy abgenommen hatte, verkaufte der 21-Jährige vor Gericht als eine Art Deal. Die 50 Euro sollen ein Ausgleich für einen Betrag gewesen sein, den der 17-Jährige dem Angeklagten geschuldet haben soll, und das Handy soll eine Art Pfand für den entwendeten Computer gewesen sein. Gegen Zahlung von 600 Euro hätte der 17-Jährige - nach Schilderung des 21-Jährigen - das Handy wieder auslösen können.

Opfer spielt sich vor dem Richter auf

Im Zeugenstand bestritt das jugendliche Opfer aber diesen Deal. Eindringlich schilderte der 17-Jährige die bedrohliche Situation und belastete sogar zusätzlich denjenigen 20-jährigen Angeklagten, der ihm bloß eine Ohrfeige verpasst haben will. So soll dieser ihm mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Insgesamt hatte der Jugendliche bei dem Vorfall aber kaum Verletzungen davongetragen und das Ganze erstaunlich gut weggesteckt. Nach seiner Aussage vor Gericht entschuldigten sich alle vier Angeklagten bei dem Opfer. "Passt schon. Das ist für mich schon lange erledigt", sagte der 16-Jährige daraufhin.

Unter anderem wegen der teilweise recht unterschiedlichen Angaben von Opfer und Angeklagten befasste sich das Gericht einen ganzen Tag lang mit dem Fall. Richter Dr. Georg Stallinger musste mehrfach mahnende Worte aussprechen - auch gegenüber dem Opfer, das in seinem Verhalten einen etwas konfusen Eindruck machte. Nachdem die Ausführungen der Angeklagten länger gedauert hatten als erwartet, war der 17-Jährige einfach wieder gegangen, obwohl er noch gar nicht als Zeuge ausgesagt hatte. Telefonisch ans Amtsgericht zurückbeordert sagte der Jugendliche: "Ich habe um elf einen Termin gehabt. Da will ich keine zwei Stunden warten." Auf eine Ausführung des Richters mit dem Tenor, er müsse sehr wohl warten, reagierte der Jugendliche pampig: "Können wir jetzt bitte anfangen? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit." Nach Androhung eines Ordnungsgeldes herrschte jedoch relativ schnell Ruhe.

"Warum haben Sie nicht gefragt: Spinnt's ihr?"

Auch die Mitangeklagten des 21-Jährigen bekamen von Stallinger einiges zu hören. Sie wurden insbesondere gefragt, warum sie nicht früher eingegriffen hätten, um die Tat des 21-Jährigen zu unterbinden. Der 30-Jährige, der das Auto gefahren hatte, hatte den 17-Jährigen nach dem Vorfall sogar noch gefragt, ob es ihm gut gehe. "Warum haben jetzt Sie eigentlich nicht gesagt: Freunde, spinnt's ihr?", fragte Stallinger den ältesten der vier Angeklagten. Dieser antwortete lediglich mit der Frage, wann er das hätte sagen sollen.

Am Ende der Verhandlung stand für alle Verfahrensbeteiligten außer Frage, dass alle vier Angeklagten zumindest ein Stück weit an den Vorfällen beteiligt waren - und wenn sie auch nur durch ihre Anwesenheit eine für das Opfer subjektiv bedrohliche Vier-gegen-Einen-Situation erzeugt hatten. Den 30-Jährigen verurteilte das Gericht wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr, ausgesetzt zur Bewährung. Die beiden 20-Jährigen wurden nach dem Jugendstrafrecht zu Bewährungsstrafen von einem beziehungsweise eineinhalb Jahren verurteilt. Sie müssen - sollte das Urteil Rechtskraft erlangen - zusätzlich für vier Wochen in Warnschussarrest.

Drei Jahre Haft für Haupttäter

Mit Abstand am härtesten traf es den 21-jährigen Haupttäter. Er wurde wegen schwerer räuberischer Erpressung in Tatmehrheit mit gefährlicher Körperverletzung und versuchter Nötigung zu einer Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt. Das Gericht folgte damit der Einschätzung der Staatsanwältin Viktoria Gnadl. Diese sah die schwere räuberische Erpressung dadurch gegeben, dass der 21-Jährige ein Messer sichtbar am Körper getragen hatte, als er Geld und Handy an sich genommen hatte. Die Verteidigung plädierte indes für eine Verurteilung wegen "Diebstahls mit einer Waffe", weil das Messer nicht benutzt worden war, um die Herausgabe von Geld und Handy zu erzwingen.

In der Erläuterung des Urteils machte Stallinger keinen Hehl daraus, wie sehr ihn einzelne Aspekte der Tat erschütterten. Alleine dass der 21-Jährige die Pistole abgedrückt hatte, müsse man sich "auf der Zunge zergehen lassen". Auch das Verhalten der Angeklagten nach der Tat geißelte der Richter. "Dann gehen alle, um das Geld zu versaufen und verspielen, auch noch feiern und machen einen drauf." Tatsächlich hatte der Vorfall die Angeklagten selbst seinerzeit offenbar wenig aufgewühlt. Der 21-Jährige sagte vor Gericht: "Ich habe das Geld, das ich von ihm (dem Opfer, Anm. d. Red.) hatte, in Bier und Dartspiele umgesetzt." Nach der Urteilsverkündung war der 21-Jährige umso tiefer erschüttert. Gekrümmt saß der junge Mann auf seinem Stuhl und verfolgte, das Gesicht in die Hände vergraben, die Erläuterung des Richters.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Anklage und Verteidigung haben die Rechtsmittel der Berufung und der Revision.

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