Ein Feuer aus Verzweiflung

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Mühldorf - Sie war verzweifelt. Und sie brachte es durch Brandstiftung zum Ausdruck. Jetzt musste sich eine Frau dafür vor dem Mühldorfer Landgericht verantworten:

Sieben Monate Haft, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung: So lautete am Amtsgericht Mühldorf das Urteil gegen eine 39-jährige Frau, die im August auf einem unbewohnten Hof mit Grillanzündern mehrere Feuer entfacht hatte. Damit wollte sie ihren damaligen Lebensgefährten auf ihre verweifelte Situation aufmerksam machen.

Ein Zeichen habe sie setzen wollen, versuchte die Angeklagte ihre Tat vor dem Schöffengericht unter Vorsitz des Richters Florian Greifenstein zu erklären. Um das nur annähernd nachvollziehen zu können, muss man ihre Vorgeschichte kennen: Vor einigen Jahren war die Frau mit ihrem Lebensgefährten in den Landkreis Mühldorf gezogen, wo sie sich jedoch nie richtig wohl gefühlt hat. Die einsame Lage des Wohnhauses habe ihr ebenso zu schaffen gemacht wie die viel befahrene Straße vor der Haustür. "Mit dem Brand wollte ich auf meine verzweifelte Situation aufmerksam machen. Er sollte sehen, wie schlecht es mir und den Kindern wirklich geht", sagte sie.

Die Tat war wohl der traurige Höhepunkt einer schwer belasteten Beziehung. Mehrfach sei sie von ihrem Lebensgefährten in der Vergangenheit geschlagen worden, schilderte sie. Zuletzt sei es vor den Augen der gemeinsamen sechsjährigen Tochter zu Handgreiflichkeiten gekommen. Im Lauf der Zeit bekam die 39-Jährige psychische Probleme. Sie entwickelte unter anderem einen Putzzwang, der so weit ging, dass sich ihr Lebensgefährte nach der Arbeit in einer "Schmutzschleuse" ausziehen musste.

Seit Dezember befindet sich die Frau in psychotherapeutischer Behandlung. Neben ihrem Zwang gehe es dort auch darum, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, erläuterte sie vor Gericht. "Du bist nichts, du kannst nichts, du schaffst es ohne mich sowieso nicht" habe ihr der Lebensgefährte stets eingeredet. "Deshalb habe ich ihn über all die Jahre nicht verlassen können."

Auch am besagten Tag im August war es morgens wieder einmal zum Streit am Telefon gekommen. Daraufhin schnappte sich die Angeklagte vier Grillanzünder und machte sich auf den Weg zum gegenüberliegenden Bauernhof. Dieser befindet sich im Besitz der Familie des Lebensgefährten und steht leer - bis auf den Stall, in dem mehrere Kälber untergebracht sind. An drei Stellen versuchte die 39-Jährige Holzstöße in Brand zu setzen. "Ich habe die Grillanzünder angesteckt, mich ins Auto gesetzt und bin weggefahren."

Dass nicht das leere Wohngebäude und der Stall des Hofes abgebrannt sind, war wohl nur dem Zufall zu verdanken: ein Lastwagenfahrer entdeckte die ersten Rauchschwaden und alarmierte die Feuerwehr.

Bereits bei der ersten Vernehmung durch die Polizei gestand die Frau: "Ich konnte und wollte mit dieser Lüge nicht leben." So stand in der Gerichtsverhandlung nur noch die Frage im Raum, ob die Frau die Brandstiftung von langer Hand geplant hatte oder ob es ein spontaner Entschluss gewesen war. Gegenüber der Polizei hatte sie angegeben, die Grillanzünder wenige Tage zuvor für die Tat gekauft zu haben. Vor Gericht bestritt sie jedoch, dass sie beim Kauf bereits die Brandstiftung im Sinn gehabt hatte.

Der Staatsanwalt glaubte ihr vor allem in diesem Punkt nicht - und plädierte auf sieben Monate Haft zur Bewährung sowie auf eine Geldstrafe. Die Verteidigung bezweifelte ein planerisches Vorgehen der Angeklagten und hielt eine Geldstrafe für angemessen.

Das Schöffengericht folgte größtenteils der Ansicht der Staatsanwaltschaft. Auch wenn der 39-Jährigen kein direkter Vorsatz nachgewiesen werden könne, bestehe immerhin ein bedingter Vorsatz. Denn: Dass das Feuer auf die Gebäude übergreift, habe sie billigend in Kauf genommen. Daher lautete das Urteil: sieben Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung.

Von einer Geldstrafe sah das Gericht aufgrund der dürftigen finanziellen Lage der Hausfrau ab. Dennoch muss sie die Kosten des Verfahrens tragen.

alb/ha/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © dpa

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