Extrem tanzbar im Haberkasten

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Fanfare Ciocãrlia spielten im Haberkasten

Mühldorf - „Fanfare Ciocãrlia“ sorgen im Mühldorfer Haberkasten für einen holz- und blechbläserischen Ausnahmezustand.

Natürlich war das ein Riesenspaß am Donnerstagabend im Mühldorfer Haberkasten mit Fanfare Ciocãrlia. Ist es ja immer, wenn die rumänische Vollblut-Blaskapelle irgendwo auf diesem Planeten auf einer Bühne steht. Seit 16 Jahren blasen die überwiegend älteren Herren ihren gepfefferten Balkan-Funk in die Welt hinaus.

Die über 1400 Live-Konzerte haben vor allem auf den Instrumenten Spuren hinterlassen: mit jeder Menge Beulen und Schrammen. Doch die eigentliche Geschichte dieses Abends spielte sich eben nicht oben im Scheinwerferlicht des Haberkastens ab, auch nicht unten bei den Tanzwütigen auf dem Parkett, sondern etwas abseits. Hinten links um genau zu sein. Dort stand ein älteres Ehepaar, für das dieser Abend noch lange eine außergewöhnliche Veranstaltung bleiben wird.

Nicht wegen der tollen Stimmung im heißen Saal. Auch nicht wegen der ausnahmslos fantastischen Musiker - allen voran Oprica Ivancea am Saxofon. Und schon gar nicht wegen der rumänischen Ansagen und Texte, die sowieso keiner verstand.

Nein, die beiden Mühldorfer hatten vor dem Konzert den Kontakt zur Band gesucht und von ihrem Sohn erzählt. Davon, dass er in Frankfurt Klarinette und Saxofon studiert hat. Davon, dass er ein glühender Verehrer von Fanfare Ciocrlia war. Und davon, dass er vor ein paar Jahren viel zu früh verstorben ist. Schließlich kramten sie aus der Jackentasche sein altes Handy hervor, suchten nach den passenden Tasten und fanden die richtige MP3-Datei: zu hören war - etwas blechern - eine flotte Klarinettenmelodie. "Da hat unser Sohn versucht, eines eurer Stücke nachzuspielen."

Saxofonist Ivancea war beeindruckt: "Wir würden die Nummer gerne für ihren Sohn spielen", ließ er den Tourmanager übersetzen. "Aber wir haben sie leider nicht im Repertoire." Trotzdem rief er seine Musiker zu sich - und spielte spontan eine andere Melodie an.

Eine Stunde später, nach der ersten Aufwärmphase im Konzert, kündigte Oprica Ivancea dann an: "A special song for a friend from Muhldorf." Eine langsame, getragene Nummer bekamen die Besucher im Haberkasten zu hören. Ein Stück, das etwas abseits stand vom übrigen Programm des Abends.

Denn ansonsten lässt die Roma-Kapelle keine Gelegenheit aus, um aufs Tempo zu drücken. Mit mehr als 200 Beats pro Minute haben sie sich längst den Ruf erspielt, zu den schnellsten Blaskapellen der Welt zu gehören. Den Hochgeschwindigkeitstakt geben dabei neben den Percussions und der großen Trommel vor allem vier Männer im Hintergrund vor: zwei Tuben, ein Tenorhorn, ein Baritonhorn.

Vorne sorgen schließlich Trompeten, Saxofone und Klarinetten für die Musik, die den musikalischen Wurzeln der Roma entspringt. Tief im rumänischen Hinterland, verpackt in unfassbar rasanten Läufen. Ein holz- und blechbläserischer Ausnahmezustand ist das - mit so viel Energie, dass einem schwindlig wird. Wild und furios. Und extrem tanzbar.

Zwischendrin machen sich immer wieder bekannte Pop- und Bigband-Melodien bemerkbar. Doch ehe sich die eigenwilligen Interpretationen gedanklich packen lassen, sind sie schon wieder Geschichte. Nur einmal wird es konkret: "Born to be wild" singen die Herren. Ein Klassiker der Band, der an keinem Fanfare-Abend fehlen darf. Bekannt aus dem Cohen-Film "Borat".

Zu diesem Zeitpunkt hatte das ältere Ehepaar den Platz im Abseits aufgegeben. Nicht um nach Hause zu gehen und traurigen Gedanken nachzuhängen. Sondern um zu klatschen und ein wenig zu tanzen. Vorne, ganz nah bei den Musikern.

Mühldorfer Anzeiger

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