Erst die Analyse, dann die Idee

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"Wenn man von außen kommt, kann man vieles nüchterner analysieren, läuft aber auch ständig Gefahr etwas zu übersehen": Der neue Vorsitzende des TSV 1860 Mühldorf, Dr. Alfred Gossner.

Mühldorf (MA) - Über zwei Monate ist der neue Vorsitzende des TSV 1860 Mühldorf nun im Amt. In dieser Zeit hat sich Dr. Alfred Gossner einen Überblick verschafft und Ideen entwickelt, wie er den größten Sportverein der Stadt ins Jubiläumsjahr führen will.

 Dr. Alfred Gossner ist niemand, dem die Ideen aus dem Kopf sprudeln, der bei der ersten Gelegenheit phantastische Visionen spinnt oder staatstragende Reden hält. Mit ein paar Sätzen stellte er sich den Mitgliedern bei den Neuwahlen im Herbst vor, ruhig und gelassen, wie es eben seine Art ist. Mehr brauchte es nicht, um die Anwesenden zu überzeugen.

Die 100 Prozent Zustimmung waren zwar ein netter Vorschuss, aber auch keine wirkliche Überraschung: einen Gegenkandidaten gab es nicht und nach der monatelangen Vorstandssuche stand der Verein mit dem Rücken zur Wand. Das zeigt, wie schwer das Amt ist, das der 59-Jährige übernommen hat. Wer will schon einen Verein führen, dem eine arbeitsreiche Jubiläumssaison ins Haus steht und der finanziell gerade so über die Runden kommt? Im Ehrenamt.

Gossner will. Einfach so. Und ohne Hintergedanken, wie er immer wieder betont: "Ich habe keine politischen Ambitionen." Der soziale Gedanke treibt ihn an, Dr. Alfred Gossner will Fuß fassen in der Region, Menschen kennenlernen, sich engagieren.

Vor knapp drei Jahren zog er mit seiner Frau Michaela ins Hermansthal bei Erharting. Ein schönes Anwesen haben sich die beiden ausgesucht, mit jeder Menge Platz, im Haus und drumherum. Hier wollen die Gossners ihren dritten Lebensabschnitt verbringen, wie sie es nennen, und vor allem ihrer Leidenschaft nachgehen: dem Reiten.

Für den Reitverein Mühldorf-Altötting nimmt Gossner an Vielseitigkeits- und Springturnieren teil. "Ich war schon als Kind rossnarrisch", schmunzelt er. Aber auch die Leichtathletik hat es ihm angetan, die Mittelstrecke war in jüngeren Jahren seine Paradedisziplin. Während des Studiums in Oxford betrieb er außerdem modernen Fünfkampf.

Entscheidend für die Zukunft des TSV werden aber weniger die sportlichen Fähigkeiten als vielmehr die Führungsqualitäten des neuen Vorsitzenden sein. Dass der gebürtige Allgäuer in dieser Hinsicht jede Menge mitbringt, zeigt ein Blick in seine Vita.

Gossner studierte in München Volkswirtschaftslehre, Politologie und Philosophie, schrieb in Oxford seine Doktorarbeit und machte - nach drei Jahren als Akademischer Rat an der LMU und einem kurzen Zwischenspiel bei McKinsey - bei der Allianz Karriere: vom Abteilungsleiter zum Vorstandsmitglied, zwischendrin als leitender Manager in Johannesburg. Fünf Jahre lang. "Es war eine sehr spannende Zeit", erinnert sich Gossner. Anfang der 90er Jahre erlebte er dort hautnah das Ende der Apartheid mit, traf sich mit Nelson Mandela vor dessen Präsidentschaft mehrfach zum Abendessen, holte die ersten schwarzen Mitarbeiter in den Aufsichtsrat der Allianz Südafrika. 2001 verließ er schließlich das Versicherungsunternehmen und ist seitdem als Vorstandsmitglied bei der Fraunhofer Gesellschaft in München tätig.

Viel mehr als den beeindruckenden Lebenslauf will der Vater von zwei Söhnen aber nicht preisgeben: "Reden wir nicht so viel über mich, reden wir lieber über den TSV", gibt er die Richtung vor. In seinen ersten 60 Tagen als Vorsitzender hat sich Dr. Alfred Gossner mit den Abteilungsleitern getroffen, zahlreiche Gespräche geführt und - vor allem von Seiten der Stadt - viel Unterstützung erfahren. Die Entscheidung im Finanzausschuss, dem TSV den Zuschuss nicht zu kürzen, ist auch das Ergebnis seiner detaillierten Darstellung der finanziellen Situation des Vereins.

Gossner hat sich einen Überblick verschafft, die Lage analysiert und ein erstes Konzept erstellt. Dann ist der neue Vorsitzende plötzlich in seinem Element, lässt der Top-Manager Zahlen sprechen: Der Verein habe jede Menge Potenzial, sagt er. 40 Prozent der Mitglieder seien unter 18 Jahre alt, der Frauenanteil erfreulich hoch. Gossner spricht vom "guten Mix" des TSV, von der erfolgreichen, dynamischen Volleyballabteilung bis zum Breitensport ohne Ambitionen. Die Sportanlagen seien zwar in gutem Zustand, drücken mit ihren hohen Fixkosten aber auch auf die Schultern des TSV: Zwischen 70000 und 80000 Euro kostet alleine die Halle im Jahr. "Die Frage ist also: Wie bekommt man die Halle so ausgelastet, dass sie sich finanziell rechnet?"

Antworten will Gossner nicht nur vereinsintern suchen: "Senioren, Hausfrauen, Kinder im Vorschulalter, junge Familien: Um diese Zielgruppen müssen wir uns kümmern." Fitness ist das nächste Stichwort, das er aufgreift: "Vielleicht gelingt es uns, den Kraftraum besser auszulasten, indem wir eine Bevölkerungsschicht ansprechen, die sich die teuren, kommerziellen Angebote nicht leisten kann oder will." Und dann gebe es ja noch andere Möglichkeiten die Einnahmen zu erhöhen: Mit einer Fotovoltaikanlage auf dem Hallendach zum Beispiel.

Das Jubiläum sei eine gute Chance, den Verein wieder auf die Landkarte zu setzen: Ein Tag des Sports im Frühjahr, mehrere überregionale Meisterschaften und ein Schwarz-Weiß-Ball sollen dafür sorgen, dass "wir nicht nur nostalgisch in die Vergangenheit blicken, sondern uns als Teil der Zukunft dieser Stadt präsentieren." Am Ende wurde es also doch noch ein wenig staatstragend.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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