Stalking in Mühldorf?

"Sie traut sich nicht mehr aus dem Haus"

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Mühldorf - Am Amtsgericht wird derzeit ein Fall mutmaßlicher Nachstellung verhandelt. Der erste Verhandlungstag offenbarte einen seit Jahren andauernden Konflikt.

Am Mühldorfer Amtsgericht muss sich ein Rentner aus Mühldorf als mutmaßlicher Stalker verantworten. Konkret geht es um drei Vorfälle, bei denen der Mann einer alten Dame nachgestellt haben soll. Einmal soll er ihre Wohnung von der Straße aus beobachtet haben, ein anderes Mal soll der Rentner von einem Parkplatz aus mit dem Fernlicht seines Autos in die Wohnung geleuchtet haben. Der dritte mutmaßliche Vorfall ist womöglich der strittigste: Auf einem Geh- und Radweg soll der Angeklagte mit seinem Auto an der Frau vorbeigefahren sein. Am ersten Prozesstag werden jedoch Zweifel laut, ob es sich bei dem Weg tatsächlich um einen reinen Geh- und Radweg gehandelt hat.

Konflikt seit 2009

Richter Florian Greifenstein will es ganz genau wissen, lädt für den ersten Verhandlungstag nur eine Zeugin, eine Polizistin, die mit dem Fall vertraut ist. Greifenstein verlagert die Verhandlung nach draußen, um gemeinsam mit der Polizistin, der Staatsanwältin, dem Nebenklagevertreter Klaus Salzberger, Verteidiger Manfred Kösterke und dem Angeklagten in Augenschein zu nehmen, wo sich die Nachstellungen abgespielt haben sollen. Auch danach bleiben aber Fragen offen, etwa, welchen Radweg das mutmaßliche Opfer genau gemeint hat.

Der Angeklagte selbst macht keine Angaben zur Sache. Stattdessen spricht vor allem Richter Greifenstein am ersten Verhandlungstag. Er beleuchtet die ganze Vorgeschichte des aktuellen Prozesses. Offensichtlich gibt es seit sechs Jahren einen Konflikt zwischen dem Angeklagten und der Familie des mutmaßlichen Opfers. 2009 lernte der Rentner die Frau kennen, seitdem schwankte das Verhältnis offenbar zwischen Funkstille, erneuter Kontaktaufnahme und Beleidigungen. Mehrfach hat die Frau den Rentner in den letzten Jahren angezeigt, einmal wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Angeklagte reagierte seinerseits mit Anzeigen wegen falscher Verdächtigung gegen die Dame und deren Sohn. Die Ermittlungen wurden eingestellt.

Angeklagter will wegziehen

Verteidiger Manfred Kösterke betont, dass der Konflikt für seinen Mandanten und dessen Ehefrau eine Belastung sei. Es habe Einfluss auf deren Leben, sie machten ihre Besorgungen in anderen Städten, um dem mutmaßlichen Opfer nicht zu begegnen, mieden sogar Beerdigungen, falls sie dort auf die Frau treffen könnten. Die Eheleute wollen sogar wegziehen. "Das wird auch definitiv passieren", so Kösterke. Auf Nachfrage des Richters will der Angeklagte aber nicht sagen, wohin sie ziehen wollen. Der Sohn des mutmaßlichen Opfers habe gesagt, dass er dort hinfahren werde, um ihn fertig zu machen. 

"Für sie ist eine Welt zusammengebrochen"

Nebenklagevertreter Klaus Salzberger schildert die Situation aus Sicht seiner Mandantin, dem mutmaßlichen Stalking-Opfer. "Der Frau geht es sehr schlecht. Sie traut sich nicht mehr aus dem Haus", so Salzberger. "Für diese alte Dame, für die ist eine Welt zusammengebrochen. Die schläft nicht mehr, die geht nicht mehr ans Telefon." Nur ihre drei Kinder holten sie ab und zu raus, sonst käme sie gar nicht mehr nach draußen. Auch die als Zeugin geladene Polizistin äußert sich nachdenklich: "Es passieren ganz eigenartige Sachen um die Frau herum seit 2009."

Für Richter Greifenstein, der konstatiert, dass die Fronten offensichtlich verhärtet seien, zeichnen die Schilderungen ein düsteres Bild: "Es ist ungut, menschlich, alles. So oder so - egal, was rauskommt."

Nachstellung - ein "umstrittener Straftatbestand"

Was in der Verhandlung rauskommt, ist indes völlig offen. Sollte der Richter die drei dem Angeklagten vorgeworfenen Handlungen als wahr erachten, wäre noch zu klären, ob es sich dabei tatsächlich um Nachstellung gehandelt hat. Nachstellung liegt laut Gesetz (unter anderem) vor, wenn ein Mensch beharrlich die räumliche Nähe eines anderen sucht und dadurch dessen Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt. Doch was ist "beharrlich"? Wann liegt eine "räumliche Nähe" vor? Wann ist die Lebensgestaltung eines Menschen "schwerwiegend" beeinträchtigt? Nachstellung sei ein "umstrittener Straftatbestand", sagt am Montag Richter Greifenstein. "Es wimmelt an unbestimmten Rechtsbegriffen."

Der Prozess wird am kommenden Montag fortgesetzt. Dann sollen unter anderem das mutmaßliche Opfer und mehrere Nachbarn als Zeugen gehört werden.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa (Symbolbild)

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