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Bezirk Oberbayern ist Vorreiter

Neue Hotline: Professionelle Hilfe in akuten psychischen Krisen ab sofort auch in Mühldorf

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  • Peter Becker
    VonPeter Becker
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14,3 Millionen Euro investiert der Bezirk, damit auch nachts sowie an Wochenenden und Feiertagen binnen einer Stunde Fachpersonal zu Menschen in akuten psychischen Krisen kommen kann. Ab sofort ist unter der Hotline 0800/6553000 zu jeder Tages- und Nachtzeit professionelle Hilfe abrufbar.

Altötting/Mühldorf – Im Altöttinger Landratsamt wurde die Hotline für psychische Krisen kürzlich vorgestellt. „So was ist eine schrittweise Integration, doch wir haben den Prozess jetzt als erster Bezirk in Bayern abgeschlossen“, erklärte Bezirkstagspräsident Josef Mederer. Grund für die Neuerung ist ein 2018 für Bayern erlassenes Gesetz, welches die zuletzt 1982 regulierte Unterbringung psychisch Kranker ablöste und die Zahl der Einweisungen senken soll.

Bisher ausschließlich die Polizei zuständig

14,3 Millionen Euro investiert der Bezirk Oberbayern in diese Krisenintervention. Weitere 3,2 Millionen Euro kostet den Freistaat Bayern die Leitstelle in München. Der Regierungsbezirk könnte damit Vorbild für ganz Deutschland werden.

Bisher war noch ausschließlich die Polizei für die Umsetzung des Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes von 2018 zuständig, sobald kein Fachpersonal mehr verfügbar war. „Das Auftreten von Krankheiten hält sich aber nicht an Öffnungszeiten“, verdeutlichte Mederer das Problem.

Meist handele es sich nicht um Gewalttäter, sondern um „psychische Ausnahmesituationen“, berichtete Polizeihauptkommissar Dirk Schreyer vom Polizeipräsidium Rosenheim. Gerade deshalb sei die Einweisung in eine Bezirksklinik problematisch, „der ja immer noch ein Stigma anhaftet“, so Schreyer weiter. Im Schnitt komme es in seinem Zuständigkeitsbereich zu 3000 bis 4000 derartigen Einsätzen im Jahr, die oft nicht leicht zu lösen seien: Zwar bekommen die Beamten eine Zusatzausbildung, aber Fachpersonal sind sie damit noch nicht. Der frühere Polizeidienststellenleiter von Haag zeigte sich erleichtert, dass nun der Schulterschluss gelungen ist: „Es muss immer noch eine Stunde überbrückt werden, aber das ist besser als nichts!“

Betroffene müssen meist nicht in Klinik

Diese Befürchtung seitens der Polizei versuchte nicht nur die Leiterin des sozialpsychiatrischen Dienstes in Altötting zu entkräften: „Wir sind oft sogar viel schneller da!“, betonte Elisabeth Borst, die erklärte, dass Betroffene meist nicht in der Ambulanz des Wasserburger Bezirksklinikums untergebracht werden müssten, sondern dass „auch das Andocken an den sozialpsychiatrischen Dienst oder die Suche nach einem Therapeuten für den nächsten Tag meist ausreicht“.

Mobile Einsatzteams für acht Landkreise

Der Leiter der mobilen Einsatzteams in den Planungsregionen 17 und 18 erhofft sich von der neuen Lösung eine deutliche Verbesserung für die Betroffenen und rechnet damit, dass die mobilen Einsatzteams in seinem Zuständigkeitsbereich künftig zu mehr Einsätzen hinzugerufen zu werden: „Bisher haben wir im Schnitt vier Einsätze im Monat. Nun kann uns die Polizei öfters rufen!“, so Richard Hörtlackner, der für die Landkreise Garmisch-Partenkirchen, Miesbach, Bad-Tölz und Weilheim-Schongau sowie Altötting, Berchtesgadener Land, Traunstein, Mühldorf und Rosenheim zuständig ist.

Lob kam auch vom Betroffenenvertreter Rudolf Starzengruber, der sich freute, dass Oberbayern hier nun Vorreiter in Deutschland sei: „Wer die Nummer 0800/6553000 gewählt hat, hat schon gewonnen!“, sagte der Vorsitzende der Oberbayerischen Selbsthilfe Psychiatrie Erfahrener.

Krisendienst Psychiatrie: 2020 kamen 30 000 Anrufe aus ganz Bayern

Dass der Bedarf für derartige Einsätze groß ist, zeigen auch die Zahlen, der in den letzten Jahren aufgebauten Leitstelle: „2020 hatten wir aus ganz Bayern 30.000 Anrufe“, erklärte Teamleiter Stefan Sponner vom Krisendienst Psychiatrie in München, „das sind 200 am Tag!“. Dabei konnte sein Team, das aus Sozialpädagogen und anderen ausgebildeten Fachkräften mit sehr viel Berufserfahrung besteht, viele Probleme schon während der teils langen Telefonate lösen.

Zwar räumte Stefan Sponner auf Nachfrage ein, dass bei der Hotline oft Selbstgefährder anrufen würden, wohingegen die Polizei auch mit Gefährdern zu tun habe. Doch meldeten sich an seiner Stelle oft auch andere Betroffene, wie Angehörige, Hausärzte oder Mitglieder anderer Fachstellen, denen man so weiterhelfen könne.

Der für Südostoberbayern zuständige Gebietsleiter des Krisendienstes Psychiatrie, Alexander Scheitz, erklärte, dass es sich bei den Anrufern mit 60 Prozent bisher mehrheitlich um Frauen handele und erhofft sich für die Zukunft, dass alle Betroffenen das Angebot besser wahrnehmen. Genauer schlüsselte es Altöttings Bezirksrätin Gisela Kriegl auf: „Nur 62 Prozent der Anrufer sind Klienten, 22 Prozent Angehörige und der Rest kommt von anderen Fachstellen, die Rat suchen oder Hilfskräften, die einen traumatischen Einsatz hatten.“

Sie lobte in diesem Zusammenhang, dass sie bei den Beratungen über die Errichtung des Netzwerks gemerkt habe, dass es den Beteiligten, „die von teilweise konkurrierenden Einrichtungen kommen, hier nur um die Hilfe für die Betroffenen geht.“

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