Nach tödlichen Nachbarschaftskonflikten in Mühldorf

Experte: "Man kann Kontrahenten nicht einfach aus dem Weg gehen"

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LMU München, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
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München/Mühldorf - Zweimal kam es in den letzten Monaten zu Streits unter Nachbarn, die tödlich endeten. Professor Kolja Schiltz, Experte für forensische Psychiatrie, erklärte im Gespräch mit innsalzach24.de, wie es sein kann, dass solche Konflikte unter Nachbarn bis zu solchen Gewaltexplosionen hin eskalieren.

Zweimal kam es in den letzten Monaten zu Nachbarschaftsstreitigkeiten mit tödlichem Ausgang in Mühldorf. Beide Male erstach ein Anwohner seinen Nachbarn mit einem Messer im Streit. Zuletzt hatte am 19. November ein 57-Jähriger seinen Nachbarn beim Streit in einem Wohnhaus mit einem Messer so schwer verletzt, dass dieser kurz darauf in einem Krankenhaus verstarb. Kurz zuvor, am 5. Oktober, ereignete sich ein ähnlicher Fall. Ein 68-Jähriger wurde bei einer Auseinandersetzung von seinem Nachbarn mit einem Messer im Keller eines Wohnhauses tödlich verletzt

Bilder von Tötungsdelikt in Mühldorf - Mann ersticht Nachbar

Wieso jedoch eskalieren Streitigkeiten zwischen Nachbarn überhaupt derartig und was geht in einem Menschen vor, wenn er zu solch drastischen Mitteln greift? innsalzach24.de hat mit Professor Dr. Kolja Schiltz von der Ludwig Maximilians Universität (LMU) gesprochen. Er ist der Leiter der Abteilung forensische Psychiatrie an der Klinik für Psychiatrie in München.

Warum Nachbarschaftsstreits oft eskalieren

Untersuchungen, die sich explizit mit Nachbarschaftsmorden befassen gebe es nicht, erklärt der Professor. Dafür gebe es einfach zu wenige Daten. Allgemein seien Fälle von eskalierenden Streitigkeiten unter Nachbarn aber ähnlich zu betrachten, wie andere Gewaltverbrechen auch. Der Unterschied bestehe darin, dass Menschen sich bei Auseinandersetzungen mit ihren direkten Nachbarn häufig in ihrem intimen, persönlichen Bereich, nämlich in ihrem Zuhause getroffen fühlen.

"Die Umsetzung der eigenen Lebensvorstellungen wird für beide Parteien eingeschränkt", so Schiltz. Ein Problem das nur schwer lösbar sei. Man könne dem Kontrahenten ja nicht aus dem Weg gehen, weil man eben nebeneinander wohne. Besonders schwerwiegend seien solche Konflikte, wenn es um Wohnungs- oder Hauseigentümer gehe, da diese im Zweifel nicht einfach umziehen können. 

Lange Konflikte können gären

Anders als bei anderen alltäglichen Streits, etwa um Parkplätze, seien solche Konflikte auch häufig von langer Dauer, da man sich immer wieder sehe und den Konflikt weiter austrage. Dann können Ressentiments gären und festigen. 

Doch wie kann sich ein solcher Streit letztlich zu einem Gewaltverbrechen werden? "Das kann dann passieren, wenn jemand nicht die Fähigkeiten hat, Konflikte konstruktiv und lösungsorientiert anzugehen", erklärt Schiltz. Wenn jemand sich also in einem lang andauernden Streit mit seinem Nachbarn befindet und nicht in der Lage ist, Impulse und Emotionen zu kontrollieren und abzubauen, kann es brenzlig werden. Die Auseinandersetzungen nehmen dann eine Eigendynamik in der Psyche der Menschen an, es kommt zum Kontrollverlust.

Alkohol und Drogen als mögliche Auslöser

Dabei könne zwar auch eine psychische Vorerkrankung eine Rolle spielen, jedoch weit weniger häufig, wie Substanzkonsum. Alkohol und Drogen seien als Katalysatoren weitaus öfter relevant, da sie die Hemmschwelle senken und die Gewaltbereitschaft steigern. 

Generell seien Männer weitaus häufiger Täter in solchen Szenarien, als Frauen, sowie in eigentlich allen Gewaltdelikten. 

Generell sei es immer ratsam ein gutes Verhältnis mit seinen Nachbarn zu kultivieren. Wenn man sich nicht ausweichen könne, müsse man die Beziehung bewusst fördern, etwa mit gemeinsamen Festen. Letztlich sei das jedoch aussichtslos, wenn man sich wirklich nicht gegenseitig leiden könne. 

jv

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