Badezimmer statt Kreißsaal

Mühldorfs erste natürliche Geburt in diesem Jahr: Janosch ist zu Hause zur Welt gekommen

Alles gut gegangen, Familie glücklich: Anne Thalmeier (links, mit Janosch) spricht von einer wunderbaren Erfahrung, die sie bei der Hausgeburt machen durfte. Betreut wurde sie von Hebamme Jana Dauner (rechts).
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Alles gut gegangen, Familie glücklich: Anne Thalmeier (links, mit Janosch) spricht von einer wunderbaren Erfahrung, die sie bei der Hausgeburt machen durfte. Betreut wurde sie von Hebamme Jana Dauner (rechts).

Geburtshäuser fehlen Umkreis und die Entbindungsstation in Mühldorf hat zu: Anne Thalmeier (35) hat sich schon sehr bald dazu entschieden, dass sie ihr Kind zu Hause zur Welt bringen möchte. „Die normalste Sache der Welt!“, findet die Hebamme, die dabei mit einigen Klischees aufräumt.

Mühldorf – Es hat bis zum 3. Februar gedauert, bevor die Stadt den ersten Mühldorfer begrüßen konnte, der auf natürlichem Weg auf die Welt gekommen ist. Denn normale Geburten sind in der Klinik nach wie vor nicht möglich. Janosch Thalmeier heißt der ganze Stolz seiner Eltern Anna und Richard. Das Besondere: der kleine Janosch kam zu Hause zur Welt. Und das war auch so geplant.

Selbstbestimmt und ohne Zwänge

„Nach zwei Geburten im Krankenhaus stand für mich sehr schnell der Entschluss fest: Janosch sollte zu Hause auf die Welt kommen!“ Selbstbestimmt wollte die 35-Jährige ihr Kind zur Welt bringen, im gewohnten Umfeld, ohne irgendwelchen Zwängen zu unterliegen. Also hat sie sich während der Schwangerschaft mit Janosch an Jana Dauner gewandt.

Wertgeschätzte 1:1-Betreuung

Die Pollingerin ist seit 2012 auf Hausgeburten spezialisiert Sie ist selbst Mutter von vier Kindern, das Jüngste gerade mal 15 Monate alt.

Durchschnittlich 50 werdende Mütter begleitet Jana Danner pro Jahr. Das beginnt mit der Betreuung während der Schwangerschaft, endet aber nicht mit der Geburt. Denn auch die Nachsorge übernimmt die Hebamme.

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett als wunderbare Lebenserfahrung

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett seien so zu einer wunderbaren Lebenserfahrung geworden, bekräftigt Anne Thalmeier. Die beiden Geschwister seien einbezogen und auf die große Veränderung vorbereitet worden.

„Es ist eine 1:1-Betreuung wie man sie im Kreißsaal nie bekommen würde. Und tatsächlich ein Unterschied, ob ich wochenlang von einer Vertrauensperson auf die Geburt vorbereitet werde oder bei einer Spontangeburt die Hebamme erst am Tag der Niederkunft kennenlerne.“

In Mühldorf und Umgebung fehlt es an Geburtshäusern

In Mühldorf selbst können Familien diese Erfahrung derzeit nicht machen, die Geburtshilfestation im Krankenhaus bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Zu wenige Hebammen, sagt Sprecher Mike Schmitzer, eine Änderung der Situation ist nicht in Sicht. In Mühldorf gibt es nur geplante Kaiserschnitte (Plus-Artikel bei ovb-online.de), 14 waren es bislang in diesem Jahr. Wer sein Kind auf natürliche Weise zur Welt bringen will, muss nach Altötting fahren – oder zu Hause bleiben.

Entspannung im familiären Umfeld

Für Familie Thalmeier, war das von Anfang an klar, betont Richard Thalmeier. „Ein Kind zu gebären ist das Selbstverständlichste der Welt. Dennoch wurden wir für diese Entscheidung auch schräg angeschaut!“

Zu Hause habe sie dann eine entspannte Entbindung erlebt, sagt Anne Thalmeier. „Das familiäre Umfeld hatte daran einen großen Anteil!“ Nach Mitternacht, um ein Uhr, habe sie die ersten Wehen verspürt. Bei der Geburt selbst waren sie nicht dabei, weil sie mit Homeschooling in der Küche beschäftigt waren.

Kindliche Herztöne waren während der Geburt einwandfrei

„Ich konnte selbst entscheiden, wann ich gehen will, musste nicht liegen, wie ich das aus dem Krankenhaus kannte“, berichtet die Mutter, die heute sehr glücklich über diese Wahl.

Durch die Bewegungsfreiheit sei sie gut mit den Wehenschmerzen zurechtgekommen und auch die kindlichen Herztöne waren während der Geburt einwandfrei, bestätigt ihre Hebamme. „Es gab keine Stressmomente!“, so Anne Thalmeier, die sich im aufblasbaren Gebärbecken, das eigens dafür im Badezimmer aufgestellt worden war, auf die Geburt vorbereiten konnte.

Keine Stressmomente im Wasserbecken

Die 35-Jährige brachte den kleinen Janosch um 10 Uhr als Wassergeburt auf die Welt. Stramme 4150 Gramm brachte der kleine Kerl auf die Waage. „Das war Glück pur!“, sagt Anne Thalmeier, immer noch überwältigt von den Emotionen Anfang Februar.

Für ihre Hebamme ist das die normalste Sache der Welt: „Warum sollte auch eine gesunde Frau mit unkomplizierter Schwangerschaft nicht auch ein gesundes Kind zur Welt bringen?“

Nur zwei Prozent gebären zu Hause

Nach Angaben der „Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe“ (QUAG) ist eine steigende Tendenz außerklinisch geborener Kinder festzustellen. Lag die Zahl im Jahr 1999 deutschlandweit bei 7433, stieg sie bis 2019 auf 12 242. Die Zahl aller in Deutschland geborenen Kinder erhöhte sich im selben Zeitraum von 773 862 auf 781 270. In Bayern liegt der Anteil der außerklinischen Geburten 2019 bei 2,06 Prozent, das sind 1580 von 108 985.

Wunsch nach Geburtshäusern wird immer größer

Es sind nicht alleine Hausgeburten, auf die sich diese Zahlen beziehen. Hebamme Jana Dauner erklärt, dass der Wunsch des Kinderkriegens in Geburtshäusern immer größer werde. „Doch in unserer Region gibt es kein Angebot. Man müsste schon eine Stunde fahren, um in die Häuser nach Rosenheim, Landshut oder Arnstorf zu gelangen.“

In der Gesellschaft immer noch Skepsis gegenüber Hausgeburten

Doch es gebe auch Skepsis gegenüber Hausgeburten. „Das liegt daran, dass die Menschen keine realistische Vorstellung von einer Hausgeburt haben“, sagt Dauner. Zu Hause würden die Geburten nie mit Medikamenten eingeleitet, der Geburtsprozess werde nicht durch Wehenmittel beschleunigt, Opiate zur Schmerzlinderung dürften nicht verabreicht werden. „Dadurch entfallen viele Risikofaktoren, die sich auf das Ungeborne auswirken können.“

Gute Kooperation mit dem Krankenhaus in Altötting

Herztöne des Kindes würden aber auch zu Hause überwacht, bei Gefahr ginge es ins Krankenhaus. „So lassen sich Notfallsituationen vermeiden, wobei wir für den Fall mit Medikamenten und Infusionen ausgestattet sind.“

Müsse eine Gebärende ins Krankenhaus, würden sie im Inn-Klinikum Altötting bereitwillig und gut aufgenommen. „Hebammen und Ärzte geben sich viel Mühe damit die Frau trotz Komplikationen gut gebären kann“, so Dauner.

Hebammen haben horrende Versicherungssummen zu stemmen

Sie verhehlt nicht, dass es bei den Hebammen an Nachwuchs fehlt – unbeständige Arbeitszeiten und ein niedriges Gehalt schreckten ab. Doch Dauner beschwert sich nicht über den Verdienst. Es ist vielmehr die hohe Versicherungsprämie, die sie als Hebamme jährlich zu stemmen hat. In ihrem Fall liegt sie bei rund 10.000 Euro.

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