Mühldorfer Grüne: "Es ist unerträglich."

Stadtrat Georg Gafus: Klares Nein zur "Nazi-Straße"!

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Mühldorf – Nach dem mehrheitlichen Beschluss für den Verbleib der Hans-Gollwitzer-Straße macht Grünen-Stadtrat Georg Gafus in einer Pressemitteilung seinem Ärger Luft.

Ob ihm nun der Kragen geplatzt ist? Wohl eher nicht. Als Demokrat nimmt Stadtrat Georg Gafus die mehrheitliche Entscheidung seiner Kolleginnen und Kollegen im Gremium zur Kenntnis. Unangenehm aufstoßen tut sie ihm aber zweifelsohne. In einer Pressemitteilung vom Dienstagmittag nimmt er zu der Entscheidung Stellung:

„Absolut ehrenwerte Männer“

Eine Mehrheit im Mühldorfer Stadtrat hat im März 2017 beschlossen, dass eine Straße der Stadt weiter nach dem Antisemiten und NS-Aktivisten Hans Gollwitzer benannt bleibt. Sie wussten, dass er schon am 1. September 1929 in die NSDAP eingetreten ist, dass er ein Hauptakteur der NS-orientierten „Deutschen Christen“ war, dass er die NS-Ortsgruppe mitgegründet hat und neben seinem Spezi Kreisleiter Schwägerl der führende Kopf des NS-Regimes in der Stadt und im Landkreis Mühldorf war.

Schwägerl hat den strammen Führungs-Nazi Gollwitzer 1937 als Bürgermeister eingesetzt und der hat aus voller Überzeugung bis Kriegsende NS-Propaganda und NS-Praxis in der Stadt Mühldorf umgesetzt. Die zwei ortsansässigen jüdischen Familien hat Gollwitzer schikaniert und vertrieben.

Noch im Februar 1945 hat er die Verhaftung der Jüdin Rita Baur zur Deportation nach Theresienstadt an das Landratsamt gemeldet. Er war bis zuletzt Vertreter und Handlanger des Regimes, das 248 Bewohner der Stiftung Ecksberg im österreichischen Harthaus bei Linz umgebracht und um die 3000 überwiegend jüdische KZ-Häftlinge am Bunkergelände im Mettenheimer Hart, einem Außenlager des KZ Dachau ermordet hat."

„NS-Aktivist und Parteisoldat“

"Der Mühldorfer Stadtrat hat diesem überzeugten Nazi 1971 die Ehrenbürgerwürde verliehen und 1983 eine Straße nach ihm benannt. Wie das? Der NS-Aktivist und Parteisoldat Gollwitzer, im Entnazifizierungsverfahren nach Kriegsende zunächst als „Belasteter“ eingestuft, erreichte wie viele andere auch über ein Berufungsverfahren die Rückstufung zum „Mitläufer“ und konnte so 1952 zur erneuten Funktion als Kommunalpolitiker ansetzen. 1952 wurde er zum Bürgermeister gewählt und blieb es bis 1966. Kann eine demokratische Wahl all das ungeschehen machen, was vorher war?

Es ist eine Tatsache, dass zahlreiche NS-Aktivisten als Beamte, Juristen oder Mediziner in der frühen Bundesrepublik wieder an ihre Funktionen im NS-Regime anknüpfen konnten. Sie wurden für den Wiederaufbau gebraucht, genauso wie die Gastarbeiter, die die Regierung Adenauer für das Wirtschaftswunder in Italien, Spanien, Jugoslawien oder der Türkei angeworben hat."

„Aufarbeitung der Unrechtsgeschichte“

"Lange wurde in Deutschland verdrängt, was vor 1945 war. Erst Ende der 1960er Jahre begann hier die Aufarbeitung der Unrechtsgeschichte. Die Mehrheit der Mühldorfer Stadträte tut sich damit aber auch 2017 noch schwer.

Als 1983 eine Straße nach dem NS- und Nachkriegsbürgermeister benannt werden sollte, haben nur ein paar junge Grüne um Elke und Günther Egger protestiert, die mit ihrer „Geschichtswerkstatt“ die NS-Vergangenheit der Stadt untersucht haben. Sie galten als Querulanten und Nestbeschmutzer, der Stadtrat entschied einstimmig für die Straßenbenennung.

Insofern ist es als Fortschritt zu werten, dass 2017 immerhin bereits acht Stadträte für die Umbenennung dieser Straße gestimmt haben. Darunter natürlich die beiden anwesenden Stadträte der Grünen, die sich ausdrücklich für die Umbenennung ausgesprochen haben. In anderen Fraktionen waren die Meinungen geteilt. Die größte Fraktion im Mühldorfer Stadtrat aber hält dem Nazi und Parteigenossen Gollwitzer bis heute geschlossen die Stange."

„Vorsicht: Ironie!“

"Es ist die, die sich christlich und sozial nennt. Ihr Fraktionssprecher sagte in der Sitzung, er habe den Altnazi nach dem Krieg als „absolut ehrenwerten Mann“ kennengelernt. Da kann man nur anfügen: Auch Hitler war nett zu Kindern und Hunden. Er hat Autobahnen gebaut und dazu die Arbeitslosen von der Straße geholt. Vielleicht sollte man die Umbenennung des Stadtplatzes und die Streichung aus der Liste der Ehrenbürger von 1945 wieder rückgängig machen.

Gollwitzer hat sich als Bürgermeister 1959 dafür eingesetzt, dass der Stadtrat der Jüdin Rita Baur nach dem Tod ihres Mannes Wolfgang keine Witwenrente auszahlte. Im Februar 1945 hatte er ihre Verhaftung zum Transport nach Theresienstadt an das Landratsamt gemeldet. (…)

Die Schatten der NS-Vergangenheit sind in Mühldorf besonders lang. Die Grünen in Mühldorf werden sich weiter dafür einsetzen, dass dieser Straßenname wegkommt. Er ist unerträglich."

Auf der oben genannten Stadtratssitzung wurde mit 10 zu 8 Stimmen für den Verbleib der Hans-Gollwitzer-Straße entschieden. Den Beschlussvorschlag, dass eine Informationstafel zu Hans Gollwitzer installiert wird, lehnte der Stadtrat mit 16 zu 2 Stimmen ab.

Auf Nachfrage von innsalzach24.de am frühen Dienstagnachmittag sagte Georg Gafus, dass es wohl seine Zeit brauchen werde, bis diese Entscheidung rückgängig gemacht wird, aber die Grünen im Stadtrat würden dranbleiben. 

Pressemitteilung Georg Gafus/rw

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