Landrat garantiert: Keine Abschiebung während der Ausbildung

Ausbildungsplätze für Flüchtlinge gesucht

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Bittet die regionale Wirtschaft um Ausbildungsplätze für junge Flüchtlinge: Landrat Georg Huber.
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Mühldorf - Dutzende junge Flüchtlinge bereiten sich im Landkreis im Moment auf eine Berufsausbildung vor. Ihre Lernfortschritte, gerade in der deutschen Sprache, sind beachtlich.

Ihr Lernfortschritt ist beeindruckend und auch ihre Motivation übertrifft die vieler Altersgenossen um Längen: Rund 60 berufsschulpflichtige Flüchtlinge und Asylbewerber aus den Landkreisen Mühldorf und Altötting rüsten sich derzeit für eine Berufsausbildung. In täglichem Unterricht werden ihnen von der Staatlichen Berufsschule I in Mühldorf sowie vom Berufsbildungswerk Waldwinkel alle Grundvoraussetzungen für eine Lehre vermittelt. Deutschkurse sind freilich ein Hauptbestandteil, je nach Lernfortschritt absolvieren die Schüler aber auch Praktika zur Berufsorientierung.

Europäischer Sozialfonds unterstützt das Projekt

Klaus Ortner (links), Gesamtleiter des Berufsbildungswerks Waldwinkel, und Wolfgang Gaigl, Schulleiter der Berufsschule I in Mühldorf.

Klaus Ortner, Gesamtleiter des Berufsbildungswerks, lobte auf einer Pressekonferenz am Mittwoch das "hohe Maß an Motivation und Lernbereitschaft" der jungen Leute und auch Wolfgang Gaigl, Schulleiter der Berufsschule, betonte: "Die Leute machen unglaubliche Fortschritte in der deutschen Sprache." Fleißig müssen sie aber auch sein, denn die Warteliste für die Ausbildungsvorbereitung ist lang. Gaigl erzählte von jungen Asylbewerbern, die nicht alle Unterrichtsstunden besuchen wollten, weil sie sich in den jeweiligen Fächern für zu gut gehalten haben. Die Schüler verloren ihren Platz, andere rückten nach.

Grund für die lange Warteliste ist die Finanzierung. Alle Kosten, etwa für zusätzliche Lehrkräfte, übernimmt der Europäische Sozialfonds (ESF). Die Kapazität sei durch den ESF begrenzt, erläuterte Gaigl, eine Aufstockung sei nicht möglich. "Grundsätzlich könnten wir aber eine vierte Klasse aufmachen, wenn die Ressourcen stimmen", so Gaigl. Gegenwärtig solle auf politischer Ebene erreicht werden, dass der ESF das Projekt stärker fördert.

Bis dahin bleibt es jedoch bei drei Klassen. Eine davon befindet sich im Berufsintegrationsjahr, die beiden anderen sind sogenannte Vorklassen auf dem Weg dorthin. Das Angebot richtet sich an Asylbewerber und Flüchtlinge mit mangelnden Deutschkenntnissen zwischen 16 und 21 Jahren - wobei Ausnahmen bis zu einem Alter von 25 Jahren möglich sind. Außerdem muss sich der Wohnort der Interessenten in den Landkreisen Mühldorf oder Altötting befinden.

"Gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen"

Das Ziel der jungen Flüchtlinge und Asylbewerber ist eine Berufsausbildung. Bereits im Schuljahr 2012/13 hatte das Berufsbildungswerk erfolgreich Flüchtlinge auf eine Berufsausbildung vorbereitet. 13 Schüler haben anschließend eine Berufsausbildung begonnen, einer wechselte sogar auf die FOS in Mühldorf.

Landrat Georg Huber machte auf der Pressekonferenz deutlich, dass man jungen Flüchtlingen und Asylbewerbern eine realistische Chance auf gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen müsse. "Denn wir können es uns schlichtweg nicht leisten, jungen lernbereiten, arbeitsfähigen und arbeitswilligen Menschen kein Bildungs- und Ausbildungsangebot zu machen." Die allermeisten Flüchtlinge seien arbeitswillig. "Wir müssen sie nur arbeiten lassen wollen", so der Landrat, der sich auch zur aktuellen Zuwanderungsdebatte äußerte: "Ich bin ein bisschen traurig über die Diskussion, die so hochgespielt wird in den letzten Tagen."

Huber sieht Berufsausbildung als Entwicklungshilfe

Huber lobte den "nicht selbstverständlichen" Einsatz der Berufsschule und des Berufsbildungswerks - aber auch das Engagement der lokalen Wirtschaft. Er wolle sich bei der Wirtschaft "für die hervorragende Zusammenarbeit und die Offenheit gegenüber jungen Asylbewerbern" bedanken, erklärte der Landrat. Huber äußerte den Wunsch, die Betriebe und Unternehmen mögen jungen Flüchtlingen weiterhin Praktika anbieten - und ab Sommer auch Ausbildungsplätze. "Ich bitte die regionale Wirtschaft darum, sich selbst davon zu überzeugen, dass hier potentielle sehr gute Arbeitskräfte auf sie warten."

Seine Bitte verband Huber mit einem Versprechen: "Ich gewährleiste Ihnen, dass die Duldung der Flüchtlinge über die gesamte Ausbildungszeit anhält." Der Landrat gab sich überzeugt, dass die Ausbildung junger Flüchtlinge so oder so ein Gewinn ist. Dürften sie in Deutschland bleiben, könnten sie den deutschen Arbeitsmarkt als Fachkräfte "beflügeln". Sollte ihr Asylgesuch hingegen abgelehnt werden, sieht Huber die Berufsausbildung als "Entwicklungshilfe", wie er sagte. Wer in seinem Heimatland gebraucht werde, solle zurückgehen. "Die brauchen junge Leute, um ihr Land aufzubauen", so Huber.

Junge Flüchtlinge auf die Ausbildung vorbereiten

Schon jetzt 17 Prozent ausländische Lehrlinge

Ingrid Obermeier-Osl, Vizepräsidentin der IHK für München und  Oberbayern, und Jochen Englmeier, Bildungszentrumsleiter HWK Mühldorf.

Dass die Wirtschaft Hubers Pläne unterstützt und den jungen Flüchtlingen Ausbildungsplätze anbietet, ist zumindest für die IHK und die Handwerkskammer gewiss. Ingrid Obermeier-Osl, Vizepräsidentin der IHK für München und Oberbayern und Vorsitzende des IHK-Gremiums Altötting-Mühldorf, sprach von einer "Win-Win-Situation". Es seien mehr Stellen da als Jugendliche, die die Stellen antreten könnten, sagte Obermeier-Osl. Dieses Bild bestätigte auch Jochen Englmeier, Bildungszentrumsleiter der Handwerkskammer Mühldorf. In Oberbayern habe man 12.000 Stellen nicht besetzen können, erklärte Englmeier. Dass Flüchtlinge an die Betriebe völlig neue Anforderungen stellen würden, gilt dem Bildungszentrumsleiter zufolge nicht. Schon jetzt habe die HKW über 17 Prozent ausländische Lehrlinge.

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