Verbund-Innkraftwerke äußern sich

Darum fällt der Ausbau des Innkanals teilweise so umfangreich aus

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Am Innkanal laufen derzeit Bauarbeiten, wie hier bei Waldkraiburg.

Waldkraiburg/Mühldorf am Inn - Derzeit finden umfangreiche Bauarbeiten zur Erweiterung des Innkanals im Zuge des Neubaus des Innkraftwerks Töging statt. Wir haben uns erkundigt, warum diese so umfangreich ausfallen, wie es scheint.

"Ich weiß ja nicht, ob von Ihnen jemand dort in letzter Zeit mal spazieren war", klagte SPD-Fraktionsvorsitzende Susanne Engelmann in der Sitzung des Waldkraiburger Stadtrats Mitte Februar, "Aber das ist eine Umweltzerstörung ersten Grades! Da steht keine einzige Pflanze mehr!" Es finde außerdem viel zu wenig Kommunikation mit der Bevölkerung statt. Sie fordere daher, dass ein Vertreter der Verbund-Innkraftwerke dem Gremium Rede und Antwort steht. "Jemand von diesem Unternehmen soll dieses Umweltdesaster erklären. Alles platt gemacht aus kommerziellen Interessen!", klagte Engelmann, "Wir haben ein Volksbegehren zur Artenvielfalt und da wird alles platt gemacht!" Eine Präsentation soll nun in der Sitzung Ende März stattfinden.


Verbund-Pressesprecher Wolfgang Syrowatka

Auch in der jüngsten Sitzung des Mühldorfer Stadtrats Ende Februar kam das Thema zur Sprache. "Ich war ganz entsetzt, dass die Betonarbeiten entlang des Innkanals dann doch sehr viel umfangreicher sind, als ich mir das vorgestellt hätte", klagte dort Umweltreferent Oskar Rau (Grüne). "Ich hatte im Kopf, dass der Wasserspiegel nur um 70 Zentimeter erhöht werden sollte. Aber die jetzige Beton-Oberkante ist ja um ein vielfaches höher." Daher habe auch schon ein klärendes Gespräch von Vertretern der Stadt mit einem Sprecher der Verbund-Innkraftwerke stattgefunden.

Pressesprecher erklärt Ausmaße des erweiterten Kanals

Schon seit einiger Zeit laufen die Vorarbeiten für das neue Wasserkraftwerk in Töging im Inn. Kleiner als ursprünglich geplant soll es werden, bei gleichzeitig höherer Effizienz. So sollen nach Fertigstellung drei Turbinen mehr Strom liefern als die 14 von 15, die derzeit im bestehenden Kraftwerk in Betrieb sind.


Diese Grafik soll verdeutlichen, wie der Innkanal angepasst sein muss, um die notwendige Fließgeschwindigkeit zu erreichen.

"Das wesentliche Element bei der Erneuerung des Kraftwerks Töging-Jettenbach ist die Revitalisierung und Leistungssteigerung eines bestehenden, fast 100 Jahre alten, Systems", betont gegenüber unserer Redaktion Verbund-Pressesprecher Wolfgang Syrowatka. "Eine Stellschraube für mehr Strom aus Wasserkraft in Töging ist die Erhöhung des Wasserspiegels beim Wehr Jettenbach um 70 Zentimeter um eine Erhöhung der Fließgeschwindigkeit von derzeit 403,35 mVS auf 404,05 mVS." Diese neue Wasserspiegellage in Jettenbach erfordere auch eine entsprechende Anpassung der Abdichtung des Innkanals bis hin zum Kraftwerk in Töging.

"Es gab zum Bauzeitpunkt ein vorläufiges bayerisches Höhensystem, das mit 'mVs' für 'Meter nach vorläufigem bayerischen Höhensystem' abgekürzt wurde", ergänzt Syrowatka, "Dieses System weist eine Höhendifferenz von sechs Zentimeter zu einem zwischenzeitlichen Höhensystem beziehungsweise zwei Zentimeter zum aktuellen deutschen Höhensystem auf. Es wurde zu Gunsten der Übersichtlichkeit entschieden, das alte Höhensystem in den Angaben zur Planung des aktuellen Projektes beizubehalten, da viele alte Pläne die Grundlage für das Erneuerungsprojekt bilden. Es würde nur Verwirrung stiften, würden wir Höhenangaben mischen und jede Angabe auf ihre Zuordnung zu dem jeweiligen Höhensystem überprüfen müssen."

"Optischer Eindruck irreführend"

"Der Hintergrund für den Ausbau in der aktuellen Form ist rein physikalisch begründet: Derzeit besteht zwischen Jettenbach und Töging ein Höhenunterschied des maximal möglichen Wasserspiegels von rund einem Meter, wobei Jettenbach höher liegt als Töging. Wenn nun der Wasserstand in Jettenbach um 70 Zentimeter auf 404,05 mVS angehoben wird, so hat dies unweigerlich Auswirkungen auf den Wasserstand im Innkanal – und die erforderliche Abdichtung des Innkanals." Grundsätzlich sei Wasser bestrebt, eine horizontale Fläche, in diesem Fall zwischen Jettenbach und Töging, auszubilden. "Wenn nun der Innkanal ausgespiegelt ist, bildet sich zwischen Jettenbach und Töging eine horizontale Ebene, bei der der Wasserstand beziehungsweise die Wasseroberfläche an beiden Punkten gleich hoch ist." Berücksichtige man nun, dass der Wasserspiegel in Jettenbach gleich hoch wie in Töging sein kann, so ergäbe sich daraus die Notwendigkeit, dass die abgedichtete Böschung im Innkanal im Bereich Töging entsprechend größer als in Jettenbach sein müsse.

Diese kleine Beispiel soll verdeutlichen, wie der Innkanal angepasst sein muss, um die notwendige Fließgeschwindigkeit zu erreichen.

"Der derzeitige optische Eindruck ist auch etwas irreführend, da derzeit Dichtungsbereiche sichtbar sind, die sonst unter Wasser liegen", betont Syrowatka, "Einerseits haben wir derzeit den Wasserspiegel im Innkanal abgesenkt, um die Arbeiten ausführen zu können. Zudem wird voraussichtlich erst ab 2022 die Stauspiegelerhöhung umgesetzt werden und auch die erhöhten Dichtungsbereiche von Wasser bedeckt sein. Aus einem nicht abgedichteten Innkanal würde zur Seite hin Wasser austreten", betont Syrowatka. "Dies würde den Grundwasserstand in der Umgebung in unzulässiger Weise beeinflussen. Zudem würde eine Durchnässung der Dämme zu Instabilität und Schäden führen."

Flächenausgleich würde erfolgen

"Ausgangspunkt der Diskussion ist meinem Wissensstand nach die Sorge um den Verlust von Flächen. Hier ist zu betonen, dass die Verbund-Innkraftwerke hier strenge gesetzliche Vorgaben einzuhalten haben, die es in Bezug auf unser Vorhaben und Flächenausgleich bereits gibt – konkret die Bayerische Kompensationsverordnung", betont der Pressesprecher, "Ziel dieser Verordnung ist sicherzustellen, dass Eingriffe in Natur und Landschaft, sofern sie nicht vermieden werden können, ausgeglichen werden müssen." Dabei würde auch zwischen vorübergehenden und dauerhaften Eingriffen unterschieden. "Vereinfacht kann man sagen: Geht eine naturnahe Fläche, wie hier im Fall des Innkanals durch eine Abdichtung, verloren, muss anderswo, auf einer weniger wertvollen Fläche, eine der verlorengegangenen zumindest gleichwertige Fläche geschaffen werden." Das könne, wie konkret im Fall des Innkanals, die Umwandlung einer intensiv genutzten landwirtschaftlichen Fläche in eine Magerrasenfläche sein.

"Das System der Kompensationsverordnung ist etwas kompliziert, da hier mit Punkten gearbeitet wird. Für den Fall der Abdichtung des Innkanals ergibt sich ein dauerhafter Kompensationsbedarf von etwas mehr als einem Dutzend Fußballfeldern und stellt den Großteil des Projektbedarfs dar", schließt Syrowatka, "Diese Flächen werden in Punkte umgerechnet und summiert. Die Kompensationsmaßnahmen erhalten wiederum Punkte, die von der Summe der über Flächen ermittelten Punkte abgezogen werden. Der Saldo muss Null beziehungsweise negativ sein. Die für das Projekt zur Verfügung stehenden Flächen wurden von den Verbund-Innkraftwerken bereits im Verfahren benannt und als Kompensationsmaßnahmen eingebracht."

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