Interview Teil 1: Kriminologe Pfeiffer über Aufwachsen in der Region

Seehofer mit der Herkunft verblüfft und ein prägendes Erlebnis

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Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.. Pfeiffer, Kriminologe und Ex-Justizminister in Niedersachsen, feiert am Mittwoch seinen 75. Geburtstag.
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Kirchweidach/Mühldorf am Inn - Im zweiteiligen Interview mit unserer Redaktion spricht der bekannte Kriminologe und ehemalige niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer über seine Kindheit und Jugend in der Region. In diesem ersten Teil geht es darum, wie er Horst Seehofer einmal verblüffte und ein prägendes Erlebnis in der Kindheit.

Christian Pfeiffer ist ein deutscher Kriminologe und ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Von 2000 bis 2003 war er für die SPD niedersächsischer Justizminister. Er ist häufig in den Medien als Interviewpartner und als Gast bei Talkshows vertreten. Er wird am Mittwoch 75 Jahre alt.

Auch Seehofer einmal mit bayerischer Herkunft überrascht

Nicht jeder weiß um seinen bayerischen Hintergrund. Das sorgt auch mal für amüsante Anekdoten. "Vor etwa acht Jahren hatte die FDP einmal 10 Millionen Euro als Förderung für die bayerische Computerspiele-Branche beantragt", erzählt Pfeiffer, "Da es dazu aus der CSU kritische Stimmen gab, wurde ich als Experte für die Auswirkungen von Computerspielen auf den Menschen zu einem Vortrag im Kabinett geladen." 

Horst Seehofer wurde von Pfeiffer schon einmal mit seinem bayerischen Hintergrund überrascht.

Allerdings hätten die Vertreter der FDP-Fraktion dann absichtlich so lange gesprochen, dass ihm nur noch eine Viertelstunde Redezeit geblieben wäre, viel weniger als geplant. "Herr Seehofer hat sich dann entschuldigt und im Spaß´gemeint:'Aber für Sie als norddeutschen Professor ist es doch sicher eine hohe Ehre, einmal im Bayerischen Landeskabinett als Referent auftreten zu dürfen'."

Dem habe er ein unerwartetes Konter entgegen gesetzt. "a mei, Herr Ministerpräsident, des war jetzat fast a richtige Beleidigung. I kum nämlich aus Öding, auf hochdeutsch also aus Altötting", habe er mit einem Augenzwinkern erwidert. "Und dann habe ich, so gut ich es eben noch konnte, ihm auf bayerisch erläutert, was meine Herkunft ist und warum ich mich nach wie vor in Oberbayern beheimatet fühle." Da wäre es auf einmal kein Problem mehr gewesen, dass er mehr Zeit für seinen Vortrag bekommen hätte. "Ja wenn ich das gewusst hätte ..." Die FDP habe ihre Förderung dann doch nicht erhalten.

Als Flüchtlingskind nach Oberbayern gekommen

Auf die Welt kam er 1944 in Frankfurt an der Oder. "Ich bin damals als Flüchtlingskind, gemeinsam mit meinen Eltern und drei Geschwistern 1953 nach Kirchweidach gekommen", erinnert sich Pfeiffer. Seine Familie seien alle Bauern gewesen, sein Vater habe sich gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR ausgesprochen. "Da mussten wir auf einmal Hals über Kopf unsere Heimat verlassen." 

Es sei erstmal ein Kulturschock gewesen. "Wir waren arm, keine Katholiken sondern Protestanten und verstanden natürlich auch erstmal die bayerische Mundart nicht", berichtet er. "Alles was wir erstmal  hatten, waren die Kleider am Leibe, da war unsere Ankunft erstmal von Sorgen geprägt."

Doch die Aufnahme in der neuen Heimat sei dann überraschend herzlich und freundlich gewesen. "Wir kamen auf einen relativ großen Bauernhof mit vielen Landwirtschaften drum herum", berichtet Pfeiffer, "Die Nachbarn waren alle sehr hilfsbereit, alle ohne Ausnahme fragten, ob wir Hilfe brauchten."

Nicht nur schöne Erinnerungen an die Schulzeit

An die Zeit auf der Grundschule habe er dann nicht nur schöne Erinnerungen. "Wenn es einem Lehrer zu bunt wurde, dann haben die recht heftig zugeschlagen. Da hat man bald gewusst, wie man sich verhalten musste, um Schmerzen zu vermeiden."

Auch die katholische Glaubenswelt sei habe zunächst befremdlich gewirkt. "Ich als einziger Protestant saß da dann ganz hinten im Religionsunterricht und durfte mir anschauen, wie der Pfarrer ein eindrucksvolles, farbiges Bild vorführte, auf dem die Kinder die Qualen der Hölle zu sehen bekamen. 'Da kommt ihr hin, wenn ihr schwer sündigt', sagte er, aber ich dachte mir nur: 'Zum Glück bin ich evangelisch, mich betrifft das alles nicht'."

Prägendes Erlebnis in Mühldorf

Mit dem Besuch des Ruperti-Gymnasiums in Mühldorf kam es dann auch zu einer Umstellung. "Ich bin da anfangs immer um 5 Uhr in der Früh mit dem Radl zum Bahnhof gefahren. Im Winter ging das dann aber wegen des hohen Schnees nicht mehr." Es habe sich dann aber eine Mühldorfer Bäuerin gefunden, bei deren Familie er für die nächsten drei Jahre immer gewohnt habe.

"Dann starb der Mann der Bäuerin und sie stellte einen Mitarbeiter an, der mit seiner Ehefrau dort auf dem Hof einzog." Das Ehepaar sei im Nachbarzimmer einquartiert worden, gleich in der ersten Nacht sei er dann von den Schreien der Frau geweckt worden. Der Mitarbeiter hatte sich gegen ihren Willen über sie hergemacht. "Ich habe dann die Bäuerin alarmiert, die dem Mann mit der Polizei gedroht hat, worauf er das Weite suchte."

Am nächsten Tag habe sich die Frau dann bei ihm bedankt. "Ich fragte: Kommt der jetzt ins Gefängnis? Sie antwortete: 'Das siehst du falsch. Als Ehefrau muss ich ihm zu willen sein, sonst macht er es mit Gewalt." Dieses Erlebnis habe ihn nachhaltig geprägt. Vergewaltigung war bis 1997 als "außerehelich" definiert, Vergewaltigung in der Ehe war somit "nur" gemäß Paragraph 240 des Strafgesetzbuchs (Nötigung) strafbar.

Jahre später Chance, politisch etwas zu bewirken

"Jahre später, im Jahr 1992 hatte ich dann die Chance als Kriminologe eine repräsentative Opferbefragung von 7500 Frauen aus ganz Deutschland zu machen", berichtet Pfeiffer, "Da zeigte sich: Für die meisten Frauen war der gefährlichste Mann der Ehemann, wenn es um körperliche und sexuelle Gewalt ging. Da musste die Politik etwas unternehmen!"

Die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser Schnarrenberger (FDP).

Es sei ihm dann auch nur knapp gelungen, die damalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) davon zu überzeugen, hier tätig zu werden. "Wir hatten sie zu einem Vortrag eingeladen und sie wollte eigentlich rasch wieder weg. Doch dann hat uns der Hausmeister, weil wir die letzten beiden im Saal waren, versehentlich eingesperrt." In der halben Stunde, die es brauchte, bis der Fahrer der Ministerin das bemerkt und für die Öffnung der Türe gesorgt hatte, habe er es geschafft, sie auf seine Seite zu ziehen. 

"Binnen 14 Tagen hatte jeder Bundestagsabgeordneter den Bericht und sie schaffte, es, eine Mehrheit dafür hinzubekommen." Im Mai 1997 stimmte in namentlicher Abstimmung eine Mehrheit der Abgeordneten, vom Fraktionszwang befreit, für einen fraktionsübergreifenden Gruppenantrag der weiblichen Abgeordneten und für die rechtliche Gleichstellung ehelicher und außerehelicher Vergewaltigung.  Seitdem ist auch die Vergewaltigung in der Ehe nach Paragraph 177 des StGB strafbar.

Im zweiten Teil unseres Interviews am Mittwochnachmittag wird Christian Pfeiffer dann berichten, wie er mit Altöttinger Alt-Landrat seinen ersten und einzigen Vollrausch erlebte.

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