Pfleger der Mühldorfer CoVid-Klinik berichtet

"Die Zahlen, die man in den Medien hört, werden in der Arbeit zu Bildern"

So ist der Arbeitsalltag einer Pflegekraft der der CoVid-Klinik Mühldorf in der Corona-Krise
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Armin Tietze, Pflegekraft und Bereichsleitung auf der Station 2.2. und 3.2. des Mühldorfer Klinikums berichtet über den Arbeitsalltag in der Corona-Krise.

Mühldorf am Inn - Wir haben erneut nachgefragt, wie es den Mitarbeitern der CoVid-Klinik Mühldorf geht. Diesmal berichtet eine Pflegekraft unmittelbar, wie ihr Arbeitsalltag nun ausschaut.

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Im Zuge der Corona-Krise war Mitte März beschlossen worden, die stationären Covid-19-Patienten der Landkreise Altötting und Mühldorf auf Mühldorf zu konzentrieren und damit die anderen drei Häuser des Klinikverbunds "virenfrei" zu halten. Anfang April wurde bekannt, dass sich etliche Mitarbeiter des Mühldorfer Klinikums mit dem Coronavirus infiziert hatten. Zudem beklagten Ärzte des Klinikums knapp werdende Schutzausrüstung. In der Folge sprach innsalzach24.de mit zwei Oberärzten des Krankenhauses. Diese berichteten allgemein über die Lage des Klinikums und seiner Mitarbeiter. Etwa zwei Wochen danach haben wir nun noch einmal nachgefragt. Diesmal sprachen wir mit Armin Tietze. Er ist Pflegekraft und Bereichsleitung von zwei Pflegestationen.


Wie läuft ein typischer Arbeitstag eines Mitarbeiters in der Klinik ab? 

Tietze: Aktuell arbeiten wir in Kleinteams. Immer zwei Mitarbeiter betreuen zwischen sieben und zehn Patienten. Wir haben versucht, unsere Abläufe so zu strukturieren, dass wir möglichst ressourcenschonend arbeiten und Schutzausrüstung sparen. Der Alltag ist durch das An- und Ablegen der Schutzkleidung jedoch zeitintensiver geworden. Bei Schichtwechsel finden die Übergaben ebenfalls ins Kleinstgruppen und in möglichst großen Räumen statt, um größtmögliche Abstände einhalten zu können. 


Früher war es so, dass wenn ein Patient etwas benötigt hat, man einfach in das Zimmer reingegangen ist. Natürlich kümmern wir uns jetzt genauso um unsere Patienten. Aber man fragt zum Beispiel erst nach, ob ein Kollege oder eine Kollegin bereits Schutzausrüstung trägt und das übernehmen kann. Die Aufgaben sind konzentrierter geworden. Wir versuchen einen Kompromiss zu finden, zwischen ausreichendem Kontakt mit den Patienten, aber gleichzeitig das Zimmer so wenig wie möglich zu betreten.

Müssen im Vergleich zu früher mehr Maßnahmen zum Infektionsschutz im Arbeitsalltag beachtet werden? 

Tietze: Die Basishygieneregeln galten natürlich bereits vor der Pandemie, durch den häufigen Wechsel der Schutzkleidung ist aber zum Beispiel die Häufigkeit der Handdesinfektion erhöht. Jeder Mitarbeiter hat eine persönliche Schutzausrüstung, die wir beim Kontakt mit den Patienten tragen und die regelmäßig gewechselt wird. Außerhalb der Zimmer trägt jeder durchgehend einen Mund- und Nasenschutz. 

Außerdem führt jeder Mitarbeiter ein Infektionstagebuch und misst zweimal täglich seine Körpertemperatur, damit Infektionen möglichst schnell erkannt werden. Wie bereits erwähnt arbeiten wir in Kleinstgruppen und führen Besprechungen mit möglichst großem Abstand durch, um eine gegenseitige Ansteckung zu verhindern. Wir halten eine Distanz untereinander ein und verbringen daher auch unsere Pausen alleine. In den Patientenzimmern werden häufiger ausgiebige Flächendesinfektionen durchgeführt als bisher.

Das Corona-Zentrum im Landkreis Mühldorf

 © fib/Eß
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Wie hat sich der Kontakt zu den Patienten verändert? 

Tietze:Die Zahlen, die man in den Medien hört, werden in der Arbeit zu Bildern. Man wird sich den Folgen erst richtig bewusst und lernt die individuellen Strukturen besser kennen, in die ein Patient eingebunden ist. Bei einem älteren Herren zum Beispiel, der seit zwei Wochen auf der Isolierstation liegt, übergeben wir Bilder, die sein Enkel gemalt hat, seine Frau ruft oft an und fragt nach dem befinden oder gibt frische Wäsche ab, die wir dann übergeben. 

Der Kontakt zu den Patienten ist viel intensiver. Wir sind die Schnittstelle zwischen Ärzten, Angehörigen und Patienten. Es werden von Patienten häufiger Fragen, zu gesundheitlich Themen, wie den aktuellsten Blutwerten ebenso wie zu ganz banalen Sachen gestellt. Ohne Besuch vereinsamen manche Patienten, hier helfen wir als Pfleger den Kontakt zu Angehörigen herzustellen, Sprechen mit den Patienten und holen wenn nötig Angebote im Haus zur Hilfe. Leider werden wir auch immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Durch das Besuchsverbot hat ein sterbender Patient seine Angehörigen nicht an seiner Seite, jetzt sind wir in dieser schwierigen Zeit begleitend für beide Seiten da.

Wie hat sich der Kontakt von Kollegen untereinander verändert? 

Tietze: Wir halten möglichst viel Distanz zueinander und verbringen unsere Pausen alleine. Die Kommunikation verläuft häufig elektronisch, unter anderem auch mit erkrankten Kollegen und Kolleginnen zu Hause. Jeder ist besorgt umeinander und bereitwillig zu helfen, wo es geht. Sei es eine Schicht zu tauschen oder für einen erkrankten Kollegen einkaufen zu gehen. Der Umgang mit einander ist sehr herzlich und wertschätzend. Nicht nur auf der eigenen Station, sondern stations- und durch die Fusion auch häuserübergreifend. Mein Eindruck ist, dass die Krise uns stärker zusammenschweißt.

Wie erleben Sie die Wertschätzung der eigenen Arbeit durch die Öffentlichkeit? 

Tietze: Ich denke, jeder freut sich sehr über Anerkennung. Ich bin seit über 20 Jahren in diesem Job tätig, fühle mich aber nicht "besonderer" als andere Berufe wie Reinigungskräfte, Verkäufer oder eine Mutter, die mit ihren Kindern zu Hause ist. Jeder von uns leistet seinen Teil. Ich finde es jedoch wichtig, dass die Diskussion über die Pflege, die aktuell in der Öffentlichkeit geführt wird, auch nach der Pandemie fortgesetzt wird. Dabei geht es nicht primär ums finanzielle, sondern um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Regeln zur Personalbesetzung. Meiner Meinung nach, muss sich im Denken etwas ändern. Man muss sich fragen, wie viel ist uns die Versorgung mit Pflegepersonal wert und wie viel müssen wir investieren, damit bald ausreichend Pflegepersonal vorhanden ist.

hs

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