Fliegerbombe in Mühldorf entdeckt

Nach der Evakuierung: Käsesemmel im Schlafanzug

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Machten in der Turnhalle bei Käsesemmel mit Tomate das Beste aus dem Abend: Gudula und Walter Pollwein.
  • schließen

Mühldorf - Mehr als 1500 Mühldorfer mussten wegen des Bombenfundes ihre Häuser verlassen. Einige von ihnen kamen in Turnhallen unter - und nahmen es recht gelassen.

Die Aufregung war verständlicherweise groß bei Gudula Pollwein: "Ich bin nach Hause gekommen von meiner Turnstunde und war ganz überrascht, dass ich nicht zum Haus durfte. Ich war natürlich dann sehr besorgt, weil mein Mann alleine zu Hause geblieben war." Die 85-jährige Mühldorferin ist sehr fit, geht regelmäßig zur Gymnastik und berichtet unaufgeregt über die Evakuierung nach dem Bombenfund. Die Ungewissheit machte ihr aber doch zu schaffen. Als sie wegen der Evakuierung nicht mehr nach Hause durfte, habe sie schließlich nicht gewusst, was mit ihrem Mann ist.

"Die Feuerwehr war draußen, wollte mich rauslocken"

Der Ticker zum Bombenfund zum Nachlesen

Aus heiterem Himmel traf die Nachricht vom Bombenfund auch Peter Tanner. Der 65-Jährige war zwar zu Hause, hatte aber zunächst nichts mitbekommen. Seine Frau war gerade beim Volleyball und verständigte ihn telefonisch, dass in Bahnhofsnähe evakuiert werden muss. "Ich wusste davon gar nichts und habe mich gefreut: Naja, gut, dann geht der Kelch an mir vorüber. Kaum hatte ich mich wieder hingesetzt, hat's geläutet und dann stand die Feuerwehr draußen und wollte mich rauslocken." Eigentlich habe er kurz überlegt, ob er sich im Keller verstecken soll, scherzte Tanner. Dann hat er aber doch schnell ein paar Sachen zusammengepackt und ist mit dem Fahrrad zur Turnhalle der Berufsschule gefahren.

Dort war die erste Anlaufstelle für alle Mühldorfer, die nicht schnell bei Verwandten unterkommen konnten. Die Turnhalle des Ruperti Gymnasiums hätte als zweite Unterkunft bereit gestanden, falls die Turnhalle der Berufsschule überfüllt gewesen wäre. Gudula Pollwein, völlig im Ungewissen darüber, wie es ihrem Mann geht, wurde von ihrem hilfsbereiten Nachbarn zur Berufsschule gebracht. "Da habe ich dann sofort meinen Mann entdeckt und habe ihn beruhigen können", erzählte die 85-Jährige.

Wasser, Limonade und Semmeln von den Helfern

Peter Tanner

Der Andrang in der Turnhalle war relativ gering. Zwar trudelten in den Abendstunden regelmäßig Mühldorfer ein, viele Sitzplätze blieben aber glücklicherweise frei. Das BRK meisterte die Situation problemlos. Am Eingang der Turnhalle wurden die Ankommenden registriert, jeder konnte sich sofort Wasser, Limonade und eine Semmel nehmen. Einige kamen schließlich gerade von der Arbeit oder vom Sport und waren hungrig. Die aufmerksamen Helfer vor Ort waren ständig mit Semmeln unterwegs und fragten jeden ohne Backwerk in der Hand, ob er zugreifen möchte.

Für Gudula Pollwein gab es ein Exemplar mit Käse und Tomate, vegetarisch also. "Dabei ist heute doch gar nicht Freitag", scherzte die 85-Jährige. Sie und ihr Mann Walter nahmen die Situation gelassen hin, die hektischen Ereignisse zuvor waren ihnen nicht anzumerken. Lediglich Walter Pollweins Schlafanzughose und Gudula Pollweins rosa Oberteil, das sie bei der Turnstunde getragen hatte, zeugte vom relativ plötzlichen Aufbruch in die Turnhalle.

Süßigkeiten von der Bürgermeisterin

Die Mühldorfer versuchten, das Beste aus der Situation zu machen. "Ich muss das Beste daraus machen. Was anderes bleibt mir nicht übrig", sagte Gudula Pollwein und Peter Tanner kommentierte die Situation mit einem schlichten "Shit happens". Die Unterbringung in der Turnhalle hatte schließlich auch ihre Vorzüge, und so nutzten ein paar Kinder und Erwachsene die Gelegenheit, um ein bisschen Fußball zu spielen.

Eine den Umständen entsprechend gute Stimmung unter den Betroffenen war auch der Wunsch von Bürgermeisterin Marianne Zollner. Das Stadtoberhaupt war selbst zur Berufsschule gekommen, um mit den Menschen zu sprechen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Es gehe darum, dass die Zeit vergeht, kein Unmut entsteht und dass man allen, denen es schlecht geht, helfen kann, so Zollner. Als kleine Stimmungsaufheller hatte die Bürgermeisterin Süßigkeiten für die Kinder im Gepäck.

Peter Tanner saß auf gepackten Koffern

Diese Fliegerbombe wurde am Mittwochnachmittag in Mühldorf gefunden.

Bei allem Engagement der Helfer hofften die Betroffenen freilich, möglichst bald wieder nach Hause zurückkehren zu können. Eine Entschärfung noch vor Mitternacht war zwar das Ziel der Einsatzkräfte, eine Nacht in der Turnhalle konnten die ausquartierten Mühldorfer aber nicht ganz ausschließen. "Wir wollen morgen in Urlaub fahren", erzählte Peter Tanner. Mit seiner Ehefrau geht's nach Venedig, dort soll am Wochenende der vierzigste Hochzeitstag gefeiert werden. Anschließend will das Ehepaar gemeinsam mit den drei Töchtern, zwei Enkeln und der Schwiegermutter eine Woche in der Toskana verbringen. "Es ist alles gepackt, das Auto steht schon fertig in der Garage. Da würde ich gerne vorher noch ein bisschen schlafen, bevor ich losfahre", sagte der 65-Jährige.

Peter Tanner hatte Glück. Bereits gegen 23.30 hatte der Sprengmeister die Bombe entschärft und die Feuerwehren konnten damit beginnen, die Menschen zurück in ihre Häuser zu bringen. Venedig wird also einen um ein Erlebnis reicheren, aber einigermaßen ausgeschlafenen Peter Tanner erleben.

Bombenfund in Mühldorf - die Bilder des Abends:

Bombenfund in Mühldorf (1)

Bombenfund in Mühldorf (2)

Interview mit der Polizei zur Lage am Mittwochabend:

Zurück zur Übersicht: Mühldorf am Inn

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser