Barrierefreiheit

Blind im Alltag: Selbstversuch der Bürgermeister

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Mit dem Tunnelblick ein Smartphone bedienen? Neumarkt-St. Veits Bürgermeister Erwin Baumgartner versucht es zumindest
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Mühldorf - Vier Bürgermeister aus dem Landkreis Mühldorf wagten den Selbstversuch: Wie kommt ein sehbehinderter Mensch im Alltag zurecht? Und wie findet er den Bahnhof?

Wie soll ein Blinder etwas im Café bestellen, wenn er die Speisekarte nicht kennt? Wie soll jemand, der nur noch einen grauen Schleier vor Augen hat, ein Stück Kuchen essen ohne zu kleckern? Und noch viel wichtiger: Wie kommt man als Sehbehinderter überhaupt wieder nach Hause?

Tunnelblick, grauer Star, völlige Blindheit

Mühldorfs Bürgermeisterin Marianne Zollner sah mit ihrer Brille nur noch verschwommen, der Behindertenbeauftragte Erich Brunnhuber hatte den Tunnelblick (zum Vergrößern Bild anklicken)

Der Landtagsabgeordnete Günther Knoblauch wollte, dass die Bürgermeister der großen Städte und Gemeinden im Landkreis Mühldorf den Selbstversuch wagen. Marianne Zollner aus Mühldorf, Sissi Schätz aus Haag, Robert Pötzsch aus Waldkraiburg und Erwin Baumgartner aus Neumarkt-St. Veit hatten gemeinsam mit Bauhofmitarbeitern und Behindertenbeauftragten ihrer Gemeinden eigentlich ganz einfache Aufgaben: Im Café Egger sollten sie etwas zu essen bestellen und nach der Mahlzeit zum Mühldorfer Bahnhof spazieren. Der Haken: Bei diesen Aufgaben mussten sie spezielle Brillen beziehungsweise Augenbinden tragen, um entsprechende Sehbehinderungen zu simulieren. Einige hatten dadurch nur noch einen Tunnelblick, also ein sehr enges Sehfeld, andere sahen alles durch einen milchigen Schleier, ganz wie bei einem grauen Star, und Sissi Schätz simulierte mit einer Augenbinde sogar völlige Blindheit. Zur Sicherheit wurden sie alle von Fachleuten des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes angeleitet.

Speisekarte lesen? "Keine Chance"

So gehandicapt scheiterten viele schon an einfachsten Aufgaben. "Lesen und so weiter ist überhaupt nicht möglich", sagte etwa Robert Pötzsch, der wegen seiner Brille alles nur noch verschleiert sah. "Ich erkenne die Menschen nur noch schemenhaft. Ich muss warten, dass jemand auf mich zukommt und was sagt." Ob er damit auch nur ansatzweise die Speisekarte entziffern könne? "Keine Chance", sagte Pötzsch, alles sei total verschwommen.

Bürgermeister Robert Pötzsch (sitzend, mit Günther Knoblauch) versuchte sein Bestes, konnte die Speisekarte aber nicht entziffern

Etwas besser ist es Christian Kubasch von der Südostbayernbahn ergangen. Immerhin konnte er mit seiner Tunnelblick-Brille noch zwei kleine Punkte – je einen pro Auge – klar und deutlich sehen. Die Speisekarte zu lesen fiel ihm dennoch schwer. Links und rechts konnte er zwar sehen, die Mitte der Speisekarte war aber im wörtlichsten Sinne ausgeblendet. Um ganze Sätze lesen zu können, musste Kubasch den Kopf ständig hin und her bewegen und Wort für Wort mit einem Auge einzeln erfassen. "So extrem hätte ich mir das nicht vorgestellt", so Kubasch.

"Ich kämpfe, ob ich sie noch auflasse"

Auch die Uhr zu lesen kann zur unlösbaren Aufgabe werden

Mit einem Tunnelblick zu lesen, zu essen und zu trinken ist vor allem auch eines: anstrengend. "Wenn ich die Tasse an den Mund führe, muss ich ganz gewissenhaft mitdenken", erklärte Erich Brunnhuber, Behindertenbeauftragter der Stadt Mühldorf, der die gleiche Brille wie Kubasch trug. Er trage die Brille zwar erst seit zehn Minuten, doch es werde schon unangenehm. "Ich kämpfe schon mit mir, ob ich sie noch auflasse."

Doch im Café war die Aufgabe ja noch lange nicht bewältigt. Noch saßen die Gäste von Günther Knoblauch am Tisch, waren keiner Gefahr ausgesetzt. Nun mussten sie aber noch – sicherheitshalber gemeinsam mit ausreichend vielen sehenden Begleitern – bis zum Bahnhof gehen. Ein Fußweg von etwa 100 Metern, der die vorübergehend Sehbehinderten vor große Herausforderungen stellte.

Das bedeuten die weißen Platten am Bahnhof

Gerade für die völlig blinde Sissi Schätz waren so banale Dinge wie Randsteine von unschätzbarem Wert; Autos, die etwas schief geparkt in den Gehweg hineinragten, waren auf einmal große Hürden. Selbst ein zu niedrig angebrachtes Verkehrsschild kann einem Blinden gefährlich werden. Im Bahnhof selbst kamen Schätz und ihre Mitstreiter aber wieder besser voran. Weiße Rippen- und Noppenplatten bieten Sehbehinderten dort die nötige Orientierung.

Die Rippen- und Noppenplatten am Bahnhof sind für Sehbehinderte von unschätzbarem Wert

Die für Blinde mit dem Blindenstock und den Füßen spürbaren Noppenplatten sind sogenannte "Aufmerksamkeitsfelder" und signalisieren, dass eine Richtungsänderung, eine Tür oder eine Abzweigung kommt. Die Rillen der Rippenplatten zeigen den Sehbehinderten hingegen an, wo sie sicher entlanggehen können. Auch denjenigen, die noch schemenhaft sehen können, helfen diese Platten, weil sie aufgrund ihrer Farbe einen deutlich erkennbaren Kontrast darstellen.

Pötzsch findet die Treppe

Haags Bürgermeisterin Sissi Schätz war völlig blind, Robert Pötzsch konnte sich am Bahnhof an den Kontrasten am Boden orientieren

Mithilfe von Kontrasten erkannte Robert Pötzsch im Bahnhof trotz des Schleiers vor seinen Augen die erste Stufe der Treppe. Diese ist ganz bewusst mit einem gelben Streifen markiert. "Der Kontrast ist wichtig. Ohne siehst du die Stufe nicht", sagte Pötzsch hinterher. Insgesamt zeigte sich der Waldkraiburger Bürgermeister vom Selbstversuch beeindruckt. "Es ist gut, mal zu erkennen, was das bedeutet." Es genüge eben nicht, einfach einen weißen Strich zu zeichnen, sondern es stecke mehr dahinter, so Pötzsch.

Wie sehr der Teufel im Details steckt, merkte auch Christian Kubasch von der Südostbayernbahn. So waren in der Bahnhofshalle zwei Bänke und zwei Mülleimer direkt nehmen den Rippenplatten aufgestellt – für Blinde viel zu nah. Spätestens seit dem Selbstversuch, bei dem Kubasch selbst mit einem Blindenstock an den Bänken anstieß, ist ihm das glasklar.

Sehbehinderung versus Gehbehinderung

Der Selbstversuch verdeutlichte auch, wie kompliziert es ist, die Barrierefreiheit – auch für Sehbehinderte – bei Bauvorhaben zu berücksichtigen. Dabei kann es durchaus zu Konflikten kommen. Die Mobilitätseinschränkung sei der "sogenannte Gegenspieler" der Sehbehinderung, sagte Christine Degenhart, Sprecherin der Beratungsstelle "Barrierefreies Bauen" der Bayerischen Architektenkammer. So sei eine Bordsteinkante für einen Sehbehinderten gut (als Orientierungshilfe) und für einen Menschen mit Rollator schlecht.

Christine Degenhart

Brigitte Lindmeier, Bezirksgruppenleiterin des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes, stellte klar: Barrierefreiheit bedeute nicht, einfach den Bordstein abzusenken. "Für einen Blinden oder Sehbehinderten Menschen kann die Situation lebensgefährlich sein." Eine Option seien deshalb differenzierte Querungshilfen, also etwa auf einer Seite für Sehbehinderte und auf der anderen Seite für Gehbehinderte. Insgesamt wichtig für Blinde im öffentlichen Raum sind sogenannte Leitlinien, an denen man sich orientieren kann, wie eben etwa Randsteine.

"Alleine wäre ich nie hierher gekommen"

Expertin Kathrin Schreck erklärte gemeinsam mit Marianne Zollner, wie man Blinde führt

Die größte Hilfe ist in vielen Situationen aber schlicht ein Mensch, der sehen kann und dem Sehbehinderten hilft, sei es beim Entziffern der Speisekarte oder beim Treppensteigen. Kathrin Schreck, ambulante Rehabilitationslehrerin, zeigte gemeinsam mit der vorübergehend sehbehinderten Marianne Zollner, wie man am besten spazieren geht. Hakt sich der Sehbehinderte am linken Arm ein, sollte der Begleiter immer zuerst mit dem linken Fuß losgehen. So bekomme der Sehbehinderte am schnellsten ein körperliches Signal. Treppensteigen funktioniert genauso. "Sie kriegt sofort das Signal von mir: Es geht abwärts", erklärte Schreck.

Über Körpersignale kann ein Sehbehinderter der Expertin zufolge weit besser geführt werden als mit Worten. Nicht selten sei es zum Sprechen zu laut (und anschreien wolle man sich auch nicht), manchmal sei der Sehbehinderte auch schwerhörig oder spreche eine andere Sprache.

Am Ende des Selbstversuchs war den Bürgermeistern klar, mit welchen Herausforderungen Sehbehinderte kämpfen müssen und auf wie viel Hilfe sie mitunter angewiesen sind. Sissi Schätz etwa konnte am Bahnhof nicht genau sagen, welche Weg sie vom Café Egger aus gegangen war. Und eines stand für sie ebenfalls fest: "Alleine wäre ich niemals bis hierher gekommen."

Der Selbstversuch in Bildern

Blind vom Café zum Mühldorfer Bahnhof

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