Mühldorfer Weißbier

Nach 92 Jahren stellt die Brauerei Unertl den Braubetrieb in Mühldorf ein

Die Brauzeit in Mühldorf geht zu Ende: Silke und Wolfgang Unertl vor dem alten Brauhaus, in dem derzeit noch die Spezialbiere hergestellt werden. Wie das Weißbier ziehen auch sie Ende März nach Aldersbach um.
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Die Brauzeit in Mühldorf geht zu Ende: Silke und Wolfgang Unertl vor dem alten Brauhaus, in dem derzeit noch die Spezialbiere hergestellt werden. Wie das Weißbier ziehen auch sie Ende März nach Aldersbach um.

Sie war die letzte von Dutzenden Brauereien in Mühldorf: Die Weißbierbrauerei Unertl. Auch ihre Geschichte geht jetzt zu Ende, das Mühldorfer Bier wird künftig komplett in Aldersbach gebraut. Weißbräu Wolfgang Unertl verspricht aber, mit einer Hausbrauerei zurückzukehren.

Mühldorf – Der 31. März wird zu einem einschneidenden Tag. Denn an diesem Mittwoch endet die Brauereigeschichte Mühldorfs. Nach 92 Jahren stellt das letzte Brauhaus, die Weißbierbrauerei Unertl ihren Braubetrieb ein. Schon seit geraumer Zeit lässt Unertl die großen Mengen – das Weißbier und die Leichte Weiße – bei Aldersbacher herstellen. Ende März soll auch die Produktion der Dinkelweiße oder des Gourmetweißbiers verlagert werden. Der Weißbräu sagt allerdings, dass er mit einer Hausbrauerei weitermachen will.


Das alte Unertl-Brauhaus gehört zu den Wahrzeichen der Altstadt mit seinem hohen Giebel, dem Familienschriftzug und dem alles überragenden Schornstein. Und es gehört zu den großen Problemen, mit denen Mühldorfs letzter Bräu zu kämpfen hat: dem knappen Platz, dem Denkmalschutz, der Lage in der Altstadt. „Mit dem alten Werk, wären wir nicht mehr konkurrenzfähig“, sagt Unertl unsentimental. Deshalb bleibt ab April in Mühldorf bleibt nur noch der Vertrieb für die Region, die Produktion geht ins Niederbayerische.

Schon seit Längerem in Aldersbach


Deshalb ist Unertl schon vor Monaten eine Kooperation mit der Brauerei Aldersbacher eingegangen, die seitdem den größten Teil des Mühldorfer Biers braut, streng nach den Rezepten und Bio-Vorgaben aus Mühldorf. Er selbst ist für den Vertrieb zuständig. Sein Urteil über die Zusammenarbeit: „Es ist ein Segen, es ist der richtige Weg.“ Denn auch Unertl selbst zieht es in Richtung Aldersbach, in der Nähe hat er ein Haus gekauft. Für den 55-Jährigen ist das eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. „Mein Urgroßvater hatte dort vor 100 Jahren eine Brauerei.“

Mühldorfs ehemaliger Bürgermeister Günther Knoblauch muss erst einmal durchatmen, als er die Nachricht hört. „Wie stolz wir Mühldorfer auf unser Bier waren“, sagt er. 24 Jahre stand er bis 2014 an der Spitze der Stadt, seine Vorgängerreihe sei von Brauern geprägt, Bierproduzenten gehörten zu den wichtigsten Familien der Stadt. Zuletzt neben den Unertls auch die Turmbrauerei, die den Betrieb 1967 eingestellt hat. „Man kann sich das gar nicht vorstellen“, sagt Knoblauch, der die wirtschaftlichen Gründe nachvollziehen kann. Zu groß, um als Hausbrauerei überleben zu können, zu klein, um den Großen Konkurrenz zu machen. Und dazu: Corona.

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Von 11 000 Hektolitern spricht Unertl, die seine Brauerei in Spitzenzeiten hergestellt hat. Um die Corona-Auswirkungen zu beschreiben, nennt er nur eine Zahl: 80 Prozent des Umsatzes machten Wirtshäuser und Feste aus. Bis 2020. Seitdem: Null.

Lange Jahrzehnte hat die Familie Unertl Mühldorf geprägt – nicht nur mit ihrem Bier. Vom im Jägerhof am Stadtplatz bis zum privaten Stüberl auf dem Brauereigelände, die Familie war über Jahrzehnte ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor. Vor allem Mutter Ingrid zog bis zu ihrem Tod im Dezember 2016 die Fäden, wer bei ihr zum Essen eingeladen war, hatte es geschafft. Manche politische Entscheidung wurde auf der Eckbank im Stüberl oder an der großen Tafel in den Privaträumen zumindest vorbereitet. Ihre Beziehungen auch in hohe Münchner Kreise brachte Prominente nach Mühldorf.

Volksfest und Hausbrauerei

Vater Wolfgang Unertl war politisch aktiv, saß lange für die CSU im Stadtrat und im Kreisrat, war Vorsitzender des Gaststättenverbands im Landkreis. Als Festwirt war er das Gesicht des Weißbierzelts, wenn er als Gastgeber durch dir Reihen ging. Er starb ein Jahr nach seiner Frau. Im November 2018 die Schwester des Juniorchefs Claudia Unertl-Bartels.

Insofern ist die Schließung des Brauereibetriebs für Wolfgang Unertl nicht nur wirtschaftlich der konsequente nächste Schritt: „Ich habe wesentlich beigetragen“, sagt er über sein Engagement in den letzten Jahren. „Aber jetzt bin ich niemandem aus der Familie mehr verpflichtet.

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Seit 1960 führen die Unertls auch das Weißbierzelt auf dem Volksfest, unterbrochen nur durch den Corona-Ausfall im vergangenen Jahr. Das Zelt will Unertl weiter betreiben, wenn es denn mal wieder ein Fest gibt.

Dass der 31. März den endgültigen Abschluss der Brautätigkeit in Mühldorf bringen wird, glaubt Unertl nicht. Er hat eine kleine Hausbrauerei im Sinn, die an ein bestehendes Wirtshaus andocken könnte. „Wir haben das Ansinnen, eine neue Braustätte in Mühldorf zu betreiben.“ Bis diese Pläne aber Gestalt annehmen, sagt Unertl, könnten noch ein oder zwei Jahre ins Land gehen. Und damit viel Wasser den Inn hinunter und Mühldorfer Weißbier aus Aldersbach durch die Kehlen fließen.

Aus der Brauerei wird eine Wohnsiedlung

Das Gelände der Brauerei ist bereits verkauft, ein Bauträger aus Landshut hat den Grund und einen Teil der Häuser an der Weißgerberstraße gekauft. Inzwischen liegt auch ein Bauantrag bei Stadt und Landratsamt vor. Zu Details will sich das Unternehmen Oberhauser noch nicht äußern, Christian Velat macht aber klar, dass die Planung mit Stadt und Landratsamt abgestimmt seien. Nach seinen Angaben werden dort Wohnungen gebaut, eine Tiefgarage, dazu soll ein Grünzug entstehen. Die Höhen entsprächen den Gebäudehöhen der umliegenden Gebäude, sagte Velat. Über einen Zeitplan wollte er noch nichts sagen. „Es ist aber nicht geplant in den nächsten Wochen loszulegen.“

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Die ersten Pläne für das Gelände waren im Stadtrat glatt durchgefallen. Sie stammten allerdings von einem anderen Investor und sahen eine starke Verdichtung mit deutlich höheren Häusern als derzeit vor. Auch für die Häuser an der Weißbergerstraße hatte der frühere Investor deutlich höhere Ersatzbauten vorgesehen. Davon ist laut Velat jetzt keine Rede mehr, für die Häuser an der Weißgerbestraße gebe es noch keine Pläne.

Er ist sicher, dass die Bebauung dem Gelände eine deutliche Aufwertung beschert. Statt alles für einen Gewerbebetrieb zu versiegeln, werde jetzt eine verträgliche Bebauung geplant, die sich in die Nachbarschaft einpasse.

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