"Haarscharf unter Hartz-IV-Niveau"

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Mühldorf/Altötting: Immer mehr Menschen in der Region sind auf einen Nebenjob angewiesen. Für die Gewerkschaften kann nur ein Mindestlohn Abhilfe schaffen.

Immer mehr Menschen in der Region reicht der Lohn aus ihrem Hauptjob offenbar nicht mehr zum Leben. Der Trend in den Landkreisen Mühldorf und Altötting geht zu Zweit-, ja sogar zu Drittjobs. Gewerkschafter sprechen vom Phänomen der "Multijobber".

„Wir haben das Phänomen der Multijobber. Das sind Menschen, die mit dem Geld, das sie in ihrem Hauptjob verdienen, nicht mehr auskommen", erläutert Rainer Wessely, Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Rosenheim. Diese Menschen müssten schlicht auf einen oder mehrere Nebenjobs ausweichen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen. "Aus der puren Lust an einer 55- oder 60-Stunden-Woche macht das jedenfalls keiner", so Wessely.

Über 9000 "Multijobber" in der Region

Laut einer Untersuchung, die das Pestel-Institut in Hannover im Auftrag von Verdi und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) durchgeführt hat, sind im Landkreis Altötting 4510 Berufstätige auf einen Minijob als zusätzliche Einnahmequelle angewiesen. Im Landkreis Mühldorf liegt die Zahl sogar bei 4680.

Im zehn-Jahres-Vergleich ist die Zahl der Multijobber in beiden Landkreisen damit um beinahe 160 Prozent gestiegen. Nahezu jeder zehnte Beschäftigte verdient inzwischen in einem 400-Euro-Job etwas nebenher dazu.

Niedriglöhne trotz steigender Lebenshaltungskosten

Als Ursache für die prekäre Situation vieler Arbeitnehmer machen die Gewerkschafter Niedriglöhne und die steigenden Lebenshaltungskosten verantwortlich. "Das beste Beispiel ist das Wohnen. Hier dreht sich - nicht zuletzt wegen der Heiz- und Nebenkosten - die Preisspirale unaufhörlich nach oben. Da sind Niedrigverdiener gezwungen, nach Feierabend und an den Wochenenden noch einmal zur Zweitarbeit zu gehen", sagt Wessely.

Abhilfe oder zumindest Erleichterung könnte für Verdi und NGG ein Mindestlohn schaffen. "8,50 Euro pro Stunde – das ist der Mindestpreis, den Arbeit bei uns hat. Wer heute für weniger Geld arbeiten muss, der hat keine Chance, von dem, was er verdient, auch leben zu können", sagt der Geschäftsführer der NGG-Region Rosenheim-Oberbayern, Georg Schneider.

8,50 Euro "haarscharf über Hartz-IV-Niveau"

8,50 Euro ist für die Gewerkschafter die absolute Untergrenze, denn dieser Stundenlohn liege nur "haarscharf über dem Hartz-IV-Niveau", so Schneider. "Alles darunter bedeutet erhebliche Abstriche beim Lebensstandard. Und vor allem auch ‚Ebbe bei der Rente’ – Altersarmut ist so programmiert." Der Mindestlohn müsse daher in weiteren Schritten rasch angehoben werden.

Gewerkschaften haben "Dumpinglohnmelder" eingerichtet

Regional unterschiedliche Lohnuntergrenzen, wie sie die schwarz-gelbe Regierungskoalition in Berlin einführen möchte, bringt für die Gewerkschafter die Gefahr eines "Lohn-Flicketeppichs" mit sich. So könnten "Dumpinglohn-Löcher" entstehen, in die hinein dann "von skrupellosen Unternehmen die Aufträge vergeben" würden, warnt Wessely.

NGG und Verdi haben gemeinsam im Internet einen "Dumpinglohnmelder" eingerichtet. Dort sollen Beschäftigte die Gelegenheit bekommen, auf ihr geringes Einkommen aufmerksam zu machen.

Zwei Kundgebungen zum "Tag der Arbeit"

Den "Tag der Arbeit" am 1. Mai werden die Gewerkschaften dazu nutzen, auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Zur Kundgebung zum Tag der Arbeit im Bürgersaal in Burghausen hält Seppel Kraus, Landesbezirksleiter Bayern IG Bergbau Chemie Energie, gegen 10 Uhr einen Vortrag zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen.

In Waldkraiburg findet ebenfalls eine Kundgebung statt. Um 10 Uhr zieht ein Demonstrationszug vom Stadtplatz zum Graf Toerring Hof. Dort hält Christian Bindl von der katholischen Betriebsseelsorge der Erzdiözese München und Freising eine Rede.

Rubriklistenbild: © dpa

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