Geldstrafe wegen unterlassener Hilfeleistung

Mühldorf - Wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilte das Amtsgericht Mühldorf am Dienstag eine Mutter und ihre beiden Kinder zu Geldstrafen.

Sie hatten zu spät den Notarzt alarmiert, nachdem der Vater im Alkoholrausch von einer Leiter gestürzt und später im Krankenhaus gestorben war. Die Geschichte einer Familientragödie.

Für ein paar Minuten rückten im Saal 116 des Amtsgerichts die Paragraphen in den Hintergrund. Unter Tränen verlas die angeklagte Mutter eine Schilderung dessen, was sich am 7. Oktober letzten Jahres bei ihr zu Hause abgespielt hat. Es war zugleich der Versuch einer Erklärung, wie es zu dieser "emotionalen Gleichgültigkeit" kommen konnte, warum sie und ihre Kinder an diesem Tag nicht sofort den Notarzt alarmiert hatten.

"Er lag da wie immer", sagte die 52-Jährige. Und man muss sich dieses Bild vor Augen führen, um nur annähernd zu begreifen, was in der Familie in den letzten Jahren vorgefallen sein muss: Der Vater liegt kotverschmiert mit über zwei Promille in Unterhose und Unterhemd draußen auf dem Rasen. "Als ob er wieder einmal im Garten seinen Rausch ausschläft". Doch dieses Mal war es eben nicht "wie immer". Denn der Mann war zuvor von einer Leiter gestürzt und kämpfte mit dem Tod.

Seinen Anfang nimmt das Unglück vor über acht Jahren, als der Alkohol mehr und mehr zum Problem wird. "Die Sucht war immer stärker als die Liebe zur Familie", erzählt die Witwe, die den rasanten Absturz ihres Mannes Tag für Tag miterleben musste: abgebrochenen Therapien folgte der Verlust der Arbeitsstelle, ein Streit dem anderen. So gesehen bildete der 7. Oktober letzten Jahres keine Ausnahme. Wieder einmal war ihr Mann schon am Nachmittag mit einem Vollrausch nach Hause zurückgekommen, wieder einmal ging es lautstark zu. Der 53-Jährige hatte das Bad mit Fäkalien beschmutzt und weigerte sich sauber zu machen. Daraufhin warf ihn der 22-jährige Sohn gegen 19 Uhr aus dem Haus und versperrte die Eingangstür. Der Vater solle sich an der Regenwassertonne waschen, rief er ihm hinterher.

Eine Stunde später wollte der 53-Jährige wieder ins Haus, kletterte die Leiter zum Balkon hinauf und bat die beiden Kinder um Einlass. "Strafe muss sein", antwortete der Student daraufhin und ließ den Vater draußen stehen. Der stieg dann die Leiter wieder hinunter, stürzte ab und verletzte sich schwer.

Seine Frau war in der Zwischenzeit zum Turnen gegangen, Sohn und Tochter hielten sich im Haus auf. Erst die Nachbarn wurden auf das Röcheln des Mannes aufmerksam und sagten gegen 21 Uhr Bescheid. "Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ihnen doch bewusst, dass der Mann Hilfe brauchte", fasste Richter Heinrich Ott zusammen - und alle drei Angeklagten nickten. "Unsere Untätigkeit war falsch", gab die Mutter unumwunden zu. Denn es dauerte noch weitere 46 Minuten, ehe die Büroangestellte den Notarzt alarmierte. Der brachte ihren Ehemann mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma in die Kreisklinik, wo er zwei Tage später verstarb.

In einem Gutachten stellten die Rechtsmediziner heraus, dass selbst eine frühere Alarmierung den Tod nicht verhindert hätte. Auch die Gefahr einer folgenschweren Unterkühlung bestand an dem mit 19 Grad relativ milden Herbstabend offensichtlich nicht.

So war es von der ersten Minute des Prozesses an keine Frage der Schuld, sondern des Strafmaßes. Die ursprüngliche Anklage, die auf Aussetzung mit Todesfolge gelautet hatte, wurde aufgrund der fehlenden Tatbestände fallen gelassen, das Urteil wegen unterlassener Hilfeleistung gefällt. "Auch wenn es keine Entschuldigung ist: Man muss in diesem Fall auch den emotionalen Hintergrund beachten", erklärte Richter Ott bei der Urteilsverkündung. Mit 70 Tagessätzen á 40 Euro für die Mutter und jeweils zehn Euro für Sohn und Tochter folgte er eher dem Antrag der drei Verteidiger als des Staatsanwalts.

Noch im Gerichtssaal wurde das Urteil rechtskräftig. Damit ist zumindest juristisch die Sache erledigt. In der Familie wird diese Geschichte aber ganz andere Spuren hinterlassen. Da sind die paar Zahlen auf dem Kontoauszug das geringste Problem.

ha/Mühldorfer-Anzeiger

Rubriklistenbild: © dpa

Zurück zur Übersicht: Region Mühldorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser