Uriah Heep: Laut und kraftvoll

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Mühldorf - Ein betrügerischer Rechtsanwaltsgehilfe stand Pate: Uriah Heep heißt die Figur im Roman "David Copperfield", die der britischen Band einst ihren Namen gab.

Am Donnerstagabend eröffneten die Mannen um Urgestein Mick Box das elfte Sommerfestival im überdachten Haberkasten-Innenhof. Doch bei aller Nähe zu Charles Dickens und der Stadtbücherei Kornkasten: Von einem gemütlichen Leseabend hatte das Konzert nichts. Laut ging es zu. Und unerwartet hart.

Gleich mit den ersten Akkorden riss die Band, die sich gerade auf der Jubiläums-Tour anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens befindet, die rund 600 Besucher aus der Abendruhe: "Wake the sleeper", ein vor Kraft strotzender Hardrocktitel, gab die Richtung vor. Und erwischte diejenigen kalt, die nur wegen "Lady in black" gekommen waren. Verzweifelt wurde im Publikum so manche Tasche durchwühlt: Auf der Suche nach einem Tempo, um sich die Ohren zuzustopfen. Und auch die nächsten Nummern machten klar: Uriah Heep ist keine der Bands, die sich auf ihren in den 70ern errungenen Lorbeeren ausruht. Egal in welcher Formation: Die Briten haben sich in 40 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Jenseits von "Lady in black" geht es derzeit musikalisch hart zu, stets auf höchstem Niveau.

Doch natürlich enttäuschten Uriah Heep auch die weniger eingefleischten Fans nicht: Bernie Shaw (Gesang), Phil Lanzon (Keyboard), Russell Gilbrook (Schlagzeug), Trevor Bolder (Bass) und - allen voran - Ur-Heep Mick Box an der Gitarre zelebrierten "Free me" für ein sich nun entspannendes Publikum. Der typische mehrstimmige Gesang und der unnachahmliche Bassgroove in Verbindung mit dem Sound der Hammond-Orgel suggerierten die gewünschte Zeitreise in die Siebziger. Und Bernie Shaw, einer der letzten verbliebenen Hardrock-Shouter, bewies über mehrere Oktaven sein ganzes präzise angewandtes Stimmpotenzial. Überhaupt: Die Band präsentierte sich geschlossen eingespielt, frisch und sympathisch. Allen voran Mick Box zeigte nicht nur seine Trademark Licks mit viel Wahwah auf der Gitarre, sondern zeichnete auch noch, während er linkshändig Tappings spielte, mit der rechten Hand esoterisch, mystisch anmutende Handbewegungen in die Luft. Eine klasse Show der in die Jahre gekommenen Hardrockhelden der ersten Generation.

Und dann kamen die Hits: "Gypsy" und "July morning". Spätestens jetzt war auch der letzte Besucher dort angekommen, wo er an diesem Abend hinwollte: Im Uriah- Heep-Territorium. Enthusiastisches Klatschen, Singalong. Dazu "Easy Livin", ein Song, der wie kaum ein anderer das Bassspiel in der Rockmusik weg vom plumpen Wechselbass der frühen Tage hin zu schnellen Sololinien verändert hat. Begeisterter Applaus begleitete die Band nach der ersten Verbeugung. Der Beifall hielt an, denn - natürlich - da fehlte ja noch was: Erst stand mit "Sunrise" eine der besten Nummern des Abends auf dem Programm. Und dann na klar: "Aaaaaaahahaaaaaaaahahahaaaaaaaaahahahaaaaa".

"Lady in black": Der Song, den eigentlich niemand mehr hören kann, der aber schlicht zu einem Uriah-Heep-Konzert gehört. Das Volk frohlockte und sang, so wie es seit 40 Jahren auf der ganzen Welt Millionen von Uriah- Heep-Fans mit Begeisterung tun. Und so mancher verließ mit ein paar melancholischen Gedanken den Innenhof des Haberkastens, ehe er sich das Tempo aus den Ohren zog.

Mühldorfer Anzeiger

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