Pressemeldung Bündnis 90 / Die Grünen KV Mühldorf

Gemeinwohlökonomie - Andere Landkreise sind weiter

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Kirchanschöring setzt auf kompakte Siedlungsstrukturen

Landkreis Mühldorf - Am 23. September machten sich 18 Bürgerinnen und Bürger aus dem Landkreis Mühldorf auf Initiative des grünen Kreisverbandes auf den Weg in den landschaftlich reizvollen Rupertiwinkel.

Ihr Ziel war Kirchanschöring im Landkreis Traunstein, um dort von Hans-Jörg Birner, dem Ersten Bürgermeister, zu erfahren, wie seine Gemeinde Gemeinwohlökonomie umsetzt. Bürgermeister Birner erwartete seine Gäste an der Tür des Rathauses der oberbayerischen Gemeinde am Waginger See. Der Rathausbau ist ein Bauernhaus aus dem Jahr 1736. Sorgsam mit Gemeindemitteln restauriert, zeigt es sich heute mit stolzem Giebelbundwerk, farbenprächtige Geranien blühen freundlich auf den zwei Laubenbalkonen.

Kirchanschöring hat 3450 EinwohnerInnen und eine Gemeindefäche von gut 25 Quadratkilometern. Eine Vielzahl Vereine prägt das gemeindliche Leben. Die Menschen engagieren sich bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Obst- und Gartenbauverein, beim Stopselclub, im Theaterverein, bei der Wasserwacht oder sie spielen zusammen Kricket.

„Meine Vorgänger im Amt haben sich bereits in den 1990er Jahren gefragt, wie wir in Zukunft in Kirchanschöring leben wollen“, leitete Bürgermeister Birner seinen Vortrag ein. Damals ließ man gemeinschaftlich mit den Bürgern eine Liste ausarbeiten, welche mit 12 Punkten die Wünsche für das zukünftige Leben in der Gemeinde festhält. Darin sind Ziele beschrieben wie „Leben mit der Natur“ oder „Kulturlandschaft erhalten“. Daraus ergaben sich Fragen an: „Tun wir dafür das Richtige? Und tun wir die Dinge richtig?“

Gemeinwohlökonomie – was ist das?

„Mein Geschäftsführer hatte irgendwann auf einer Fortbildung Christian Felber gehört. Da war auch etwas für uns dabei“, erinnert sich Birner, „das war uns sofort klar.“ Christian Felber ist Mitautor eines alternativen Wirtschaftsmodells mit dem Namen „Gemeinwohlökonomie“. Darunter versteht man ein Wirtschaftsmodell, welches auf Kooperation statt auf Konkurrenz setzt. Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung stehen dabei im Mittelpunkt.

Funktioniert das? Es funktioniert für die mittlerweile 2200 Unternehmen, 400 Organisationen und über 9000 Personen, die diese Form des Wirtschaftens in ihrem Verantwortungsbereich an.wenden So auch Kirchanschöring.

Haus der Begegnung, anderes Wohnen und ganz viel Ehrenamt

Dort hat man ein Haus der Begegnung im Zentrum der Gemeinde errichtet, das in zehn Wohneinheiten und einer größeren Senioren-Wohngemeinschaft barrierefreies Wohnen ermöglicht, auf Wunsch mit Betreuung 7/24 inklusive. Auch erst einmal probeweise und auf Zeit. Im Haus gibt es einen Begegnungsraum und ein Café für die Allgemeinheit. Es ist eine Arztpraxis untergebracht und ein Sozialbüro. Auch VHS und Musikschule nützen gerne die Räume.

Die Gemeinde hat das Haus als Gesellschaft des öffentlichen Rechts errichtet, „um einer Privatisierung vorzubeugen“, erklärt Birner. Dank verschiedener staatlicher Fördermittel und Zuwendungen konnte die Eigenbeteiligung bei 10 Prozent der Baukosten gehalten werden. Innenverdichtung einmal anders: mit Belebung des Ortskerns. Die Gemeinde versteht sich also auf den Umgang mit Geld. Und sie hat ihre Finanzen bei einer ethischen Bank angelegt. „Wenn wir als staatliche Vertreter keine Werte vorleben, wie können wir es dann von den BürgerInnen erwarten?“ fragt der Bürgermeister.

Bürgermeister Birner und seine Mühldorfer Gäste im Rathaussaal der Gemeinde Kirchanschöring.

Kirchanschöring will „anders wohnen“. Dafür hat die Gemeindeverwaltung kürzlich eine Vorkaufsrechtsatzung für leerstehende Parzellen, wie es sie wohl in jeder Gemeinde gibt, installiert. „Wir setzen für die Zukunft weniger auf den Bau von Siedlungen mit Einfamilienhäusern“, betont der Bürgermeister. „Wenn man’s genau bedenkt, war das eine Entwicklung, die erst in den 1970er Jahren anfing. Zuvor wurden bei uns Häuser in größeren Formen gebaut. Und das ist wieder unser Vorbild.“ Kirchanschöring setzt auf kompakte Siedlungsstrukturen und auf den Holzbau. Kaufnteressenten – Singles, Familien mit Kindern, Alleinerziehende oder ein älteres Paar – gründen eine Bau GbR, ein Architekt übernimmt die Planung für ihre individuellen Bedürfnisse.

Die Grundstückskosten werden anteilig berechnet. Ein Bauträger wird nicht benötigt, das macht das Bauen insgesamt günstiger. Und es gibt Fördergelder. Auf der Gemeinde weiß man, wann wer in Ruhestand geht. Und die Verwaltung, die in engem Kontakt mit den Vereinen und BürgerInnen steht, weiß, wo helfende Hände benötigt werden. Bürgermeister Birner: „Wir bringen beides zusammen.“ Im Ehrenamt werden Einkaufsrundfahrten und ein SeniorInnen-Fahrdienst angeboten. Ein Sozialfond, in den alle einzahlen können, kümmert sich um die Härtefälle, „die un- vorhersehbar sind und jeden treffen können“.

So viel Nachhaltigkeit und Gemeinsinn beeindruckt die BesucherInnen aus dem Landkreis Mühldorf. Und zugleich frustriert es ein wenig: „Andere Gemeinden und Landkreise sind so viel weiter.“

Pressemitteilung Bündnis 90 / Die Grünen KREISVERBAND MÜHLDORF

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