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Nachgefragt in Berlin, Holzkirchen und Mühldorf am Inn

Kommt nun diesen Winter eine Insolvenzen-Welle in unserer Region? - Das sagen Experten

Kommt nun diesen Winter eine Insolvenzen-Welle in unserer Region? Hierzu haben wir, unter anderem, mit  Dr. Christoph Niering, dem Vorsitzenden des Verbands der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands e.V. (oben links) und Florian Loserth, Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht und stellvertretender Geschäftsführer des IHK-Regionalausschusses Altötting/Mühldorf (unten links) gesprochen.
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Kommt nun diesen Winter eine Insolvenzen-Welle in unserer Region? Hierzu haben wir, unter anderem, mit  Dr. Christoph Niering, dem Vorsitzenden des Verbands der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands e.V. (oben links) und Florian Loserth, Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht und stellvertretender Geschäftsführer des IHK-Regionalausschusses Altötting/Mühldorf (unten links) gesprochen.

Im Sommer diesen Jahres warnte das Amtsgericht München, es gäbe Anzeichen das im Winter nun eine regelrechte Welle von Insolvenzen auf ganz Bayern zukommen könnte. Wir haben uns bei Fachleuten aus Berlin, Mühldorf am Inn und Holzkirchen erkundigt, wie die Lage aktuell ist und wie sie sich weiter entwickeln könnte.

Berlin/Holzkirchen/Mühldorf am Inn - „Noch sieht es nicht danach aus, aber viele Unternehmer sind sehr nervös. Alle befürchten, dass da was kommen könnte. Aber die aktuell prognostizierten Zahlen an Insolvenzen lassen es noch nicht nach etwas, das man eine Welle nennen könnte aussehen“, berichtet Dr. Christoph Niering, Vorsitzender des Verbands der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands e.V. (VID) im Gespräch mit unserer Redaktion. „Aktuell werden für 2022 etwa 14.000 Insolvenzen prognostiziert. Das wäre noch unter den 19.000 die im Jahr 2019, das noch als gutes Jahr galt und vor allem weit unter den 33.000 die wir im Jahr 2009 als Folge der damaligen Wirtschaftskrise verzeichnen mussten.“

In Folge der Corona-Pandemie gab es bereits wiederholt Befürchtungen, eine Welle von Insolvenzen könnte anrollen. Zunächst wurde diese für den Herbst im ersten Corona-Jahr 2020 prognostiziert. Als sie dann weitestgehend ausblieb wurde im Folgejahr vermutet, dass sie stattdessen 2021 als Folge auslaufender Corona-Hilfen kommen müsse, was sich ebenfalls weitestgehend nicht erfüllte. Im August berichtete nun zuletzt der Bayerische Rundfunk (BR), dass sich das Amtsgericht München auf eine höhere Zahl von Insolvenzen einstellen und befürchtet würde, dass im Winter „was Großes“ auf uns zukommen kann. Energiekosten und Lieferengpässe würden Unternehmen erhebliche Probleme bereiten.

Nach nicht eingetretenen Prognosen für 2020 und 2021: Kommt diesen Winter eine Insolvenzen-Welle?

„Deutschlands Unternehmen erweisen sich trotz der Herausforderungen durch den Ukraine-Krieg bislang als robust. Die Zahl der Firmenpleiten war auch im ersten Halbjahr rückläufig. Doch jetzt befürchten Experten eine Trendumkehr“, berichtete zuvor im Juni die Deutsche Presseagentur (dpa) im August diesen Jahres. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen sei im ersten Halbjahr sogar rückläufig, wie die Wirtschaftsauskunftei Creditreform berichtete habe. Allerdings befürchteten die Experten angesichts der schwierigen konjunkturellen Rahmenbedingungen in der zweiten Hälfte eine Trendumkehr. Mit der Sorge über die künftige Insolvenzentwicklung stehe Creditreform nicht allein. Der Kreditversicherer Allianz Trade habe zuvor bereits prognostiziert, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland bereits in diesem Jahr um vier Prozent zunehmen könnte. 

„Wie gesagt, wir sind momentan noch weit von einer Welle entfernt. Man muss aber zunächst auch bedenken, dass zahlreiche Fälle gar nicht in den Insolvenzstatistiken auftauchen, die sogenannten ‚stillen Marktaustritte‘. Wenn der Metzger oder Bäcker, gerade in der derzeit angespannten Zeit, der Nachfolgersuche leid sein Geschäft zusperrt, dann ist das einer weniger, taucht aber natürlich nicht in der Statistik auf.“ So schloss etwa Ende Oktober die seit zahlreichen Generationen bestehende Metzgerei Stecher in Gars-Bahnhof. Grund dafür war, neben den steigenden Energiepreisen, dass Inhaber Franz Niedermaier auch keinen Nachfolger in Aussicht hatte. „Es ist die richtige Zeit zu gehen, mit der Preissteigerung und allem anderen. Wenn wir anfangen würden zu rechnen, wüssten wir nicht, wie das gehen soll. Erst recht nicht, wenn wir eine Pacht zu zahlen hätten“, berichteten wiederum die Bäckersleut Ingeborg und Franz Federkiel des Soyener Traditonsbetriebs ebenfalls Ende Oktober gegenüber den OVB-Heimatzeitungen.

„Eindruck, dass einige in Schieflage geraten sind“

„Aktuell ist die Lage vielschichtig. Viele Unternehmer haben das Problem, dass sie Projekte nicht abschließen können, weil Teile nicht lieferbar oder gegenüber der Kalkulation deutlich teurer sind. Die Energiepreise wirken sich noch nicht so sehr aus, da hier meist langfristige Verträge bestehen. Die werden erst voraussichtlich ab dem 1. Januar vermehrt einschlagen“, berichtet Florian Loserth, Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht und stellvertretender Geschäftsführer des IHK-Regionalausschusses Altötting/Mühldorf. „Die teilweise Zurückhaltung der Menschen beim Einkauf gerade von als ‚Luxus‘ gewerteten Artikeln macht entsprechend aufgestellten Betrieben Probleme. Besonders nicht akut notwendige Ausgaben werden vermieden oder zeitlich geschoben..“ Dies war bereits während der Hochzeit der Corona-Pandemie ein Problem vor allem für Trachtenläden der Region.

„In vielen Branchen, wie beispielsweise der Gastronomie wird es natürlich schwierig, da sich bei ihnen der seit 1. Oktober gestiegene Mindestlohn und die gestiegenen Lebensmittelpreise gleichzeitig auswirken werden, während eine Weitergabe der höheren Kosten durch den Preis an den Kunden nur eingeschränkt möglich ist“, führt Loserth weiter aus. - „Bei uns werden derzeit vermehrt Beratungstermine angefragt. Geschäftsführer kommen und lassen sich beraten, welche Möglichkeiten es gäbe, falls sie beispielsweise in die Zahlungsunfähigkeit geraten. Das vermittelt schon den Eindruck, dass aktuell einige Firmen im Umkreis in Schieflage geraten sind“, berichtet Birgitt Breiter, Fachanwältin für Insolvenz- und Sanierungsrecht aus Holzkirchen.

Insolvenzberater: Insolvenz muss nicht aus für Firma und Arbeitslosigkeit für Mitarbeiter bedeuten

„Zuletzt muss man ja auch sagen: Eine Insolvenz beziehungsweise ein Insolvenzverfahren muss bei weitem nicht das Aus für ein Unternehmen und die Arbeitslosigkeit für ihre Mitarbeiter bedeuten. Das gilt aktuell mehr denn je“, betont VID-Vorsitzener Dr. Christoph Niering, „Wir Insolvenzverwalter bemühen uns stets, möglichst in ein Sanierungsverfahren zu kommen und einen Betrieb zu erhalten. Wenn das nicht möglich ist, oder Entlassungen nötig sind, dann gibt es mehr denn je Möglichkeiten, dass selbst ältere Arbeitnehmer noch einen attraktiven neuen Arbeitsplatz, eventuell nach einer Umschulung, finden können. In vielen Fällen ist aber eine Insolvenz auch eine Chance, einen Betrieb neu aufzustellen, Schwächen und Probleme zu beseitigen und ihn dann wieder auf den Markt zurückzubringen.“

Dem stimmt auch sein Mühldorfer Kollege Florian Loserth zu: „Mit das prominenteste Beispiel, wo das gelungen ist, dürfte aktuell die Chiemgau Naturfleisch sein.“ Nach über 30-jährigem Bestehen musste die Chiemgauer Naturfleisch GmbH im August diesen Jahres in ein Insolvenz- und Sanierungsverfahren eintreten. Betreut wird dieses von Frau Rechtsanwältin Birgitt Breiter. „Es war eine Menge zu tun, aber Ende Oktober waren wir dann endlich wieder so aufgestellt, dass der Betrieb weiter am Markt bestehen kann“, berichtete sie bereits im Gespräch mit unserer Redaktion Anfang November und fuhr damals fort, „Und ich kann sagen: Der Betrieb ist toll, die Produkte sind gut, die Mitarbeiter hochengagiert! Wir haben keinen einzigen Kunden in der Zwischenzeit verloren und blicken optimistisch auf die nächste Zeit.“ Dazu stehe sie weiterhin. Inzwischen hätten sich außerdem mehrere Interessenten gefunden, die in das Unternehmen investieren wollen würden und so zusätzlich für eine Stärkung sorgen. „Und so ähnlich ist es in vielen Fällen. Und so ähnlich ist es in vielen Fällen. Wenn Sie eine gute Marke, ein gutes Produkt haben und nur wegen einzelner Probleme ins Straucheln geraten sind, muss das nicht das Aus sein; vielmehr kann die Sanierung durch ein Insolvenzverfahren gelingen.“

hs

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