Knapp am Gefängnis vorbei gekommen

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Mühldorf - Großes Glück hatte ein Fotograf, der jetzt vor Gericht stand. Er hatte es einem einzigen Umstand zu verdanken, dass er auf freiem Fuß blieb:

Wegen sexueller Nötigung und vorsätzlicher Körperverletzung verurteilte das Schöffengericht einen Fotografen zu einer Bewährungsstrafe. Dass der Angeklagte nicht ins Gefängnis muss, hat er alleine der Tatsache zu verdanken, dass er nicht vorbestraft ist.

Bis zuletzt beteuerte der Angeklagte seine Unschuld. Nichts sei vorgefallen an diesem 22. Oktober 2011. "Rein gar nichts." Zu keinem Zeitpunkt sei er mit dem Opfer alleine im Studio gewesen. Einen Übergriff, wie ihn die Frau, die als Nebenklägerin auftrat, schilderte, habe es nicht gegeben. "Ich bin ratlos und hilflos, wie es zu solchen Anschuldigungen kommen kann", sagte der Fotograf, der in der Region tätig ist.

Genau das war für das Schöffengericht um Richter Florian Greifenstein aber der ausschlaggebende Punkt. "Es gibt schlicht kein Motiv, warum sich die Nebenklägerin diese Geschichte ausdenken sollte", betonte Greifenstein in seiner Urteilsbegründung. "Denn der Angeklagte und die Nebenklägerin stehen in keinerlei Beziehung zueinander." Weder privat noch geschäftlich. Es war das zweite Mal, dass der Fotograf mit der Visagistin zusammenarbeitete.

Vorangegangen war ein Prozess, in dem Aussage gegen Aussage stand. Dabei schilderte die Frau den Vorfall so: Am 22. Oktober 2011 habe sie als Visagistin den Auftrag bekommen, ein Fotomodell zu schminken. Dass es dabei um Aktfotos der verruchteren Art ging, habe sie erst an besagtem Morgen erfahren, sagte sie.

Zweieinhalb Stunden dauerte das Fotoshooting, in dem auch Peitsche und Lederriemen als Requisiten zum Einsatz kamen. Die beiden Kunden verabschiedeten sich und verließen das Studio, die Maskenbildnerin blieb und packte ihre Sachen zusammen. Völlig unvermittelt habe ihr der Fotograf daraufhin ein Lederband um den Hals gelegt und sie bedrängt. "Von der einen auf die andere Sekunde hat er völlig die Kontrolle verloren. Das war bizarr, abartig und einfach eklig." Immer stärker habe er sie in den Schminkstuhl gedrückt und ihr keine Gelegenheit gegeben sich zu befreien - mit einem Bein zwischen ihren Beinen und der Hand unter ihrem Pulli. Der Versuch mit der anderen Hand in ihre Hose zu fassen scheiterte. "Erst als plötzlich sein Sohn ins Studio kam, ließ er mich los."

Völlig unter Schock sei sie anschließend nach Haus gefahren, erzählt die Visagistin. Dort habe sie sich zunächst ihrem Mann anvertraut, zwei Tage später habe man eine befreundete Ärztin zu Rate gezogen, die wiederum den Kontakt zu einem Rechtsanwalt herstellte. Dieser stellte schließlich im Auftrag seiner Mandantin Strafanzeige.

"Warum sind sie denn nicht am gleichen Nachmittag zur Polizei?", wollte der Verteidiger wissen. "Ich stand unter Schock und habe mich geschämt. Da rennt man nicht gleich zur Polizei und erzählt alles noch einmal", lautete die Begründung.

In der Folge ging es vor allem darum, den Ablauf des Vormittags zu rekonstruieren. Als Zeugen sagte die Kundin des Fotoshootings, der Ehemann der Visagistin, die zuständige Kripobeamtin und ein weiterer Kunde aus, der den Laden allerdings erst gegen 12.15 Uhr betreten hatte. "Letztlich bleibt ein Zeitfenster von einer dreiviertel Stunde, in der sich die Geschichte abgespielt haben kann", fasste Richter Florian Greifenstein zusammen. Zwei junge Mädchen, die angeblich zur gleichen Zeit Passfotos abgeholt haben, konnten nicht ermittelt werden. Und der Sohn machte von seinem Zeugnisverweigerungsrecht gebrauch.

Die Staatsanwaltschaft plädierte für eine Freiheitsstrafe von 21 Monaten - ohne Bewährung. "Es ist kein minder schwerer Fall. Und es gibt kein Geständnis." Dass die Schilderungen des Opfers der Wahrheit entsprechen, machte der Staatsanwalt vor allem an einem Detail fest: "Sie hätte ihn ohne Probleme stärker belasten können, als es darum ging, wie weit er mit seiner Hand an der Hose gekommen ist. Aber mit ihrer Aussage hat sie ihn ja zu diesem Punkt eher entlastet."

Zu viele Widersprüche taten sich dagegen für den Verteidiger auf. "Zu viele Zweifel bleiben", sagte er und plädierte auf Freispruch.

Das Schöffengericht tat sich mit der Entscheidung nicht leicht, knapp eine Stunde dauerte die Beratung. Am Ende stand eine Freiheitsstrafe von 15 Monaten - ausgesetzt zur Bewährung auf drei Jahre. "Rein nach dem Gesetzestext ist es kein Fall für eine Bewährung mehr", machte Richter Greifenstein deutlich. Nur die Tatsache, dass keine Vorstrafen bestehen, habe den Angeklagten vor einer Gefängnisstrafe bewahrt. Neben den Kosten des Verfahrens muss er zudem 500 Euro an den Waldkraiburger Verein "Frauen helfen Frauen" bezahlen. Noch im Gerichtssal kündigte der Verteidiger an, in Berufung zu gehen.

ha/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © dpa

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