Kinderpornos zur Orientierung

Mühldorf - Weil er kinderpornographische Bilder auf seinem PC gespeichert und zwei Kurzfilme entsprechenden Inhalts per Mail verschickt hatte, wurde ein 54-jähriger Mann zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Die Fakten standen außer Frage. Und so versuchte der Angeklagte erst gar nicht, sich in Ausflüchte zu retten. Sowohl bei seiner ersten Vernehmung bei der Polizei als auch jetzt vor dem Schöffengericht um Richter Florian Greifenstein räumte er den Vorwurf des Besitzes und der Verbreitung kinderpornographischer Schriften voll ein.

Was nachdenklich stimmte, waren die Aussagen, die der 54-Jährige in diesem Zusammenhang gemacht hatte. Und so musste der Richter mehr als einmal alle Beteiligten daran erinnern, dass es hier nicht um eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs ging.

Zur Vorgeschichte: Am 14. August letzten Jahres hatte der gelernte Agraringenieur die beiden Filme an einen Mann in Mönchengladbach verschickt, den er übers Internet kennen gelernt hatte. Der Empfänger zeigte den 54-Jährigen daraufhin bei der Polizei an, die im Januar eine Hausdurchsuchung durchführte. Auf dem beschlagnahmten Computer entdeckten die Kripobeamten 40 kinderpornographische Bilder, die laut Greifenstein "Missbrauch übelster Sorte" zeigen. Von Anal- und Oralverkehr von Kindern im Grundschulalter war ebenso die Rede wie vom Geschlechtsverkehr mit Mädchen im Vorschulalter.

In seiner ersten Stellungnahme ging der Angeklagte auf seine persönlichen Verhältnisse ein. Jahrelang habe er seine Homosexualität unterdrückt und sich nach der Trennung von seiner Ehefrau in einer Orientierungsphase befunden. "Ich wollte herausfinden, was für mich stimmt. Heute weiß ich: Jüngere Männer ziehen mich an, aber Kinder sind es nicht", sagte er und stellte anschließend klar: "Ich habe noch nie etwas mit einem Kind gehabt."

Im Verhör mit der Kriminalpolizei waren die Ausführungen extremer ausgefallen. Auf die Frage "Sind Sie der Meinung, dass sich Erwachsene Kindern sexuell nähern dürfen?" hatte der 54-Jährige damals geantwortet: "Wenn das Kind so etwas will, vielleicht schon." Und weiter: "Man muss einem Kind doch auch geben, was es braucht." Deshalb sei die Erstellung derartiger Bilder seiner Ansicht nach nicht automatisch mit Schmerzen für das Kind verbunden.

Diese Sätze wollte der Angeklagte so vor Gericht nicht mehr stehen lassen: Er sei von der Kripobeamtin wie ein Kinderschänder behandelt und massiv unter Druck gesetzt worden. Die Aussage sei in einem für ihn sehr aufwühlenden Gespräch entstanden.

Die Kripobeamtin widersprach im Zeugenstand dieser Darstellung: "Ihm fehlte einfach jedes Unrechtsbewusstsein." Ob sich das in der Zwischenzeit eingestellt hat, war eine der zentralen Fragen für die Staatsanwaltschaft, die ihm den Sinneswandel nicht abkaufte. Dass der Angeklagte nun von seiner Aussage bei der Kripo abrücke, sei nichts als Taktik. "Außerdem hat er hier vor Gericht von der ersten Minute an versucht, sich vom Täter zu einem Opfer der Gesellschaft zu machen." Die Staatsanwältin forderte deshalb eine Freiheitsstrafe von 22 Monaten, dazu 250 Sozialstunden Arbeit. Die Verteidigung plädierte angesichts der fehlenden Vorstrafen und der "Ehrlichkeit vor Polizei und Gericht" auf vier Monate.

Das Schöffengericht verurteilte den Mann letztlich zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Von einer Geldstrafe sah das Gericht ab. Schließlich habe der Angeklagte die Kosten des Verfahrens zu tragen. Dabei schlage alleine ein Gutachten mit 1500 Euro zu Buche.

Darüber hinaus hat der Mann, der zuletzt als selbstständiger Bewerbungstrainer tätig war, aufgrund der Ermittlungen sämtliche Auftraggeber verloren. Für die Arbeitsagentur hatte er in der Vergangenheit immer wieder auch Coachings für Jugendliche durchgeführt.

ha/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © dpa

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