Kindergarten wird erwachsen

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Mühldorf - Seit 21 Jahren gibt es im Waldorf-Kindergarten eine integrative Gruppe: Die Kinder lernen, miteinander zu leben. Nun feiert die Gruppe ihren 21. Geburtstag.

Mit Feile und Laubsäge stehen Samuel (6) und Mario (4) schon um 9 Uhr morgens an der kleinen Werkbank - Samuel feilt an einem Holzschwert und Mario sägt an einem Brett. Marlene (5) und Amelie (3) spielen mit bunten Tüchern - gemeinsam hängen sie sie über abgeschnittene Baumstämme und fertig ist die kleine Höhle. "Marlene kommst du", ruft Amelie aus dem bunten Versteck. Mario hat sich derweil eine andere Beschäftigung gesucht - in der Puppenecke rührt er in einem kleinen roten Topf. Darin sind Holzkugeln, Tannenzapfen und Nüsse. Natürliche Spielmaterialien gehören zum Konzept des Waldorf-Kindergartens.

Samuel, Mario, Marlene und Amelie gehen in die Gänseblümchen-Gruppe des Mühldorfer Waldorf-Kindergartens. Die Gänseblümchen-Gruppe ist die integrative Gruppe und feiert heute ihr 21-jähriges Bestehen. Auf den ersten Blick ist aber nicht zu erkennen, welche der 14 Kinder besonderen Förderbedarf haben - und auch die Betreuerinnen legen großen Wert darauf, keinen Unterschied zwischen den Kindern zu machen. "Die Kinder sollen ohne Vorbehalte miteinander leben, das gehört einfach dazu", sagt Kindergartenleiterin Judith Bauer. "Inkludiert statt integrativ", nennt Nicole Ritter das Konzept, mit Alexandra Hutterer und Philipp Hoßfeld ist sie gleichberechtigter Kindergarten-Vorstand.

Inklusion war vor 21 Jahren auch Grund für die Gründung der integrativen Gruppe. "Es war eine Familie mit Bedarf da", erzählt Judith Bauer. Und die Regelgruppe sei der Kinderzahl ohnehin nicht mehr gerecht geworden, so wurden die Gruppen aufgeteilt. "Platz war da und wir hatten die Möglichkeit Integrativ-Kinder einzubinden", sagt Nicole Ritter. Eine Erzieherin, eine Kinderpflegerin, eine Heilpädagogin und zwei Praktikantinnen kümmern sich jetzt um 14 Kinder, fünf davon mit Förderbedarf. 15 Plätze hat die Gruppe. Wenn die Kinder morgens ankommen, dürfen sie frei spielen, danach steht Aufräumen auf dem Tagesplan, bevor sich die Kinder im Morgenkreis begrüßen, singen, gemeinsam spielen oder den Tag besprechen. Nach einer gemeinsamen Brotzeit geht es los zu einem Spaziergang im Stadtpark und um 13 Uhr gibt es Mittagessen - bei der Zubereitung helfen die Kinder mit.

"Beim Waldorf-Konzept werden die Kinder wie in der Familie in den Tagesablauf einbezogen", erklärt Bauer, "sie sollen sich verantwortlich fühlen und lernen, ernsthaft eine Aufgabe zu übernehmen." Die Betreuerinnen fungieren als Vorbilder, ebensowichtig ist ein fester Rhythmus und intensives Spielen. "So lernen die Kinder, sich auf eine Sache zu konzentrieren", erklärt die Kindergartenleiterin. Und dass es keine Regeln gebe, sei ein Gerücht, betont sie, auch wenn die Kinder die Regeln nicht als Regeln empfinden. "Weil sie gelebt werden und nicht festgeschrieben an der Wand hängen", erklärt sie. Eine Heilpädagogin arbeitet mit den Kindern in Einzel-Therapiestunden.

Momentan sind in der Gänseblümchen-Gruppe Kinder mit Entwicklungsverzögerung oder geistiger Behinderung. Das Waldorf-Konzept mit der speziellen Bewegungslehre, der Heileurhythmie, ist aber auch für Kinder mit körperlicher Behinderung geeignet. Nur sind es die Kindergarten-Räume im ersten Stock nicht. Das soll sich mit dem für Anfang 2012 geplanten Umzug ändern. Gemeinsam mit der städtischen Kinderkrippe soll der private Waldorf-Kindergarten dann ins neue Baugebiet südlich der Oderstraße ziehen.

Nach der Waldorf-Pädagogik wird das Kinderleben in Sieben-Jahres-Schritte eingeteilt. Bis sieben Jahre entwickelt sich die Persönlichkeit zum Schulbeginn, mit 14 beginnt die Pubertät, mit 21 Jahren das Erwachsenen-Leben. Mit 28 ist es Zeit, eine Familie zu gründen und mit 35 Jahren zurückzublicken. So beginnt für die Integrativgruppe jetzt das Erwachsenen-Leben.

nl/Mühldorfer-Anzeiger

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